Blog
24. Januar 2022

(Hamburg)
Oft hören wir den Fernseher des Nachbarn, wenn er Champions League oder DFB-Pokal schaut und alles lauthals kommentiert, daran haben wir uns gewöhnt. Aber heute ist es anders: Eiskalt hallen die Stimmen von Heydrich und Eichmann durch unseren dunklen Flur, es ist der blanke Horror. Er zieht sich "Die Wannseekonferenz" im ZDF in Stadionlautstärke rein. (ow)

21. Januar 2022

(Hamburg)
den zerrütteten zustand der sozialen kontakte zeigt diese pflanze. vor der seuche war ich etwa einmal im monat zu gast in der wohnung dieser pflanze. ich kam stets gerade noch rechtzeitig um das granulat in dem die pflanze immer schon mehr vegetiert als wächst zu wässern. nun sind diese besuche viel seltener und die pflanze ist tod. das scheußliche granulat firmiert unter dem namen seramis, was mich in seiner plumpen anspielung auf die hängenden gärten der semiramis schon immer fürchterlich aufregt. der technische ausdruck für das granulat, was in büros und anderen eher pflanzenfernen orten in pflanztöpfen zum einsatz kommt, lautet: blähton. gerade erfahre ich, dass die pflanze einging, weil sie eine zeitlang auf dem winterlichen balkon stand. was mich an die geschichte der ökotrophologin erinnert, die mich fragte warum ihre basilikumpflanzen immer eingehen, auf meine frage wo diese stehen, entgegnete sie erstaunt, na wo wohl im kühlschrank, bei den anderen frischen lebensmitteln. (nor)

 

(gm)

19. Januar 2022

(Berlin)

Die Inzidenz hier liegt jetzt über 1000 – nur dank Marzahn-Hellersdorf, ein Berliner Bezirk der wegen technischer Probleme keine Daten mehr übermittelt, sonst wäre sie höher. Vor zwei Tagen schickte E. einen Screenshot von der roten Kachel der Warn-App und fragte: «Was muss ich jetzt tun?» und gestern hatte ich meine erste rote Warnung. Ich habe nichts gemacht, außer meinen regelmäßigen Gang zum Testzeltchen. Mittlerweile finde ich es hat was Sexuelles. Man weiß nie so genau, wer da ist, um einen das Stäbchen einzuführen und wie tief es reingesteckt wird. Wenn es mir nicht reicht, beuge ich mich einfach weiter nach vorn.

Meine Boosterimpfung ist drei Monate her und damit nicht mehr viel wert. Die Ärztin sagte mir, dass der Impfschutz, der komplett schützt und in der Rachenschleimhaut aufgebaut wird, nach zwei Monaten weg ist. Danach geht es nur noch darum, wie schlimm die Infektion verläuft. Das gleiche Phänomen haben ja zeitgleich viele andere.

Mein Bruder schenkt mir immer zu Weihnachten einen Gutschein vom MediaMarkt. Letztes Jahr habe ich den für FFP2-Masken ausgegeben – 10 Stück für knapp unter 30 Euro, im Winter 2021 ein Schäppchen! – und dieses Jahr für einen Pulsoximeter.

E. schreibt abends: «Ich langweile mich.» «Bestell’ dir doch was im Internet! 😉 Weißt du noch, wie du vor zehn Jahren Veganerin werden wolltest mit dem Buch von Attila Hildmann?»

Ich backe einen Clementinenkuchen. Sehr orange und sommerlich schaut er aus. Soll ich mir neue Handtücher in Gelb, Orange und Rot bestellen oder nicht? Ich wärme die Linsen-Tomaten-Kokos-Suppe nach Ottolenghi auf. Ein Tag, an dem alles egal erscheint. Willkommen zuhause! Ich greife zur Häkelnadel und mache den nächsten Versuch eines Mohair-Pullunders.

Theatervorstellungen werden reihenweise wegen Krankheit in den Ensembles abgesagt und Premieren verschoben. «So billige Träume. Und so gut» von René Pollesch kommt statt Januar erst im Juni. Vorgeschickt wird als Ersatz oft Sophie Rois mit dem Einpersonenstück «Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater» – ihr erinnert euch?

Der Häkelschal ist noch nicht übergeben, die zu Beschenkende stand unter Coronaverdacht. Heute ihre Nachricht: «Ich bin genesen. Wollen wir uns heute treffen?» Ich fahre aber aus der Stadt raus, um mit W. seine Ausstellung weiter aufzubauen. Ich werde zum Coronabeauftragten ernannt, der die gültigen Veranstaltungsbedingungen recherchieren soll.

E. schreibt: «Die Impfgegnerin lässt sich jetzt absichtlich anstecken.» «Die würde ich endlich mal entfreunden ... dümmer geht’s nimmer.»

Die Affenpalme wächst prächtig. Der «Blue Monday» kommt und geht. Das bestellte Pulsoximeter ist gekommen. Die Ausstellung steht. Der Mohairpullunder wird größer. Erstmals mehr als 100.000 Neuinfektionen. Das Warten auf die «vierte Impfung» beginnt. (pp)

 

19. Januar 2022

(Südeuropa / Schweiz)
Die Ausstellung bei M. war schon wild. Viel Besäufnis. Unterkünfte eigentlich über Niveau, wir waren alle über Airbnb in echt schicken Unterkünften untergebracht, die meisten mit Pool. Also M. hat sich finanziell glaube ich etwas übernommen, weil verkauft wurde leider fast nix. Dann gab es noch so Leute, die das Ganze digital aufgenommen haben und so VR Brillen dabei hatten. Ich mag dieses VR nicht so, eins geht da einfach durch Gebäude durch, ohne davon irgendwas zu merken. Alles sehr unreal, aber dafür wiederum zu wenig aufregend. Die Ausstellung im Hotel ist ganz schön geworden, der Aufbau war aber stressig, bisschen chaotisch und M. hat halt fast jeden mal angeschrien. Am Ende hat M. aus Versehen leider auch noch sein Auto in 'ne Wand gefahren. Insgesamt wenig ruhige Zeit mit M., daher schwer zu sagen, wie es ihm eigentlich geht. Er hat uns in unserem Haus 2,5 Autostunden nördlich von ihm bisher noch nicht besucht, er habe immer so viel zu tun, sagt er. Hat glaub' ich sehr viel Besuch. Sein Haus ist schön gelegen und hat einen grossen Garten, geheizten Pool und Sicht aufs Meer. Und ich glaube das Meer ist für ihn sehr wichtig.

Nun fällt mir Gaston Bachelard ein, dessen "Violent Water" in "Water and Dreams" ich grad lese. Der Ozean, das Wasser was salzig und gewaltig ist. Mir selber sind die Flüsse am liebsten. Der Fluss auch hier in dieser stark kalkhaltigen Landschaft wo ich herkomme, hat jetzt im Winter das allerklarste Wasser. Allein dafür mag ich den Winter genauso wie den Sommer, die Kälte macht die Dinge klar und lässt viel besser in die Tiefe blicken. (nn)

18. Januar 2022 »Bist du der Staat?« – Herbert Achternbuschs Film Bierkampf

Als ich zur Grundschule ging, in der zweiten oder dritten Klasse, kam mal der Verkehrskasper zu uns in die Schule. Der Verkehrskasper war der Hauptdarsteller in einem aufwendigen Marionettentheater, das mehrere Polizisten erst umständlich in der Turnhalle aufbauten, um dann hinter den Kulissen zu verschwinden und von dort aus den Kasper und die anderen Figuren zu steuern und zu sprechen. In dem Stück ging es hauptsächlich um die korrekte Einhaltung von Verkehrsvorschriften und das, was droht, wenn man diese nicht beachtet. Das Ganze kulminierte zuletzt aber in einem furiosen Finale mit einer Verfolgungsjagd durch die naturalistisch gestaltete Großstadtkulisse. Ich kann mich noch erinnern, dass ich es damals zugleich beeindruckend und unangemessen fand, dass da echte Polizisten in ihren echten Uniformen hinter die Bühne stiegen und Marionettentheater für uns spielten. Es hatte für mich etwas Komisches, das die Autorität der Beamten zersetzte.

 

Der Film Bierkampf von Herbert Achternbusch, entstanden 1976, greift, oberflächlich betrachtet, das bekannte »Hauptmann von Köpenick«-Motiv auf: Wie in der Urversion findet auch in Achternbuschs Film die Hauptfigur »Herbert«, gespielt von Herbert Achternbusch selbst, durch irgendwelche Umstände eine Uniform und zieht sie sich an, um mit den Effekten, die dieses Zeichen einer offiziellen Rolle bei Anderen erzielt, zu spielen. Ein wesentlicher Unterschied und ein Grund, warum Achternbuschs Film wohl nie als pädagogisch wertvolles Werk im Deutschunterricht behandelt werden wird, liegt dabei aber im jeweiligen Umgang mit den gefundenen Rollen: PDF kostenlos weiter lesen

 

 

18. Januar 2022

das patenkind textet auf der suche nach einen praktikumsplatz: "... am besten nichts mit kunst sondern eher mit macht und geld" (sr)

17. Januar 2022

(Kyoto)
Ich lese die Besprechung eines Debütromans, in dem die Großmutter die Geschichte von einer Tigerin erzählt, die gern erdnussgroße Kinderfußzehen ablutscht. Die erschrockene Enkelin fürchtet sich noch mehr, als sie bemerkt, dass auch der eigenen Mutter drei Fußzehen fehlen. Mein Großvater verlor in der Eiseskälte des Russlandkrieges die große Zehe, ich erinnere mich nicht, ob die rechte oder die linke, ob ihm weitere Zehen fehlten. Dabei war es nicht so, dass er seine nackten Füße vor mir verbarg. Im Konversationsraum erzählt M. zum neuen Jahr von Hitlers Tigern, dass er als 14jähriger einen in Papier nachgebaut hat. Sogleich hält er das Modell vor die Kamera. Als Laie erscheint mir das Kanonenrohr etwas lang, es hängt auch durch. Ich frage mich, ob er diesen Papierpanzer seit sechs Jahren auf seinem Schreibtisch stehen hat. M. erzählt vom Einsatz der Tiger, der Furcht, die sie entfachten und den Berichten der gegnerischen Armeen, die sich brüsteten, Tiger in so großer Zahl abgeschossen zu haben wie sie doch niemals überhaupt produziert worden waren. Ich denke wieder an Großvater, an eine militärische Auszeichnung, weil er mit zwei Kameraden und einer Panzerfaust einen russischen Panzer außer Gefecht setzte. Auch an vergilbtes Papier, einen Bericht und ein Foto eines Panzers im Schnee, aus dem es qualmt. Später stoße ich bei Theaterstücken auf „Der Entenstörer“, stelle mir einen Mann vor, der schnatternde, gründelnde und sich das Gefieder putzende Entenpaare aufscheucht und jagt. (ast)

17. Januar 2022

(Berlin)
Am Altpapier fragt mich die vor kurzem verwitwete Dame aus Nr. 14, ob ich vielleicht Interesse habe "an den, na Sie wissen schon, erotischen Filmen" des Verblichenen. Sie würde die offenbar umfangreiche Sammlung günstig abgeben.

(Die Witwe meines ehemaligen Chefs war verzweifelt, weil sie mangels Passwort nicht an das in der Cloud versammelte anrüchige Material herankam, bevor der Computer als Gelehrten-Nachlass nach Marbach ging.) (dl)

15. Januar 2022

(Hamburg)
"klopapier nur für geimpfte" heißt es auf einem plakat der demo "Solidarität und Aufklärung statt Verschwörungsideologien"
wir sind über 3000 menschen. die sogenannten "schwurbler" gegen die demonstriert wird, haben sich allerdings in ähnlicher personenstärke andernorts in der stadt versammelt. (nor)

13. Januar 2022

(Berlin) Ich bekomme weitere Dankes-Nachrichten: «Today I feel bit pain and the influence of the jab, but I’m ok. I did it thanks to you and being unfriendly to me I realise I must do it.» Und «I’m ok. I know it’s very important to get vaccinated. Thanks to you I did it. I feel very good energies for a very new year for us all ❤️❤️❤️💋💋💋»
Ich fange den nächsten Schal an, es gibt immer jemanden zu beschenken. Mit extra dicker Print-Wolle im Seed Stitch, schaut verhäkelt ein bisschen pixelig aus. Und nach Topflappen! Fange einen zweiten in einer anderen Technik mit Plushes an. Überzeugt mich auch nicht. Vielleicht fange ich zwischendurch mit einem Pullunder aus Schurwolle als Test für welche aus Mohair an. Squished Singles? Griddle Stitch! Tripplets? Billows! W. hat kurzfristig seine erste institutionelle Einzelausstellung bekommen, außerhalb der Stadt. Er und der Kurator kommen mit den Bildern im Transporter dort an, ich fahre mit der S-Bahn. (In der S-Bahn sehe ich zum ersten Mal jemanden, der die Haltestangen desinfiziert). Gut, dass ich hingefahren bin, ich kann den entscheidenden Hinweis geben, wie die Wände aufzustellen sind. Habe mich an den Notationen von Häkelmustern orientiert. Am nächsten Morgen stehe ich auf und checke die Liste der Coronavirus-Tests vom Paul-Ehrlich-Institut nach besonders sensitiven und wo man die herbekommt. Anscheinend ist das nicht so einfach für Endverbraucher. Werde auf die neue Liste warten, die Omikron beinhaltet.
Ich habe eine Lieblingsteststation. Es ist ein Pavillonzeltchen in dem ein junger Mensch steht und es ist selten eine Schlange davor – sehr sympathisch. Kostet nichts und schadet nicht. Ich telefoniere mit meinem Bruder – er hat Geburtstag. Schon seit vor Weihnachten möchte er abnehmen, geht deshalb jeden Tag fünf bis zehn Kilometer laufen und isst weniger und anderes. 20 bis 25 Kilo weniger sind sein Ziel, ein bis zwei Kilo pro Woche. Er weiß schon gar nicht mehr, ob Gastwirtschaften und Kneipen überhaupt offen haben. Es fällt mir schwer, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Omikron mich treffen wird. Nach zwei Jahren Generve. Hole mir den C89-Sampler. Wie sich wohl ein C19-Sampler anhören würde? (pp)

11. Januar 2022

zweierlei tiger

10. Januar 2022

(Hamburg, Kyoto)
ich betrachte eine postkarte aus japan die einen tiger zeigt. und (ast) erklärt.

auf der rückseite der karte gibt es kästchen in die man sorgfältig etwas eintragen könnte, wobei zwischen dem 3 und 4 kästchen eine winzige verbindung gelegt ist.

das ist eine vorgefertigte neujahrskarte für das versenden im inland, oben die kästchen sind für die postleitzahl der empfangsperson.

die kästchen wiederholen sich am unteren bildrand, hier sind sie aber nur noch mit gestrichelter linie gearbeitet und der verbindungsstrich fehlt, warum es jeweils 7 kästchen sind verstehe ich nicht.  

unten für die absendepostleitzahl, die ist hier im land sieben zahlen lang.

außerdem gibts so etwas wie eine blüte in rot.

wahrscheinlich symbolisierte pflaumenblüte.

darunter schriftzeichen und unten in grün stilisiertes blattwerk an dünnen ästchen, oder aber es ist grünes feuerwerk über berggipfeln.

wahrscheinlich japanische kiefer, auf den neujahrskarten hier meist in kombination, kiefern und pflaumenblüte.

und noch ein völlig unverständliches rotes zeichen daneben, eine art doppelkugelige flasche mit schwänzchen ... alles höchst sonderbar. 

das müsste das logo des ladens sein, da ist in dieser doppelkugeligen flasche im hiragana-silbenalphabet わしくらぶ geschrieben, das ist der name des ladens, mit kanji 和詩倶楽部, in unserem silbenalphabet schlichtweg "washiclub"

auf der vorderseite wiederholt sich das blattwerk und es gibt einen roten stempel links unterhalb erneuter schriftzeichen, vielleicht die künstler signatur.

ich meine, der rote stempel könnte das kanji für tiger, , gewesen sein. die erneuten schriftzeichen wahrscheinlich賀正、gashou, der auf neujahrskarten verwendete gruß für ein frohes neues jahr. (ast/nor)

8. Januar 2022

(Berlin)
Kreuzberg 806,6. Jetzt geht's hinaus auf hohe See. (dl)

7. Januar 2022

(Berlin) Der Sieben-Tage-Index ist bei über 500. Ich sage einer Freundin ab, dass ich doch nicht spazieren gehen will. Eine andere sagt mir ab, sie hat Menstruationsschmerzen. Wenn’s nicht rund läuft, musst du pushen. Also backe ich einen griechischen Neujahrskuchen. Er geht hoch wie eine Eins. Habe das Bedürfnis nach mehr Covid-Tests. Gehe zu dm und kaufe die Maximalanzahl pro Bürger: 5. Eine WhatsApp-Nachricht von der Freundin, die ich beim Optiker getroffen hatte: «Darling, I’m just telling you that I got vaccinated with Moderna. Just because you got that mad at me.» Der Tag ist doch nicht so ganz scheiße – ich möchte heulen und ihr spontan einen Schal häkeln! Ich antworte: «WONDERFUL! 💋💋💋 I’m proud of you! 🎉»

Ich habe ein wenig Bauchmuskelkater und verschiebe das geplante Turnen auf morgen. Ein Anruf. Er ist Kontaktperson. Was ist jetzt zu tun? Ich habe nach fast zwei Jahren immer noch keine Ahnung und ich hatte immer gehofft, dass es nicht auf einen Freitag abend fällt, wenn alle Ärzte zu haben, aber natürlich tut es das. Ich rufe eine Freundin an. Sie sagt, ruf bei der Hotline an. Die Hotline sagt, wenn kein Abstand, keine Maske und länger als 15 Minuten oder eines davon: Quarantäne. 7 Tage. «Freitesten» nach 5 Tagen mit PCR, nach 7 Tagen mit Schnelltest. Bezahlter PCR-Test nur bei Symptomen. In der Presse steht was von Quarantänebefreiung für geboosterte Kontaktpersonen. Ich schaue bei der Bezirksseite nach. Dort steht 14 Tage Quarantäne für Varianten-Kontaktpersonen und für Geboosterte keine Ausnahme. Später am Abend kommen die neuen Richtlinien raus. Hauptrichtlinie: Keine Quarantäne für geboosterte Kontaktpersonen – vielleicht aber nach Bundesland unterschiedlich. Die Lokale Tageszeitung sagt: Keine Quarantäne für geboosterte Kontaktpersonen. Multiple Choice. (pp)

6. Januar 2022

(Berlin)
Nichts geht mehr unkompliziert. Wenn ich turne, muss ich vorher saugen und wischen und danach duschen und fönen – schon sind zwei Stunden weg. Wenigstens überhaupt mal wieder geturnt. Und dabei die türkise hautenge Plastikhose angehabt, die ich bei meiner Mutter aus einem Beutel gezogen habe. Fühlte sich sehr gut an.

 

Es ist der 6. Januar und die Weihnachtszeit ist vorbei, auch wenn ich heute Lebkuchen von meiner Mutter im Küchenschrank gefunden habe. Heute ist bei meinen Eltern Feiertag und es wird eine Messe für unsere Familie gelesen, wie mir meine Mutter erzählte.

Dem extra nicht bei Amazon, sondern bei Wordery bestellten Häkelmusterbuch muss ich nach fünf Wochen hinterher mailen. Dafür habe ich es gestern abend nach zwei Tagen endlich geschafft, das Häkelmuster mit Wellen und Plushes so zu modifizieren, dass das Schal eine gute Breite hat. Eine Freundin sagt, ich könnte meine Schals bei Etsy verkaufen. Ich bezweifle das.

Vorgestern habe ich die «C»-Sampler vom NME und weitere davon inspirierte Sampler entdeckt; der «C90»-Sampler bringt gute Laune. Zwei hab ich noch nicht und in zwei Wochen erscheint der 91-er. Eine Freundin weist mich auf Sarah Records hin, die ich bisher nicht kannte.

 

Meine Arbeitgeberin bezieht ab Oktober ein neues Büro. Mindestens so lange habe ich Home Office und wenn sich Corona so lange hinzieht oder wieder oder was ähnliches aufflammt darüber hinaus. In der Videokonferenz gibt es nichts zu besprechen, deshalb dauert sie umso länger. Ich hasse Zoom, weil man zwei Clicks braucht, um die Konferenz zu verlassen und nicht nur einen, wie bei Starleaf. Irgendjemand hat meinen Trash mit über 50.000 ungelesenen Mails aus über 10 Jahren gelöscht.

 

Die Inzidenz in Berlin liegt aktuell bei 460 mit einem Wochentrend von +64%. Ich bin froh, dass ich bei meinen Eltern war. Ohne W. hätte ich die Tickets nie gebucht und wäre glatt in Berlin geblieben. Im Dezember hätte ich fast einen Flug nach Mallorca gebucht, als die Zahlen dort bei 90 lagen und Spanien als Musterländle galt. Ich schmeiße die schwarze Stoffmaske weg, die mir mein schwuler Sportverein letztes Jahr geschickt hat und die ich nur einmal zur Beerdigung von W.s Oma vor einem Jahr getragen habe.

 

Die Sonne scheint als Reflexion vom Aufzug gegenüber in meine Wohnung. Ich esse noch einen Lebkuchen, mache die Tageslichtlampe an und drehe die Musik lauter.

Ich bin genervt. Auch davon, dass ich genervt bin. Dabei fühle ich mich gesund, bin 3-fach geimpft und habe kein Corona! Zumindest hat mich die Angst noch nicht wieder ganz im Griff, ich bin z.B. im Supermarkt recht entspannt. Der «Blue Monday» kann also kommen. (pp)

5. Januar 2022

(Berlin)
Welche Viren sind eigentlich noch unterwegs? Ein FB-Bekannter, den ich persönlich nie kennenlernte, übermittelt mir ungefragt seine Einwände gegen die Corona-Politik und gibt mir zwei Stunden Zeit, sie zu beantworten. Andernfalls werde er mich blockieren. Die beste Weise, mit mir ins Gespräch zu kommen. (dl)

4. Januar 2022

"It's official. Masks are the new normal. If you are a health care worker, safety or city employee, or working in any other industry requiring staff to wear masks during an entire shift, then you understand why an ear saver may become your new favorite crocheted accessory."

Text und Foto: Tia Davis

4. Januar 2022

(Berlin)
Zum ersten Mal entwickle ich selber ein Häkelmuster, eine Freundin wünscht sich ein Schal mit Wellenmuster. Ich hatte ihr gesagt: Möglichst dicke Wolle, damit es schnell geht, aber nicht bedacht, dass ich für Wellen eine gewisse Breite brauche. Noch nie habe ich so viel aufgetrennt: Zu breit, zu wenig wellig, zu dicke Plushs. Ich hoffe auf den Durchbruch heute. Damit es im Zweifelsfall etwas breiter werden kann, habe ich heute morgen ein weiteres Knäuel besorgt.

 

Auf dem Weg zum Wollladen verlaufe ich mich und die ehemalige Mitbewohnerin meines ersten Freundes in Hessen kommt mir entgegen. Wow. Ich schaue sie lange an, aber sie erkennt mich nicht und ich spreche sie ebenfalls nicht an. An Neujahr hatte ich den überraschenden Gedanken, meinen Ex zu kontaktieren. Obwohl ich ihn eigentlich nie wieder sehen und auf keinen Fall etwas mit ihm zu tun haben möchte. Er wohnt jetzt in Humgrab und eine Freundin richtete mir vorletztes Jahr aus, dass ich ihn ruhig mal kontaktieren könnte. Ich reagierte nicht darauf. Ich werde mich auch jetzt zusammenreißen und ihn nicht googlen.

 

Als ich zurück komme, kaufe ich mir den Sampler «C87». Wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich ihn schon 1987 gehört hätte? Und nicht Pet Shop Boys, Madonna und George Michael? Wie hätte ich in meinem 40-Seelendorf überhaupt von diesem legendären Kassettensampler des New Musical Express erfahren können? Das war in etwa die Zeit, in der mein Großvater mit Krebs im Krankenhaus der nächsten größeren Stadt lag und wir deshalb sehr viel öfter als sonst dorthin fuhren. Damals entdeckte ich dort für mich die «Smash Hits» mit ihrem mega bunten Layout, das bereits sämtliche Photoshop-Register zog. Aber der NME zog an mir vorbei. Was wenn der Zufall anders entschieden hätte? Falls es den dort überhaupt gab. Wo ich die Hefte genau gekauft habe, weiß ich leider nicht mehr. Zweiwöchentlich erscheinende Magazine fand ich überhaupt exotisch – für mich als Dorfkind in Deutschland gab es nur wöchentlich oder monatlich und nichts anderes. Den kleinen Stapel «Smash Hits» habe ich noch mit Sisalschnur zusammengebunden unter dem Kleiderschrank bei meinen Eltern liegen; auf einem der Cover sind Bros («When will I be famous?») und auf einem anderen Tiffany («I think we’re alone now»). Beides Bands, die garantiert nicht auf diesem Sampler zu finden sind.

 

Daneben liegen noch ein paar alte Schulbücher, wie die Englischbücher, weil mir die Illustrationen so gut gefallen haben. Die waren alle in zwei kontrastierenden Druckfarben entworfen, orange und türkis zum Beispiel. Die waren damals schon überholt ­ die Kinder hören Tonbänder. Davon hatte ich noch nie gehört und auch bis heute nicht, dass jemand jemals so etwas hatte. Wie sollte ich diese Welt darin ernst nehmen können und ernsthaft glauben, dass es eine Automarke mit dem Namen «Mini» tatsächlich gibt? (pp)

 

3. Januar 2022

(Hamburg)
h., der als kunstlehrer an einer hamburger schule arbeitet, hat für die zeit der morgendlichen testung seiner schüler schon lange vor weihnachten eine playlist erstellt. beim gemeinsamen rühren in der nase, hören die schüler stücke die sämtlich mit dem weltraum zu tun haben. mir gefällt die vorstellung beim stochern zwischen den popeln an die weiten des weltraums und unbekannte planeten zu denken. (testet ein kind positiv, muss es auf den »roten platz«, ein rot gepflastertes stück schulhof, dann wird ein weiterer test gemacht, und ist dieser wieder positiv müssen die eltern das kind abholen.) (nor)

 

3. Januar 2022

Schaufenster eines Getränkeladens, Sprengelstrasze 13, Berlin (wt)

2. Januar 2022

(Berlin)
Unerwartet beschwingt starte ich ins neue Jahr: Hörte sich für mich der Indie-Pop Ende des Jahres deprimierend an, so macht er mir jetzt gute Laune.

Silvester haben wir in Neukölln verbracht, bei einem Essen mit acht Leuten aus fünf Haushalten, 2G Plus. Einer der Gäste entpuppte sich als nicht gesellschaftsfähig in betrunkenen Zustand und wollte alle Anwesenden ständig umarmen und knuddeln, und obwohl die das nur bedingt wollten, konnte er nur schwer gebändigt werden. Mich sprang er schließlich von hinten an und der Gastgeberin zog er dermaßen an den Ohren, dass sie ihr noch Tage später schmerzen. Sie rief an Neujahr jeden an, um mitzuteilen, dass das für ihn Konsequenzen haben wird. Ich sagte ihr, dass ich ihm auf jeden Fall das nächste Mal eine scheuere, egal wann und wo ich ihn wiedersehe.

Bei meinen Eltern habe ich einen Schal aus Alpaca- und Baumwolle aus dem Gebrauchtkaufhaus gehäkelt, wir waren oft zum Essen eingeladen und viel Spazieren. Zu den gerippten Filmen kamen wir gar nicht groß, denn obwohl es am zweiten Abend schon langweilig zu werden schien, war irgendwie immer was zu tun und wir ab dem nächsten Tag viel unterwegs.

Meine Cousine meldete sich. Sie hörte sich nicht so übergriffig an, wie es bei meiner Mutter rübergekommen war, und ich sagte ihr ohne weitere Begründung, dass wir uns nicht treffen und telefonierte einfach ein bisschen mit ihr – Corona war kein Thema.

An Heiligabend waren wir in der Christmette. Es wurde schon tagsüber viel im Dorf herum telefoniert, weil die alten Leute die 3G-Regeln nicht ganz verstanden hatten und dachten, sie müssten sich testen lassen, obwohl sie geimpft sind. Letztendlich blieben die meisten zu Hause und die Kirche war sehr leer.

Am letzten Abend haben wir zusammen «Das Traumschiff» geschaut. Ich glaube, meine Mutter war ein bisschen genervt, dass sie deshalb nur den Schluss der Weihnachtssendung mit Andy Borg und dem tattrigen Tony Marshall schauen konnte. Am letzten Vormittag waren wir im Laden der Hosenfabrik bei uns am Ort und machten Schnäppchen.

Wir bekamen viel zu Essen mit nach Hause und an Neujahr gab es Reh. Dazu machte ich zum ersten Mal Serviettklöße. Ich häkelte wieder einen Schal für eine Freundin und noch einen mit ganz viel Knubbeln für mich. Am Sonntag ein Streit: Ich wollte nicht mit W. und seinen Freunden ins Café, sondern nur einen Spaziergang machen. Nicht ausschließlich wegen Corona, sondern weil ich wirklich genug Kaffee und Kuchen intus und zu Hause hatte. Wir liefen im Nieselregen durch den Tiergarten und spontan wurde gruppendynamisch entschieden, ins Museum und das dortige Café zu gehen. Immerhin 2G und es wird kontrolliert, dachte ich mir. In der Schlange davor stellte sich heraus, dass W. seinen Personalausweis nicht dabei hatte, weil ihm sein Geldbeutel zu schwer war, er seine Taschen nicht ausbeulen wollte und er davon ausgegangen war, dass wir ja nirgends rein gehen würden. Er war total genervt, auch von mir, aber was kann ich bitteschön dafür, dass ich vorbereitet war und er nicht? Also gingen wir von dort nach Hause, wo wir einfach zum zweiten Mal an diesem Tag Sex hatten. (pp)

 

22. Dezember 2021

ich spiele mit dem gedanken im nächsten lockdown kamelinden zu züchten (nor)

21. Dezember 2021

(Berlin) Morgen reisen wir ab. Meine Freude hält sich in Grenzen. Ich fange langsam an zu packen, u.a. Geschenke, die ich nicht gleich dorthin habe schicken lassen. Rippe DVDs, weil dort der Empfang für Streaming nicht so gut ist. Ob ich Häkelsachen mitnehme, überlege ich mir noch. Erledige Papierkram.
Packe ein Buch für eine ungeimpfte Freundin – oder wohl eher mittlerweile Bekannte? – ein, dass ich heute noch wegbringen will. Frankiert ist es online, also gibt es kein Zurück mehr. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen, das letzte Mal im Frühjahr. Damals wollte sie nach Israel fliegen, um sich impfen zu lassen und hat mich gedrängt, meine Hausärztin zu fragen. Sobald es problemlos möglich war, hatte sie dann aber 1000 Ausreden. Gemeldet hat sie sich von sich aus nicht mehr. Ich auch nicht, bis vor ihrem Geburtstag Anfang Dezember. Ich schickte ich schon Tage vorher ein Buch, dabei wohnt sie nur ein paar Straßen weiter.
Als ich diese Woche beim Optiker war, stand sie da und war vor mir dran. Ich war überhaupt nicht überrascht, schließlich ist dafür nicht 2G oder 3G nötig. Sie sagte dem Personal, dass wir befreundet sind – oder seien? –, damit ich schon früher in den Laden konnte. Mir war es peinlich und unangenehm, ich wollte gar nicht mit ihr zusammen im Laden sein, aber natürlich wollte ich nichts dagegen sagen, obwohl ich es gar nicht eilig hatte. Drinnen war ich kurz davor, dem Angestellten zuzuflüstern: «Sie ist nicht geimpft!» Sie sind dort sehr vorsichtig, man kann die Kunden an einer Hand abzählen, und sobald es mehr werden, schreit jemand zum Einlasser: «Es wird zu voll!»
Hinterher sagte ich ihr, dass ich es nicht verstehe, dass sie jetzt diese Impfung nicht machen will, wo sie sich jahrelang alles eingeworfen hat. Es gab verschiedene Antworten: Allergisch auf Impfung gewesen; Impfung schon angefragt, aber erst im Februar möglich; Hausärztin umgezogen und ich kann mich nicht von wildfremden Leuten irgendwo impfen lassen; ich isoliere mich ja; ich habe auch mit 2G keine Lust auf Restaurant; mein Körper …, etc. pp.
Fand das ganze Treffen sehr schräg und schade, was aus unserer Beziehung geworden ist, insbesondere da ich einen Pullover, den sie mir vor Ewigkeiten mal geschenkt und ich nie getragen hatte, jetzt erst für mich entdeckt und total oft an habe. Also, weil ich es eh schon überlegt hatte, schicke ich ihr jetzt auch etwas zu Weihnachten.
Meine Mutter teilte mir mit, dass meine ungeimpfte Cousine bei ihr war, sie hatte sich angemeldet. Ihre Eltern sind geimpft bzw. geboostert, das ist ja schon mal was. Als sie ging, sagte sie, dass sie nächste Woche nochmal vorbei kommt, wenn ich da bin. NEIN, NEIN, NEIN!!! Was soll das bringen?! Jeder macht dem anderen Vorwürfe und weiß es besser als der andere. Meine Mutter meinte, sie könne sich ja bei mir melden und was ausmachen. Hoffentlich schaffe ich es, ihr zu sagen, was ich von einem Treffen halte.
Vermutlich werde ich ghosten, und sie wird mich so lange anschreiben bis sie einfach nur ankündigt, wann sie kommt und erst dann werde ich reagieren. Ich habe gerade ein Déja-Vu, weiß aber nicht mehr, wann genau das schonmal so war.
Vielleicht habe ich einfach Glück und es gibt neue Kontaktbeschränkungen. Meine Laune steigt. Ich höre den Sampler «The Sun Shines Here – The Roots Of Indie-Pop 1980-84». (pp)

21. Dezember 2021

(Hamburg) warten auf ergebnisse von pcr-tests – nervöses unbehagen. ich erinnere mich an das eher hysterisch nervöse warten auf die bescherung am weihnachtsabend: wir kinder wurden zwecks auslüftung und nervenberuhigung (nicht nur bei uns) zu einem längeren spaziergang mit vater fortgeschickt. der bruder wirft sich nach kurzer wegstrecke, mit erkennendem entsetzen, verzweifelt zu boden und brüllt: „wir gehen ja immer weiter weg von der bescherung!“ schöne raum/zeit problematik (nor)

 

20. Dezember 2021

(Berlin (wt))

20. Dezember 2021

(Hamburg) die warnapp leuchtet festlich dunkelrot. (nor)

20. Dezember 2021

(Berlin) Letzten Freitag nachts wurde das rote Mohair-Tuch für W. fertig, ich habe sogar alle Fädchen selber vernäht. Am Samstag war die Übergabe, ich wollte nicht mehr bis Weihnachten warten. Es war die reinste aller Freuden, die mir von W. entgegenschlug – dafür hat sich die ganze Arbeit auf jeden Fall gelohnt. Es ist sehr voluminös und ich habe keine Lust, es mit zu meinen Eltern zu schleppen. Gestern haben wir einen Freund von W. getroffen, der bald bei PRADA anfängt. Ich habe ihm gesagt, sie sollen mich anrufen, wenn sie was gehäkelt brauchen.

Meinem Vater ging es ganz gut im Krankenhaus. Sie machten allerhand Checks mit ihm und konnten nichts Neues oder Auffälliges feststellen. In der Nähe des Krankenhauses gibt es eine JVA und für deren Insassen ein extra Zimmer im Krankenhaus, in dem ein Kämmerchen für einen Wachpolizisten integriert ist. In diesem Zimmer war er gelandet. Er sagte, wenn er raus geht, kann er in das Rondell schauen und es ist niemand unterwegs wie die letzten Male als er dort war und es fühlt sich komisch an. Gestern kam er wieder raus und liest Zeitung auf dem Sofa.

Die ersten bestellten Weihnachtsgeschenke trudeln ein. Ich bestelle sie online und lasse sie direkt zu meiner Mutter schicken, das erspart mir viel Arbeit. Das mache ich schon lange so.

Am Montag fahren wir. Wenn doch Kontaktbeschränkungen kommen, sind wir schon dort. Und wenn die nächste Welle kommt, sind wir hoffentlich zurück. Heil. Gesund. Munter.

Manchmal möchte ich unangemeldet bei einer Engtanzparty von ungetesteten Ungeimpften auftauchen, damit ich das Ganze schnell hinter mich bringe – es heißt ja mittlerweile, dass sich jede*r damit infizieren wird und die Frage nur ist: Wann? Ich weiß natürlich, dass eine Impfung als eine kontrollierte Infektion zählt, aber wie oft werden wir noch rennen und nachrechnen, wie lange der Schutz hält?

Gestern waren wir bei einem Weihnachtskonzert – ganz, ganz großartig. Mit Orgel, Gesangsquartett und einem gemischter Chor. Zum Schluß kam der Andachtsjodler, begleitet von einer Leier. Es wurde anfangs gebeten, hinterher nicht zu klatschen, sondern das Konzert in Stille ausklingen zu lassen. Nach dem Jodler klatschte die Hälfte der Gäste – umso kräftiger, als die andere Hälfte still blieb. Vielleicht hätte man die Ansage auch auf Englisch machen sollen? Ich fühlte mich jedenfalls wie in den Alpen. Ich habe danach sogar Glögg mit Wodka drin getrunken.

Ich hatte vergessen, meinen Wecker zu stellen und bin heute zum Glück ziemlich pünktlich zur Arbeit wieder aufgewacht und habe mich sofort zum ZOOM-Meeting eingeloggt. Nebenbei rippe ich seit Tagen «Peter Steiners Theaterstadl» für meine Eltern ein, damit sie es per Stick an ihrem Fernseher sehen können. Schon ein bisschen gruselig. Ich rede mir ein, dass es ja eine «Volksbühne», also in irgendeiner Hinsicht auch der in Berlin ähnlich, ist.

Ich bin auf das Gratis-Streaming-Angebot der Öffentlichen Bibliotheken gestoßen. Und dort auf den Sampler: «Scared to Get happy: A Story of Indie-Pop 1980-89». Als ich google, kommen der Fachbegriff «Cherophobia» ganz oben als Treffer und «Too scared to get covid-test» als Suchvorschlag. (pp)

 

15. Dezember 2021

(Berlin) Wieder ein Jahr ohne eine offizielle große Präsenzweihnachtsfeier. Was mir egal ist, bringt andere erst so richtig in Fahrt: Es wird Eisstockschießen am See im großen Park nur für die Abteilung daraus. Am Morgen ist alles verschneit. Ich habe keine Lust auf die Feier, aber total Bock auf Schneewanderung. Also schubse ich mich aus dem Haus, drängle mich in die Bahn, in die Gegend wo man mich erwartet – trotz der neuen Virusvariante. Ich steige schon früher aus, damit ich möglichst lange durch den verschneiten Park laufen kann, das macht auch im Dunkeln noch Spaß. Ich komme pünktlich zum Eisstockschießen an, loose aber voll ab. In der Kur war ich der King der Kugeln beim Boccia, aber das Ding hier ist eine andere Nummer, meine Eisstöcke kommen gerade mal bis zur Mitte der Bahn. Es ist mir egal und ich weiß, dass man es mir anmerkt. Ich trinke nur den Kinderpunsch und es wird einfach nicht lustig. Die Chefin hat für jeden Tütchen gemacht und selber Schoko-Makronen gebacken, das finde ich süß; zwei Kolleg:innen umarmen sie spontan. Bäh! Zuerst will ich keine Wurst essen, dann esse ich doch eine. Man steht um brennende Holzscheite in einem Gitterverschlag. Nach zwei Stunden schaffe ich endlich den Absprung.

Ich schaue «Breaking Bad», häkele das rote Mohairtuch für W. fertig und vernähe alle Fädchen selber, anstatt es ihm zu überlassen. Ich esse alle Schoko-Makronen auf und falle todmüde ins Bett.

Um 9:17 ruft mich mein Bruder an, um mir zu sagen, dass mein Vater zusammengeklappt ist. Er saß auf dem Sofa und war einige Zeit lang nicht ansprechbar. Eine Stunde später erzählt mir meine Mutter die ganze Geschichte. Er hatte am Tag zuvor Schnee geschaufelt und abends ein bisschen Temperatur. Natürlich wollte er trotzdem ein bisschen rausgehen, hat sich aber an das Verbot meiner Mutter gehalten. Heute fühlte er sich morgens schon nicht gut und nahm nochmal eine Paracetamol. Irgendwann hat er nicht mehr reagiert. Meine Mutter und mein Bruder zerrten an ihm herum und er kam wieder zu sich. Er wusste alles und bevor er in den Krankenwagen stieg ist er selbständig auf die Toilette. Meine Mutter bringt ihm später Sachen. Sie sagt, ich brauche erstmal nicht früher kommen, denn man darf sowieso nicht ins Krankenhaus zu ihm. Außer … Ich heule ein bisschen am Telefon. Ich esse den supersüßen Kuchen von vor zwei Tagen auf, den ich eigentlich wegschmeißen wollte, und weiteren Schokokram, der so rumliegt. «Die Nerven müssen in Fett gebettet sein!» sagte meine Großmutter immer.

Ich buche einen Badetermin für folgenden Dienstag, in der Hoffnung, dass ich nicht vorzeitig abreisen muss.

Ich schreibe einen Minibeitrag über das, was mich beim Blick auf 2022 zuversichtlich stimmt, zu Ende.

Ich fange an, die Aufzeichnung der ins Netz verlegten großen Weihnachtsfeier zu glotzen. «Wer nicht genug bekommen kann, kann sich die Aufzeichnung in Dauerschleife anschauen, die ganzen Feiertage durch.» (pp)

13. Dezember 2021

(Berlin) Lounge-Tag. Wannenbad, Jahnn-Lektüre, mich von Klingbeil nerven lassen, beschwingt zu Le Grand Kallé dem Staubsauger hinterher gelaufen (Miele, der Wahnsinn), Rosenkohl gezupft und Kartoffeln geschält. Und bei einem West-Telefonat wieder mal ganz kurz erklärt, dass hier in Berlin bislang wirklich keine Räterepublik existiert, der Müll zuverlässig entsorgt wird (sogar der wilde) und man auf den Straßen weiterhin viel Deutsch spricht (ok, in Mitte nicht so, da eher englisch). Und dass ich zwar die Linke wähle, gleichwohl aber nächtens keine Autos entzünde. Ich bin also besuchbar. (dl)

12. Dezember 2021

(sn)

8. Dezember 2021

Zwei Wochen lang heftige Reaktion auf den Booster. Jetzt ist es besser. - Gott, könnte ich Kohle machen als Märtyrer der Schwurbel-Bewegung.

Übrigens: Sich steigernde Affektausbrüche auf jener Seite der Barrikade legitimieren nicht die Steigerung der Affektausbrüche auf dieser Seite der Barrikade. (dl)
2. Dezember 2021

Oha, heute auf Zeit online: Immer mehr Deutsche verlieren Anschluss an Mittelschicht. Lustige Überschrift. Lustige Welt.

Ergänzen möchte ich noch diese Neuigkeit von Spiegel online: Plan der Ampelkoalition: Familien sollen 2000 Euro Zuschuss für Haushalthilfe erhalten

Arbeitsminister Hubertus Heil hat finanzielle Unterstützung für Familien angekündigt, die Haushalts- und Alltagshelfer beschäftigen. Ein Gutscheinsystem soll zugleich Schwarzarbeit unterbinden.

Alles sehr deutsch. Das Streben nach Mittelschicht und dann noch diese Idee, Familien 2000€ Zuschuss für Haushaltshilfe durch Gutscheine zu ermöglichen. Hauptsache die Gardinen sind gewaschen, die Fenster geputzt und der Boden gewienert. "Nach Heils Modell teilen sich Staat und Familie die Kosten für die Alltagshelfer: »40 Prozent werden durch den Zuschuss bezahlt, 60 Prozent von den Bürgern selbst.« Die Abrechnung soll mittels einer App geregelt werden, über die zertifizierte Firmen ihre Dienstleistungen anbieten können.“ Hubertus Heil checkt einfach GAR NICHTS. Menschen, die sich bisher keine Haushaltshilfe leisten konnten, werden es auch dann nicht können. Abrechnung per App – für manche nicht verständlich.

Was wirklich hilft – 2000 Euro direkt aufs Konto. Und nicht „Bedürftige Familien und Familien mit kleinem Einkommen erhalten im Monat August 2021 als zusätzliche Unterstützung in der Corona-Pandemie einen einmaligen Zuschlag in Höhe von 100 Euro.“

2000€ für eine glänzende Wohnung von Menschen, die sich eine Haushaltshilfe leisten können – prima. 100€ für arme Menschen – prima. Das ist fürchterlich. Wohin mit meiner Wut jetzt? 

Ich will nichts mit der Mittelschicht zu tun haben.  Wahrscheinlich gehöre ich auch noch zur Mittelschicht. Fickt euch doch.

Übrigens, der Milkaschokokalender ist jetzt unter der Pappe noch mit Alufolie verpackt. (js)

30. November 2021

Der Nachbarlandkreis von Hornwachte, in dem meine Eltern oft unterwegs sind, klettert über die 1000er-Marke. Ich kotze. Ich rufe meine Mutter an und bitte sie, vorsichtig zu sein. Ihr Booster-Termin wurde von Mitte Januar auf Anfang Dezember vorverlegt. Sie wurde gefragt, ob sie Moderna nehmen würde und sagte ja. Sie hat dann einmal die ganze Palette durch: AstraZeneca, BioNTech und Moderna.

Letzte Woche war sie bei meiner Tante, damit sie ihr die Haare eindreht. Es kam eine Nachricht von meiner Cousine: «Wir haben es jetzt geschafft.» Meine Tante schrieb zurück: «Was habt ihr geschafft?» Na was wohl? Die Impfung! Sie, aber vor allem ihr Mann, hatten sich standhaft geweigert und die immer gleichen, dummen Gegenargumente aufgefahren. Bis meine andere Tante anfing zu schreien: «Ja, so sind sie!» Und in ironischem Ton: «Ihr wählt bestimmt grün, oder?!» Es gab eine Untersuchung ihres Mannes bei der Arbeit, meine Mutter wusste mal wieder nicht so genau was, und danach haben sie sich impfen lassen. Also gut, ist das endlich abgeräumt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr absichtlich nicht zum Geburtstag gratuliert hatte und mir dachte, dass das vielleicht kontraproduktiv war. Vielleicht war so ein bisschen ignorante Ausgrenzung aber gar nicht so schlecht. Vermutlich war ihr einfach komplett egal, ob ich gratuliere oder nicht. Das sind doch mal gute Neuigkeiten und ich bekomme gute Laune, auch wenn ihre Impfung für diese Welle nicht mehr relevant ist.
Fehlt noch die andere Cousine – ob die einknickt? Sie ist eher agitatorisch unterwegs. Wenn ich mich aufregen will, gehe ich auf ihr Facebook-Profil, das ich stumm gestellt habe. «Ich bin gesund und darf nicht benachteiligt werden!» Vor Corona war es ihr Tierrechtsaktivismus, der mir geschredderte Tierchen oder Schlachthöfe präsentierte. Danach folgte ihr Ruf nach dem starken – meist deutschen – Mann, der die – natürlich schwache – Frau egal welcher Nationalität – und ihre Kinder zu verteidigen hat und sich nicht weiterhin verweichlichen lassen soll. Unterhaltsames oder Leichtes hat sie nie zu bieten, dabei ist sie von den Eltern finanziell bestens ausgestattet und kann entspannt auf ihr Millionenerbe warten. Und nebenbei Unfug machen und Verwirrung verbreiten. Wie bekomme ich raus, ob sie mittlerweile geimpft ist? Und ob ich mich bereits jetzt für ihre negative Charakterisierung schämen muss?

Ich habe zwar keine Lust am Wochenende zuhause zu bleiben, aber ich sage trotzdem alles ab. Eine Freundin ist bei einer Theaterproduktion dabei, mit «Angst» und «Nähe» im Titel. Bitte nicht! Nicht jetzt und vermutlich auch nicht später. Fühle mich schlecht nach der Absagemail und möchte den Kopf zwischen die Beine stecken. Das ist gerade meine bevorzugte Haltung. (pp)

 

24. November 2021

(Berlin) Am Sonntag wurden die Fädchen vernäht; von W., wie angekündigt. Ich saß daneben und fing mit einem roten Mohairtuch für ihn an. Ein besonders aufwendiges Muster, von dem man wegen des flusigen Mohairs gar nicht so viel sieht. Aber es soll so sein und es macht mehr Spaß als nur Stäbchen (D), Treble Crochet (UK) bzw. Double Crochet (USA) in verschiedenen Mengen zu häkeln, bis die letzte Runde laut Anleitung über 3 Meter lang ist, wie beim Poncho. Wir schauen nebenbei «Seinfeld», aber verstehen den Humor nicht. Ich hatte mal gelesen, es sei eine «Serie über nichts». Später läuft nebenbei «Grace & Frankie», das hatte ich lustiger in Erinnerung. Immerhin lachte Willi ein paar Mal, ich habe ja die erste Staffel schon gesehen.

Zwischen der Wollextravaganza waren wir kurz im Hallenbad. Neben dem Hallenbad wurde über das Freibad eine Traglufthalle gebaut, aber leider ist die am Wochenende gar nicht offen. In der Dusche zieht sich so gut wie niemand ganz aus – langweilig. Wir gehen nach einer Stunde schon wieder.

Ab morgen gilt bei der Arbeit 3G. Wir werden von der Security der Immobilie auf unsere Impfungen geprüft. Die Ungeimpften brauchen einen Nachweis vom Coronatestzelt. Ob ich das gut finde, gerade die an solche Orte zu schicken, wo sich sich um so eher gegenseitig anstecken können? Die beiden Weihnachtsfeiern fallen aus. Es werden Alternativen gesucht. Ob ich einen Online-Häkelkurs anbiete?

Ich habe einen Ruheraum entdeckt, der nicht in der Buchungsliste steht. Ich trage mich für jeden Tag ein, ich habe jetzt also quasi ein Einzelbüro. Ich bin heute den zweiten Tag hier und merke, dass ich mich erst daran gewöhnen muss. Gut ist schon mal, dass ich für Konferenzen nicht in eine Kabine rennen muss. Heute war zum Glück das Licht an – am ersten Tag habe ich den Lichtschalter nicht gefunden und saß die ganze Zeit im Halbdunkel. Ich habe jetzt wieder ein Schließfach hier, in dem ich eine pinke Decke lagere, denn regelmäßig funktioniert die Heizung nicht richtig, aber in dem Kabuff ist es eh wärmer und die Luft schlechter.

Ich steige von Pianomusik auf Orgelmusik um. Letzte Woche war ich in einer Ausstellung, in der Crosby, Stills, Nash & Young gespielt wurde. Schön und doch deprimierend! Trotzdem werde ich mir mehr davon besorgen.

Der Asiate nebenan ist teurer geworden. A1 kostet nicht mehr 5 Euro, sondern 6,50 Euro. Stehe draußen im Nieselregen und warte auf das Essen. Gerade als ich beschließe, mal kurz zu heulen kommt ein Kollege aus dem Café nebenan. Nicht einmal das klappt!

Heute gibt es sieben Mal das Wort «Tod» auf der Nachrichtenwebsite. «Todesfälle gestern», «Bodybuilding bis zum Tod», «Sie hungerten sich fast zu Tode für dieses Gespräch», «Tod auf der Taufe». Dazu noch «Vor 30 Jahren starb Freddie Mercury» und ein paar reguläre Todesfälle. Später stoße ich woanders auf einen Artikel «Promis, die nach wie vor leben und schöner sind als je zuvor». Es geht los mit Eva Herman. (pp)

23. November 2021

Im Traum werde ich in Siegen-Weidenau aus dem Zug geholt und darüber informiert, dass ich coronabedingt bis zum Frühling in Siegen bleiben müsse. Mein Einwand, dass ich im Büro nur Wechselwäsche für eine Woche habe, wird ignoriert. (dl)

20. November 2021

Ich glaube, irgendwas/-wer will testen, was alles erträglich ist.
Der Österreicher an sich glaubte ja, nach Ibiza kann es nicht mehr schlimmer werden, da ist aber gerade der Test noch nicht abgeschlossen, was alles noch geht.
Herr Herbert Kickl (der Chef der Faschistischen Partei Österreichs, FPÖ) hatte ja empfohlen, am besten würden Vitamine, ein gesunder Körper und ein Wurmmittel gegen Corona helfen. Jetzt ist er selber an Corona erkrankt und seine Frau liegt mit einer Überdosis des Wurmmittels auf der Intensivstation.
Der Österreicher an sich wird auch gerne als »Schluchtenscheißer« und/oder »Fetzenschädel« bezeichnet.
Ich distanziere mich ausdrücklich von diesem Land (sc)

18. November 2021

Gestern abend habe ich den Poncho fertig gehäkelt. Ich ging nach der Arbeit los, um doch noch ein hellblaues Knäuel zu holen. War zwar nur für ein paar Maschen, aber es musste sein und es lohnte sich. Der Kragen ist spitze geworden. Und die erste Staffel von «Morning Story» habe ich parallel ziemlich gleichzeitig geschafft, bevor ich ins Bett gefallen bin. Mein Freund hat versprochen, die Fädchen zu vernähen – viel Spaß damit! Heute morgen rechnete ich aus, wieviel Wolle ich verhäkelt habe und kam auf 2000 Meter. 2 KILOMETER!!!

 

Seit Jahren habe ich ein Provisorium im linken oberen Backenzahn. Lange Zeit hieß es: Erstmal drin lassen, solange nichts wegbricht. Meine erst vor kurzem abgeschlossene Zahnzusatzversicherung steigert sich eh erst von Jahr zu Jahr. Diesen Sommer wurde die neue Zahnärztin etwas dringlicher und ich ließ mir einen Kostenvoranschlag geben und von meiner Zusatzversicherung absegnen. Unter dem Beton war mittlerweile Karies. 

 

So ließ ich mir nach meiner dritten Impfung zwei Termine bei ihr geben und landete heute morgen bei einer Inzidenz von über 350 und einem unaufgeforderten Schnelltest auf dem Zahnärztinnenstuhl. Als wir kurz über den mehr oder weniger passenden Zeitpunkt sprachen, zuckte sie mit den Schultern und meinte, das ist halt jetzt so und dass in der Praxis alle geimpft sind und sich regelmäßig testen. Ob ich eine Betäubung wünsche? Ich erinnerte mich kurz an eine größere Bohrung vor ein paar Jahren ohne, nach der ich Wochen später noch traumatisiert war, und entschied mich dafür. Damals dachte ich: Wenn meine Freundin den Krebs aushalten kann, kann ich wohl ohne Betäubung einen Zahn gebohrt bekommen. Was für eine schräge Logik! Auf dem Stuhl hatte ich unvermittelt eine Textzeile von ABBA im Ohr: «If I had to do the same again, I would, my friend ...» 

 

Mal sehen, was ich trotz hoher Inzidenz noch hinbekomme. Ich könnte meine Fertilität testen lassen. Vor der Chemotherapie habe ich Sperma einfrieren lassen und für die Kühlung zahle ich seit ein paar Jahren schlappe 20 Euro im Monat. Dabei weiß ich nicht, ob es genug Material ist, weil ich nur einmal dort war – es war einfach zu schrecklich und gar nicht geil. 

 

Trotz der katastrophalen Lage fühle ich mich gerade nicht so komplett still gestellt wie letztes Jahr.

 

Gestern am späten Abend habe ich geschaut, ob es nicht einen früheren Termin zur Impfauffrischung für W. als den bei meiner Hausärztin Mitte Dezember gibt. Ich ging auf die Doctolib-Seite der Impfzentren. Während ich zwischen den einzelnen Orten hin und her klickte, konnte ich sehen, wie sich minütlich die Termine für BioNTech weiter verschoben. Ende November – Mitte Dezember – Anfang Januar – keine Terminvergabe mehr möglich. Als ich später mit W. telefonierte erzählte er mir, dass er bereits eine Impfauffrischung am frühen Abend für nächste Woche gebucht hatte.


Man kann jetzt nur noch mehr als sonst hoffen, dass man nicht ins Krankenhaus muss – egal wegen was. (pp)

 

12. November 2021
(Berlin) Jahrelang nervt der Herr K. aus dem Nachbarhaus mich mit seiner Meinung, dass über Migration durch eine „Volksabstimmung“ entschieden werden müsse. Heute nervte er mich zur Abwechslung mit seiner Meinung, dass die Umfragewerte bzgl. der Corona-Maßnahmen nur eines bewiesen: Die Deutschen seien ganz schlimme Untertanen. (dl)
 
12. November 2021

ich halte eine laudatio in der schulaula einer kleinstadt in norddeutschland vor 170 leuten plus noch 40 menschen eines chors. hier werden heute vier verschiedene preise vergeben, die veranstaltung ist völlig überflüssig aber sehr würdevoll.

ich reise am gleichen tag nach berlin, um dort eine lesung anzumoderieren, kombiniert sind textpassagen aus w-weltraum, dem kapsel magazin und geospekulationen. es passt noch besser als ich bei der vorbereitung dachte, und wir sind alle ganz begeistert. wir sind 15 personen. wegen der seuche stehen wir im freien. es regnet leise und ist angemessen kalt.

noch später lausche ich kurz einer anderen lesung mit rund 50 gästen, die in wenigen sekunden so viele klischees von eitlen, affigen, selbstzufriedenen, dummen kulturarbeitern zur aufführung bringt, dass ich nach 4 minuten den laden wieder verlasse.

 

9. November 2021

(Berlin) Montag und Dienstag hatte ich frei und habe Krempel erledigt, ein Bild für eine Benefizauktion abgegeben, damit ich nicht anwesend sein muss. Auf dem Weg dorthin war ich am Friedhof bei der verstorbenen Freundin und diesmal wurde ich nicht gestört.

Die nächsten beiden Tage hatte ich ein Kratzen im Hals und blieb im Home Office. Dann war Freitag und ich ging zur Arbeit, denn ich hielt es zuhause nicht mehr aus. Dort ging es nachmittags mit der Schniefnase los und abends war ich total verrotzt. Samstag früh wollte ich sicherheitshalber einen Coronaschnelltest machen, aber bei Beiden, die ich noch hatte, waren die Teststreifen falsch aufgeklebt und man konnte die nicht selber reparieren. Ich ging in die Apotheke und kaufte drei für stolze fünf Euro pro Stück! Zuhause testete ich mich – Corona negativ, wie von mir erwartet nach drei Impfungen. Ich googelte nach der Verfügbarkeit in der Drogerie, aber die in der Nähe hatten keine, nur eine, die mir zu weit weg war, sollte welche haben. W. hatte ich zum Glück nicht richtig – mit was auch immer – angesteckt. Ich wollte mir noch ein paar Tests auf Vorrat zulegen, falls ich am Wochenende öfter rausgehe als erwartet oder doch jemanden treffe, aber drei Apotheken in Laufweite haben samstags schon am frühen Nachmittag zu. Wie soll so eine Pandemie aufgehalten werden?!

Ich blieb brav zuhause und häkelte vor mich hin. Je fertiger der Poncho wird, desto sinnloser kommt es mir vor. Ich glotzte «Midnight Mass» weiter. Als klar wird, dass der Pfarrer in der Höhle den Teufel traf und verjüngt wurde, schalte ich ab. So ein Schmarrn! Ich versuche es mit «Sex Education», schaffe es aber keine drei Folgen. Auf den Bildern der Auktion sind nur wenige Menschen zu sehen, niemand trägt eine Maske; 2G war angekündigt. Sehr viele leere Stühle und der Versuch, das zu vertuschen. Ich melde mich für das Probeabo bei Apple TV an, weil ich die Serie über den Angstgestörten sehen möchte. Hier breche ich nach Folge 4 und mehreren Gesangseinlagen ab. Sie haben eine Serie mit heißen Astronauten im Angebot, aber die Handlung langweilt mich. Ich möchte eine Proust-Verfilmung schauen, aber die ist Französisch mit Untertiteln – dazu kann ich nicht häkeln. Schaue «Sinn und Sinnlichkeit» auf Netflix.
Am dritten Tag gehe ich in die Drogerie, wo es Tests geben soll, aber es gibt keine. Beim voll besetzten Asiaten sitzen die Rentner*innen schwatzend eng beisammen, als ob nichts wäre. Zuhause entdecke ich die Serie «Morning Show» und die ist der Knaller, mal sehen, ob ich sie in der Probewoche ganz durch schaffe.

Heute morgen belege ich für die Arbeit zwei Pan Bagnats mit hart gekochtem Ei, Tunfisch, Kapern, Tomaten, Zwiebeln. Den Knoblauch lasse ich weg. (pp)

 

 

9. November 2021

Corona-Traum. Ich war in einem Kino, was gleichzeitig auch eine Bar war. Eine Frau mit schwarzen langen Haaren - die mich kannte, ich kannte sie nicht - trat an mich heran. Sie begrüßte mich freundlich und bat mich ihr Glasauge aufzubewahren. Ich stimmte zu und tat es zum Kleingeld in mein Portemonnaie. Dann setzte ich mich in einen roten Kinositz. Plötzlich erschien Frank Sinatra als Platzanweiser und sagte, dass ich auf diesem Platz nicht sitzen könne. Der Hubschrauber, der über dem Kino kreiste und den ich erst in diesem Moment sah (das Kino war oben offen) hatte mich im Scheinwerfer. Sinatra setzte mich ganz nach rechts an den Rand, wo ein Pfeiler mit Spiegel die Sicht auf die gigantische Leinwand versperrte. Ich wies Sinatra darauf hin, der mich abermals umsetzte, diesmal in die letzte Reihe. Jetzt überprüfte Sinatra noch, ob auch all die übrigen Gäste die Abstandsregeln befolgten und parallel rechtfertigte er sich, warum er als großer Star (es war übrigens der ganz junge Sinatra) hier als Corona Platzanweiser tätig war. Ich hörte ihm nicht zu, weil es mich nicht interessierte. Welcher Film lief wusste ich übrigens auch nicht, da ich zum Filmstart erwachte. (JB)

 

8. November 2021

(Hamburg) Ich hab jetzt einen Wal im Portfolio. Der recht kleine Fond aus den Niederlanden bietet seit November dieses Jahres ein Investment in Naturkapital/Biodiversität und spekuliert auf die angekündigten Regularien der UN zur nachhaltigen Kapitalisierung der Ozeane. Der junge Wal mit einem Asset von 4 Mio. US Dollar, wurde vor kurzem in der mexikanischen Baja California gechipt und schwimmt jetzt für die kommenden 4-6 Jahre sein ökologisches Kapital ein. Jedes Jahr erzeugt das Tier dann ein Multiple X für das Verteilen von Biomasse. Möglich wurde diese Art der Geldanlage vor allem durch die erweiterten Bereiche des Umweltschadenversicherers (USV) BlueWave der OIC, der im Falle eines Abschusses oder Kollisionsschadens, aber auch bei Frassschäden durch Haie o.ä. für Verluste aufkommt. (DS)

3. November 2021

(Berlin) Es ist abends und ich sitze im Großraumbüro. In der Bürohälfte vor mir sitzt niemand mehr, hinter mir eine Person. Leider. Denn wäre ich alleine, könnte ich meine Häkelsachen auspacken. So fühlt es sich an wie bei Nighthawks. Ich höre Chilly Gonzales «Solo Piano» und schaue durchs regennasse Fenster auf den dunklen Innenhof. Vorhin stand noch ein Trampolin für Kinder in einem Garten etwas weiter weg. Am Nachmittag dachte ich: «Mal sehen, ob es das heute wegfliegt.» Heute ist ein Sturm, über dessen Namen sich der Deutsche Wetterdienst nicht ganz einig war. Tatsächlich wehte das Trampolin ein paar Stunden später zur Seite weg, hinter ein Häuschen und ich musste laut kreischen. Geflogen ist es aber leider – oder zum Glück – nicht. Wegen des Wetters waren heute noch weniger im Büro als sonst und so hat mich also kaum jemand gehört. Dass ausgerechnet ich zur Arbeit erscheine, hätte ich nicht gedacht, aber ich hielt es zuhause nicht mehr aus, wollte unbedingt raus und bin mit der BVG gekommen. Ich mache jedes Mal einen Test vorher, wie es meine Arbeitgeberin wünscht. Wir sollen den Test möglichst kurz vorher machen. Heute stand ich deswegen wieder Mal auf dem Sockel einer Statue an der Kirchenfassade nebenan. Als ich neben dem Steinfuß mit den abgebrochenen Zehen den Krempel auspacke, komme ich mir vor wie ein Junkie.

Ich bin mittlerweile Häkel-Junkie. Ich sitze abends stundenlang und häkel ohne zu essen oder zu trinken, einfach immer weiter. Ich glaube, dass ich deshalb schon abgenommen habe. Dazu schaue ich «You better call Saul», weil ich mittlerweile zu Serien über Männer in der Midlife-Crisis übergegangen bin. Entweder ich will noch die Runde fertig machen oder eine Folge schauen – und schon ist es wieder Mitternacht. Ich bin danach komplett am Ende und schlief die letzten paar Wochen wie ein Stein. Ich trenne mittlerweile viel auf, aber nicht jeden Fehler, denn ich bin nicht unsterblich. Ich arbeite an einem Poncho, der so farbig und voluminös ist, dass ich bezweifle, dass ich den jemals außer Haus anziehe.

Gestern habe ich die Affenpalme umgetopft, die gerade sehr gut gedeiht. Auf der erneuten Suche nach Sand habe ich festgestellt, dass mein Schlüssel für den Garten hinter dem Querhaus nicht mehr funktioniert und bin deshalb zum Baumarkt gefahren. Sand gibt es nur in 25-Kilo-Säcken für den Sandkasten oder als Vogelsand. Auf dem Rückweg sehe ich auf dem Fahrradweg zwei riesige weiße Farbflecken vor mir und denke: Ah, da war wohl auch jemand im Baumarkt. Und als ich drüber fahre stelle ich fest, dass die Farbe nicht trocken ist und spritzt. Also habe ich nach dem Umtopfen – hoffentlich übersteht das Pälmchen es – Farbspritzer vom Rad gewaschen und noch ein paar Runden gehäkelt zum Frustabbau. (pp)

3. November 2021

(fdb), Hamburg

27. Oktober 2021

(Hamburg)
pause von den fsj-lern vorm seemannsheim. die sind anstrengend. jedes jahr das gleiche. alles muss man erklären, sogar kaffee kochen. dem schülerpraktikant, der auch noch dabei ist, wurde jetzt sogar kaffeestop erteilt. der ist eh schon so aufgeweckt mit 14, ein kaffee pro tag, mehr nicht. ein weisser kastenwagen mit frankfurter kennzeichen parkt ein. ein vollbärtiger typ steigt aus und kommt direkt, ein bein nachziehend, auf uns zu und motzt: „so ein leben will ich auch mal haben, habt ihr nichts zu tun!“ er will wissen, was das seemannsheim ist und ob die nutten mit auf's zimmer dürfen. wir weisen auf das schild über der tür, da steht: christliche seefahrt. hier kommen nur fahrende seeleute unter, keine vergnügungssüchtigen kapitäne. er war vor 20 jahren bei der marine. jaja, die marine. da lachen die seeleute von den kontainerschiffen drüber, das ist ja wie kreuzfahrt. nene, vor zwanzig jahren waren das noch dreierbetten mit 18 mann in einer kabine ... das hat gestunken in der karibik bei 50 grad. er will jetzt gleich die tauben vom hochhaus gegenüber abholen. sein job ist die im taunus wieder auszuwildern. die entfernung reicht für die stadtviecher, von dort finden die nicht zurück. (mit einer brieftaube ginge das nicht). „wollt ihr n bier?“ ist viel zu früh und er hätte mal lieber einen äppelwoi mitbringen können frotzeln wir. während der typ sich ein felsenbräu aus einem halbleeren kasten von seiner pritsche zieht, schichtet er gleichzeitig tauben von eurobehälter zu eurobehälter. schlurft wieder zu uns rüber und hält uns ein vergilbtes plastikfläschchen hin. bitte nicht so nah. von dem typ kommt bestimmt die nächste zoonose in umlauf. taube, bier, taunus, frankfurt-hamburg und wo er sonst noch rumjaucht. „ist anis, die stehen drauf, alle viecher!“ erklärt er den inhalt des fläschchens. er lockt damit die tauben in die fallen. angeblich steht auch mal ein hirsch am taubenschlag und reibt sich. auf dem weg zum Kristall Tower dreht er sich noch einmal um: „nächstes mal bringe ich euch ne flasche mit!“ (sr)

21. Oktober 2021

(fdb)

21. Oktober 2021

(fdb)

19. Oktober 2021

der räuber gab sich als kammerjäger aus und komplementierte tochter und vater auf den balkon hinaus, nur für einen halbe stunde, dann wäre das gröbste getan, es sei schließlich ungesund. nach ablauf der 30 minuten ist kein mensch mehr in der wohnung, kein räuber und kein kammerjäger, aber der tresor ist weg - warum gibt es tragbare tresore? - egal. man stelle sich nun die frustration des räubers vor, der den tresor öffnet und darin befinden sich neben einer goldenen uhr mehrere bundesverdienstkreuze. (nor)

18. Oktober 2021

(Berlin)
Ich sitze seit seit ein paar Wochen erstmals wieder im Büro. Ich kam zu spät. Deswegen habe ich erstmal auf dem am Eingang ausliegenden Selbsttest großzügig verzichtet. Allerdings blöd, dass der Personaler gleich sein Büro in der Nähe hat und meine Zögerlichkeit gesehen hat. Außerdem fühlte ich mich unwohl, obwohl in der Liste der entnommenen Tests weit weniger Namen standen als Leute anwesend sind, d. h. entweder haben sie sich außerhalb getestet oder sie sind ungetestet. In der Mittagspause war ich deshalb schnell in einem Coronaladen und es war Gottseidank nichts. Dafür ist die Wahrscheinlichkeit, es sich dort zu holen bestimmt sehr hoch. Aber egal. Bei der Arbeit steht das Buch eines Schiedsrichters bei mir in der Nähe im Regal: «Ich pfeife auf den Tod!»

Ich war bei meinen Eltern, ganze zehn Tage lang. Nach ein paar Tagen schaute ich, ob es frühere Züge gibt und überlegte, wie ich aus der Nummer raus komme, aber dieser Wunsch ließ schnell nach. Ich fand alte Wolle und fing an zu häkeln, während meine Eltern vor dem Fernseher schliefen. Oder auch mal zwischendrin zum Stressabbau. Eine Jacke wurde es oder besser: ein Fetzen in Granny Square-Technik. Ich häkele noch an den Bündchen. Das Tragen macht Spaß und ich fühle mich meiner Mutter nahe, wenn ich das Teil anhabe. Es ist fürs Büro gedacht, weil es hier gerne mal kalt ist.

Mit meinem Vater machte ich Fahrradtouren und eine zeichnete ich in der Komoot-App auf. Mit meinem Bruder schaute ich zwei Filme, einer davon war «Lang lebe Ned Devine». Danach spielte ich gleich Lotto auf dem Handy – ich habe nichts gewonnen.

Einen Film schauten wir am letzten Abend und danach häkelte ich einfach ein bisschen in meinem Zimmer weiter; ich hatte keine Lust nach unten zu gehen und meine Eltern beim Schlafen vor dem Fernseher zu beobachten. Als sie später hoch kamen meinte meine Mutter, wo ich gewesen sei, sie hätten auf mich gewartet.

Am nächsten Tag fuhren sie mich zum Bus, denn der Bahnhof, wo ich immer aussteige, war in der Gegenrichtung gesperrt und zum anderen Bahnhof will mein Vater nicht mehr fahren, weil sich an den Fahrradspuren was verändert hat und ihm das zu blöd ist. 

Als wir hinterher telefonieren, höre ich nicht wie sonst, wie schön es war, dass ich da war und dass bald wieder kommen soll. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein und sie hat es gesagt. Es war diesmal anstrengender als sonst – für alle. Es gab einiges zu erledigen, von dem meine Mutter entweder meint, dass es nicht zu erledigen sei oder sie es nicht machen will oder sie es einfach nicht mehr machen kann, weil ihr irgendwas weh tut.

Ich fing dort an, ein Buch über «Befreiung von Schuld und Scham» zu lesen, als EBook von der öffentlichen Bibliothek ausgeliehen. Heute morgen lass ich als Anzeige auf dem Handy in aller Eile: «Schuld und Scham verfällt in Kürze».  (pp)

26. September 2021

(Hamburg / Berlin) Der noroomgalerist trägt während des "Kultursommers" die "Asphalt-Fashion“ der Modekünstlerin Gloria Brillowska (txm))

24. September 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

Versicherungswerbung für die „Sterbevorsorge Komfort mit Flex-Option“
(Heute ist schlecht) (pp)

16. September 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Berlin)
Mit meiner schwer an Demenz erkrankten Schwester im Restaurant. Sie steht manchmal unvermittelt auf und läuft herum. Sie spricht schon lange nicht mehr mit mir, sondern zu einer Puppe, die offenbar aus den Tiefen der Kindheit zu ihr fand. Sie kann nicht mehr mit Messer und Gabel essen, also füttere ich sie. Sie isst gerne. Sie reagiert positiv auf Geruch und Geschmack. Und auf meine Anwesenheit, auch wenn sie nicht mehr weiß, dass ich ihr Bruder bin. Sie ist meist ganz ruhig in einer Welt, die sie maßlos überfordern muss. Eine Frau kommt zu uns an den Tisch, um mitzuteilen, dass wir ihren Hochzeitstag ruiniert haben. Auf den sie sich so gefreut habe. Sie ist ganz außer sich, dass wir nicht in unseren „privaten Räumen“ geblieben sind, wo wir niemanden durch unseren Anblick „stören“. Das müsse doch nicht sein. Wir seien doch nicht alleine auf der Welt. Ich bin müde und sage ihr, ich sei froh, dass ihr Auftritt meine Schwester nicht erreiche. Tatsächlich habe ich Angst, dass sie die vergiftete Stimmung eben doch spürt. (dl)

13. September 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Berlin)
Es ist soweit: Ich habe mir nicht nur überlegt, wieder im Büro zu arbeiten, sondern tue es tatsächlich. Letzte Woche gab es einen Umtrunk der Firma im Park, da habe ich noch allen erzählt, dass ich schon gar nicht mehr darüber nachdenke, wieder vom Büro aus zu arbeiten. Ein paar Tage später packte mich aber die seltsame Vorahnung, dass ich, wenn ich es nicht bald doch tue, es vielleicht nie wieder schaffe, sondern wenn es mal soweit ist, Panikattacken oder noch ganz andere Macken bekomme.

Bei uns muss man sich, wenn man denn kommen will, in eine Excel-Tabelle für den jeweiligen Tag für einen ganz bestimmten Tisch eintragen, so ähnlich wie bei der Sitzplatzreservierung bei der Bahn. Letzte Woche war für heute noch so viel frei, dass ich mich gar nicht entscheiden konnte, wo der beste Platz für mich ist. Gestern abend war die Liste bis auf einen Platz komplett voll und meine Entscheidung wurde mir abgenommen.

Ich habe nur so halb gut geschlafen und auch daran gedacht, ob es nötig ist, einen Test zu machen. Heute morgen habe ich mir einen Salat in eine Tupperdose geschnippelt, denn die Kantine, die wir immer benutzen konnten, hat mittlerweile dicht gemacht und wird nicht mehr aufmachen. Rechner, Mouse, Ladekabel zusammen mit einem Pullover und Jäckchen – bei uns ist es oft recht kalt – in den Rucksack gestopft und los mit dem Fahrrad.

Ich hatte der Büroassistenz am Morgen noch schnell geschrieben und sie antwortete mir, dass man nicht offiziell einen Test braucht, dass man aber einen Schnelltest am Eingang machen kann. Also eher ein Gebot, an das ich mich besser halte. Ich halte auf dem Weg an einem Covid-Pavillon auf dem Bürgersteig und mache den lieber gleich dort, denn ich habe noch nie einen Schnelltest selber gemacht. Bis ich vor dem Büro angekommen bin, ist das Ergebnis da: negativ, puh. Ein Test ist jedes Mal ein bisschen Stress für mich.

Meine Einlasskarte funktioniert nicht mehr; zum Glück nimmt mich eine Kollegin mit rein. Drinnen bekomme ich eine neue Karte. Mein Tisch ist hinter einem kleinen Regal, das glaube ich noch nicht da war, als ich das letzte Mal hier gearbeitet habe, also vor über zwei Jahren. Ich stelle meinen mitgebrachten Kram auf und das WLAN läuft sofort. Ein Monitor steht auch hier, zuhause bin ich immer zu faul, den anzuschließen. Ich überlege mir, wo ich hingehe, wenn wir Konferenz haben und entscheide mich für eine Telefonkabine. Ich frage sicherheitshalber nochmal nach und meine Entscheidung war richtig. Ich muss mich auch dafür eintragen, damit niemand anderes diese Kabine mehr benutzt. Ich hoffe, dass sie niemand mal kurz zwischendurch benutzt hat, ohne sich einzutragen. Und halte gleichzeitig diese Befürchtung für etwas übertrieben. Ich konnte die Kabine nicht richtig beobachten, weil sie hinter einer Säule liegt, aber ich denke, es war mindestens eine Stunde vorher niemand drin. Es wird ein Investitionsantrag gestellt, damit ich ein Headset bekomme, dann kann ich auch im Großraumbüro bleiben zum konferieren.

Ich gehe den Stapel Ankündigungspost durch und beschließe alles, auf dem 2020 steht, sofort wegzuschmeißen. Ich suche mir Tische für morgen und Montag aus und reserviere sie.
(pp)

2. September 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

Sprachnachricht vom 2. September 2021 um 19:00 
«Ich hasse ja Sprachnachrichten eigentlich, aber ich muss es jetzt einfach rausbrüllen. Ich bin zu Françoise gefahren. Ich gehe den Berg hoch und laufe prompt in ein Kamerateam, die natürlich am Grab von Rio Reiser rumfilmen und irgendwas über ein Pärchen im mittleren Alter machen.
«Ja und die Gebrüder Grimm, die liegen doch hier auch irgendwo?» sagt jemand von denen.
Ich denke mir: Scheiß auf die, ihr müsst Françoise filmen, sage aber nichts, gehe weiter zum Grab und beobachte sie. Dann kommen sie hoch und die Producerin sagt: «So, jetzt gehen wir hoch und links» und ich denke mir: Jaja, jetzt kommen sie zum wichtigen Teil.
Es schaut dann aber doch nicht so aus und ich rufe ihnen zu: «Hallo, hier liegt Françoise Cactus, die müsst ihr filmen!»
«Ach ja, was, Françoise?»
Die Portraitierte und der Typ kommen her und sie so: «Oh, yeah, she was a funny one.»
Ich dann nochmal zur Producerin: «Hallo, hier das Grab von Françoise!»
«Ach ja, echt, jaja, es müsste so ein halbes Jahr her sein.»
«Ja, die müsst ihr filmen.»
«Hmm, hmm …» und sie winkt ab, die blöde Kuh. Ich kotze!
Ich hab sie gefragt, was sie überhaupt filmen.
«Wir portraitieren ja diese beiden Bartender.»
«Für arte?»
«Nee, nee, für ‘ne App.»
Ich hab aber schon gemerkt, dass sie nichts erzählen will und hatte auch keinen Bock drauf. Es macht mich nur aggressiv, weil Françoise bestimmt Tausende von Euro in deren scheiß Bars versenkt hat und jetzt nichtmal in diesem blöden Feature vorkommt. Aber wer weiß, es ist vielleicht besser so. Alright, ich beende meine Rants hier. Bis später, ciao!»

Sprachnachricht vom 2. September um 19.01
«Ich stelle mir gerade vor, wie sich Françoise mit diesen beiden Trantüten vor zehn oder zwanzig Jahren in einer Bar mal angelegt hat und sie zum Teufel geschickt hat. [Lachen] Ciao!»
(pp)

30. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

Oberpräsident*in (fn)

28. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Berlin)
Nachdem ich «Hard-boiled Hard Luck», «Erinnerungen aus der Sackgasse», «Lebensgeister», «Sly»,  «Kitchen», «Eidechse», «N•P»,«Der See» und «Federkleid» gelesen hatte und gerade dabei war «Ihre Nacht» zu lesen, erschien mir Banana Yoshimoto diese Woche nun im Traum.
Ich hatte eines ihrer Merchandising-Amulette gekauft und sie sagte zu mir: «Hör auf damit – es reicht jetzt!»
Ich tat wie befohlen und werde den Rest ungelesen zurückgeben.
Ich lese jetzt «Nachsommer» von Adalbert Stifter. Das Buch wurde mir vor einiger Zeit schon als Midlife-Crisis-Roman empfohlen.
(pp)

25. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

Vielleicht sollte ich mir einen weiteren Nebenjob suchen.
Vielleicht sollte ich nicht eine Woche krank sein um kein Geld in der Kita zu verdienen.
Vielleicht sollte ich mich nicht ausruhen, weil ich meine Regel habe.
Vielleicht sollte ich nicht diesen heutigen Vormittag dazu genutzt haben um
Aufzuräumen
Zu saugen
Zu spülen obwohl M gesagt hat, mach das alles nicht, bitte
Zu merken, dass ich es manchmal aber trotzdem machen will
Zu merken, dass saugen mich verrückt macht (laut, nervig)
Zu überlegen ob das besser wäre, es M machen zu lassen
Zu überlegen ob man nicht auch einfach mal zu Hause sein darf
Zu überlegen ob es ok ist, auf keinen Fall eine Putzkraft haben zu wollen
Zu überlegen ob das ein Arbeiterklassending ist
Bei ebay Kleinanzeigen nach grünen Schnürschuhen für L zu suchen
Bei ebay Kleinanzeigen nach Herbstschuhen zu suchen
Bei ebay Kleinanzeigen nach Gummistiefeln zu suchen
Zu sitzen und einen Fencheltee zu trinken und kurz die Rückenschmerzen spüren
Wäsche zu waschen
Ls Sneakers doch wegzuschmeißen
Radio zu hören wegen Charlie Watts (Tod)
Meine Finanzen zu checken
Zu überlegen, wie ich das Festival am Wochenende fotografiere
Zu überlegen, wie ich das finde am Wochenende auf ein Festival zu fahren, weil es regnen wird
H schreiben wegen des offenen Briefes an die Bundesregierung, wegen Afghanistan
Kitakolleginnen einzuladen zu Hayatos Tisch (Planten un Bloomen, bald)
Zu überlegen, was für eine Art Nebenjob ich machen könnte neben Kunst, Schreiben, Lehrauftrag, Kitajob und Leben
L zum Balettprobetraining anmelden, wo er heute unbedingt hinwill
Ls Sachen aus der Wohnung in sein Zimmer zu bringen und das nicht aufräumen
Zu überlegen wie diese lange Reise nächstes Jahr wohl wird
Zu überlegen ob wir doch noch die Maus haben, weil Köttel gesehen
Zu überlegen, was ich esse
Zu überlegen, ob wir L nächstes Jahr einen neuen oder gebrauchten Schulranzen kaufen
Zu überlegen, was Risiko ist und was Notwendigkeit
Zu überlegen, was ich mit den Bildern von der IAA mache
Zu überlegen, ob das einfacher wäre, wenn ich Budget für diese Bilder hätte (ja)
Zu fühlen, was es für ein großes Glück ist, L jeden Tag zu sehen, zu SEHEN
Zu fragen, warum es meiner Mama so schwer fällt mich zu SEHEN
Zu überlegen, wen ich im September wähle
Zu überlegen, ob ich Aktivistin sein sollte, wegen Afghanistan und Klimawandel
Zu überlegen, ob nicht Enissa Amani die korrekte Bundeskanzlerin wäre
Zu überlegen, ob ich jetzt für die Lesung im September übe
Zu überlegen, ob ich jetzt Perecs „Träume von Räumen“ lese
Zu überlegen ob das schon jetzt meine Kunst ist
Zu überlegen ob das Biografische, das IMMER in der Kunst steckt, verdeckt werden sollte
Zu überlegen ob das die Künstler*innen schützt
Zu überlegen vor wem man sich überhaupt schützen muss
(js)

17. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Dänemark)
In Dk gibt es keine Maskenpflicht, aber alle Hunde werden hier an der Leine geführt, auch im Wasser. Die Leinen sind viele Meter lang: Frau steht mit angeleintem Hund im tiefen Wasser. Hund schwimmt richtung Land erreicht den Strand aber nicht, weil die Leine nun doch zu kurz ist. Hund schwimmt an der gespannten Leine auf der Stelle, während die Frau das Abendlicht überm Meer bewundert. (nor)

15. August 2021

Rahel Bruns, Wagentourette

11. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Zürich)
Beim Aufwachen kurze Irritation: Bunte Farben, Spielzeug, Kuscheltiere. Die kleine L. schläft bei den Eltern und hat mir freundlicherweise ihr Bett überlassen. Wir sind in Zürich, wo gestern R.s letzter Kindergeburtstag war und die Feier im Park wie üblich in ein Grillfest der Kulturschaffenden überging. Das Gespräch bei sehr dunklen Würstchen und Schaumwein ging unter Anderem um Faszination und Schrecken der Luftfahrt. Jetzt ist früher Morgen, alle schlafen noch, nur ich liege wach, etwas dehydriert und mit leichtem Druck im Kopf. Ich trinke reichlich Wasser, dusche, räume die Kuscheltiere mit ihren toten Augen beiseite und lege mich wieder hin. Nach einer Weile Dösen denke ich schade, das wird nichts mehr, ich sollte besser aufstehen. Aber dann sehe ich den Schlaf, er ist schon ganz nah. Im Sinkflug geht es in die Wolken, das Kopfweh ist weg, um mich nur noch flauschiges Weiß.
Mittags wollen die frischgebackenen Teenager (N. ist auch kürzlich 13 geworden) Muffins backen. Dazu heizen sie den Ofen auf Maximaltemperatur vor und rühren »nach Gefühl« wahllos Zutaten zu einer klumpigen, sehr flüssigen Pampe, die in Förmchen gegossen und gebacken wird, ebenfalls nach Gefühl. Das Ergebnis ist perfekt, innen wunderbar locker und außen mit einer leicht karamellisierten Kruste, in den Varianten »Schoko« und »Pizza«. N. verrät mir das Geheimnis dieses Erfolgs: Sehr wenig Mehl, dafür mehrere Päckchen Backpulver. (ow)

 

3. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Klintholm)
Der stolze Besitzer einer sehr großen Motoryacht lärmt im Hafen mit seinem Statussymbol herum. Geräuschvoll öffnet sich langsam die Heckklappe zu einer Art Garage für ein kleineres Motorboot, das nun aus dem Bauch oder besser Arsch des Mutterschiffs, auf krachenden und knarrenden Rollen, herausbefördert wird, begleitet von hochtourigem Sirren und Brummen der Elektronik. Nach 20 minütiger Ausfahrt, wird das Beiboot mit eben solchem langwierigen Getöse wieder dem großen Schiff einverleibt. Das große Schiff heißt: Sea Whisperer. (nor)

15. April 2021

Die alten und noch älteren Blogeinträge "Nachrichten aus dem laufenden Betrieb" (seit März 2020) liegen im Textem Blog Archiv