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14. August 2022

Eddingtinte, Weidenkorb, H-Sahne, Hydrometer (nor)

14. August 2022

Barmbek-Süd

Ich habe stabile Sommer schon immer gemocht. Wahrscheinlich wäre ich in Kalifornien glücklich geworden. Wenn ich Tauben auf der Straße sehe, frage ich mich immer, warum sie nicht einfach im Stadtpark leben. Warum lebe ich also nicht in Kalifornien?

Ein stabiler Sommer in der Stadt weckt Erinnerungen. Der Soundtrack des die ganze Stadt in Schwingung bringenden und zugleich lähmenden Sommers ist nicht John Scofields Stück „Endless Summer“, sondern Manfred Schoofs Album „Scales“. Der Text eines solchen Sommers ist Botho Strauß’ „Widmung“, in dem ein verlassener Jungmann in einem heißen Berliner Sommer zu schreiben beginnt, um den Sprung in seiner Liebesgeschichte mit Worten zu füllen, für den Tag, an dem die Liebste – vielleicht – zu ihm zurückkommt.

Seit Wochen und Monaten bearbeitet uns die Chefetage vorsichtig, zurückzukommen ins Büro. Sie wissen, das kann nur freiwillig passieren. Der Betriebsrat lässt da keine Zweifel aufkommen. Freiwilligkeit der Mitarbeiter widerspricht aber dem Prinzip Chef. Und es nimmt dem Begriff Boss die Substanz, wenn die Untertanen sich jederzeit mit schwächelndem WLAN aus einem Meeting herausstehlen können. Einmal habe ich in einem Video-Call den Apell gehört, „unsere schönen Immobilien“ wieder zu nutzen, wo sich seit zwei Jahren schmutzige Kaffeetassen in den Pantrys stapelten.

Ganz so schlimm sieht es dort indessen nicht mehr aus. Ich war bereit für die Präsenz von Herr und Knecht und gehe wieder ganz gerne mal ins Büro. Zeitweise fiel mir auch im HO die Decke auf den Kopf. Auch als Kollege unter Kollegen und Kolleginnen geht einem mit der Zeit die Substanz verloren. Im Türrahmen stehen und tratschen. Persönliches beim Essen in der Kantine austauschen. Und sich nach den Jahren neu kennen lernen: Haben sich manche nicht deutlich, andere unmerklich verändert? Was weiß man noch von ihnen? Passen die Daten noch zusammen? Seit ihr noch mit euren Partnern liiert? Eltern geworden? Leben eure Eltern noch? Sehen wir uns noch vor der Rente? Wir sind nicht mehr dieselben.

Viele Kollegen trifft man dort aber noch nicht. Und auch mir will das Comeback nicht richtig gelingen. Im Büro ist es heiß. Viel heißer als in meiner schattigen Altbauwohnung. Alle paar Tage bleibe ich wieder zu Hause. Und frage mich, wie es wohl im Herbst wird, wenn man zu Hause nicht so viel heizen möchte, während in der Stadt die nächste Corona-Welle anrollt. (rs)

14. August 2022

Robert-Koch-Institut (Nordufer 20, 13353 Berlin) (wt)

13. August 2022

zehn vor, zwanzig nach (wt)

13. August 2022
Sylt
Phänotypisch muss man sich den Sylter Punk – abgesehen von einer kleinen Gruppe interessant ninjamäßig dekorierter Figuren – übrigens eher blumenkindartig vorstellen, bunte Flickenwesten, Federn im Haar, nackte Brust und so. Zentrum jeder der kleinen Gruppen, die in der Stadt lagern, ist ein Junge mit Gitarre, den Mädchen anhimmeln. Und damit ist ein Problem berührt: der Sylter Punk ist seltsam gegenwartslos in seiner Zitatkultur. Nicht nur der Habitus, sondern auch Soundtrack und Slogans stammen aus den 70ern, von uns alten Säcken. Ton, Steine, Scherben das Aktuellste im Angebot. Ein bisschen erinnert es an Bädertouren mit Wencke Myrhe und dem Medium-Terzett. Irgendwie enttäuschend unproduktiv und vergangenheitsverfallen.
Und komplett enttäuschend, dass auch der Feminismus den Sylter Punk noch nicht erreicht hat. Zum Schnorren schiebt er die Mädchen im knappen Netzhemd in die erste Reihe. (dl)
12. August 2022

Gestern war ich bei einem Jour fixe der Kulturwelt, es war warm, wir saßen mit vielen Menschen draußen. Wie ich vor einiger Zeit festgestellt habe, fühle ich mich seit Corona unverhältnismäßig älter. Das hat auch damit zu tun, dass vieles passiert ist, was ich nicht automatisch mitbekommen habe wie früher. Das geht anderen auch so, habe ich gehört. Dennoch, ich fühlte ich mich, als wüssten alle Bescheid, nur ich nicht. Das geht natürlich auch ohne Altsein. Wie früher auf Klassen- oder Studentenpartys. Ein bisschen Alkohol hilft dann ja erfahrungsgemäß.

 

Später saß ich in der Ecke der Gartenbankund kam mit G. ins Gespräch; wo man denn noch hinfährt dieses Jahr. Ich kam kurz in Fahrt und erzählte, dass ich M. getroffen habe, der jetzt in Italien lebt und mich eingeladen hat, ihn zu besuchen. Das war, nachdem M. und ich mit einem Freund ein langes Gespräch zum Ukrainekrieg gehabt hatten, und dieses hatte sich beglückend angefühlt, da wir auf jemanden gestoßen waren, der unsere Ansichten teilte. Ich führte G. gegenüber aus, wie erleichternd ich solche Erfahrungen empfinde, nachdem ich in den Coronajahren ganz andere, überraschende wie frustrierende Gespräche etwa zum Thema Impfung gehabt hatte. Ebendiese Erfahrung hatte ich dann dieses Jahr wieder gehabt, etwa beim Thema Waffenlieferungen an die Ukraine endeten Gespräche verfrüht, ohne Aussicht auf Fortsetzung.


Meine Stimmung auf der Bank sitzend, hellte sich auf, weichte sie doch auch die Empfindung auf, alt und außenvor zu sein – sind wir nicht einfach nur aus der Übung? Da kam viel zusammen, schwere Themen, dazu Corona-Beschränkungen, die eine Ruption im kommunikativen Flow hinterlassen haben, den es wiederherzustellen gilt? Das erklärt die Zurückhaltung, nach den seltsamen Erfahrungen, die wir alle gemacht haben. Tatsächlich sind sogar Kontakte eingeschlafen, offenbar nachdem sich beide Seiten unwohl gefühlt hatten. Ob eine Weltlage wie jetzt sich wohl auch darin äußert, dass unterschiedliche Prägungen zugleich sichtbarer und virulenter werden?

Das Gespräch zwischen M. und mir hatte offenbart, dass unsere Reaktion auf Impfskeptiker sich aus derselben Wut speist: Das sind Leute, die Aids nicht mitbekommen haben und deshalb es sich leisten zu können glauben, wissenschaftliche Ergebnisse vom Tisch zu wischen. Die aktuellen großen Fragen berühren existenzielle Entscheidungen. Und soziale Kontakte, Freundschaften spielen bei der Selbstverortung auf einmal eine größere Rolle, es geht um Bestärkung oder auch Abgrenzung. Aha, und das wiederum erklärt vielleicht auch, warum ich vor einem Jour fixe so shy werde? Könnte sein, die Dimensionen sind nun einfach andere, in solchen Zeiten fühlen sich Gräben schnell tief an, einander zu bestätigen bekommt eine ganz neue Bedeutung.

 

Nun fühlte ich mich wieder als Teil des Ganzen – ja, das ist eben die Zeit. G. nahm mir auch gleich die Befürchtungen: Was es denn beim Ukrainekrieg für unterschiedliche Einschätzungen geben sollte? Das sei ja nun wirklich alles glasklar. Im Überschwang begann ich gleich aufzuzählen: Nun ja, diese offenen Briefe an den Kanzler gegen die Lieferung schwerer Waffen, unterzeichnet von mir wichtigen Menschen, die sich auf deutsche Verantwortung beriefen; in dem Zusammenhang ein seltsames Ukrainebild, das ich bei vielen wahrnehme; und … „Da bist du aber vollkommen falsch gewickelt“, fiel mir G. ins Wort. Wir haben dann noch ein bisschen gesprochen. (smo)

11. August 2022

Irgendwann kommt der Punkt, an dem man checkt, dass es nicht so läuft wie geplant. Dass sich sich der alte Mist wiederholt. Vor drei Jahren hatten Willi und ich was vor. Jetzt hat nur er noch Pläne. Ich habe eine To-Do-List-App installiert. Klappt mäßig. Ich schaffe es, dann und wann was abzuhaken. Schön ist, dass man auch hinterher noch sieht, was man gemacht hat und dass dieser Teil der Liste ein bisschen länger wird. Aber ich bringe eher selten was zu Ende. Sogar mein Bad steht voller angebochener Tuben und Tiegel. Nächste Woche fahren wir weg. Lohnt es sich noch, vorher was anzufangen? Was zu bestellen, das im Paketshop landet und dann zurück geht? Termine für hinterher könnte ich machen. Ich höre Musik von «Touching Box», «junge Haut» und Candy Moore und suche nach einem Sommerhit. Und schwitze bei einer scharf-sauren Suppe. Und esse hinterher ein von der Hitze halbweiches Twix Salted Caramel.

Fahr doch mit dem Fahrrad in ein anderes Stadtgebiet. Vielleicht nicht mit dem Fahrrad, sondern mit der zugigen U-Bahn, um das 9-Euro-Ticket endlich zu benutzen. Auf dem Gleis schreit ein Rotzer: «Ich hab Corona – haut bloß ab!» Besuche das Geschäft mit «bunter Mode der eigenen Marke». Ich habe Zeit für neue Klamotten. Die Angebote, die man online sieht, sind im Laden nicht reduziert. Keine der Verkäuferinnen lässt sich dadurch beeindrucken; es ist ihnen einfach egal, ob ich etwas kaufe, dabei ist der Laden immer leer. Ich nehme ein Batik-Shirt, das nach Salted Caramel ausschaut, damit ich nicht umsonst gefahren bin. Ein Poloshirt in Frottee in Peach-Creme aus einem anderen Laden macht auch Spaß. Mein altes «Sunny Side Up!»-Shirt schmeiße ich weg.

Ansonsten überall Krise, nichts als Krise – ich hab‘s so satt. «Neue Weltordnung», «Schlimmster Sommer aller Zeiten», «Multikrise», «Polykrise», alle die ich kenne, haben eine Therapie gemacht, machen eine, würden gerne eine machen, erzählen mir von den Traumata ihrer Hunde. Wenn man sie erreichen will, melden sie sich nicht zurück, man macht sich Sorgen und später erfährt man, dass sie einfach nur Saufen waren. So läuft’s!

Als ich von zuhause ausgezogen bin, habe ich mir vorgenommen, nie mehr sonntags alleine zu sein. Meine Mutter war mit meinem Bruder am Fussballplatz, um ihn in der Dorfmannschaft spielen zu sehen, mein Vater im Wirtshaus. Ich verzeihe ihnen, aber mir ist es nicht wirklich gelungen, das Sonntagsproblem zu lösen oder mich zu ändern. So sitze ich bei der Hitze zuhause und mache Bilder. Ich erhöhe meine Hantelgewichte auf 4,5 Kilo und hoffe, dass es mehr bringt als schadet. Ich übe mit nacktem Oberkörper vor dem Spiegel. Ich schlucke regelmäßig L-Arginine, die ich irgendwann gekauft habe. Ich habe scheinbar grundlos Wutanfälle, bei denen ich die Türen der Hängeschränke runterreißen möchte. Oder ich könnte bei jedem Scheiß heulen. Lethargisch oder dauergeil – sind das die «Wechseljahre eines Mannes»?! (pp)

 

11. August 2022

Heute morgen ist mir ins Zimmer ein Rotköpfchen reingeflogen

Berlin-Mitte (Wedding) (wt)

6. August 2022

Berlin (wt)

6. August 2022

Hamburg, Barmbek-Süd
Manchmal denke ich jetzt in der Pandemie: So bin ich früher auch gewesen. Die überzogenen Kommentare auf Twitter, bei Facebook. Ist es müßig anzunehmen, diese Leute könnten nicht auch einmal für Metamorphosen infrage kommen und sich irgendwo anders sehen? Natürlich sind das ganz formale Betrachtungen. In der Sache bin ich „so“ auch früher nie gewesen. Nur die Haltung, Misstrauen gegen alle Institutionen, die Suche nach Kausalität in einer Retro-Männerbünde-BRD bis zu Verschwörungsfantasien. Graue B-Film-Helden regierten die Welt. Das junge Leiden am Absurden. Einmal wollten wir eine Band „Demokratie und Dienstpistole“ nennen.

 

Ist es mit Krieg und Frieden genauso oder genau anders? Ich habe in drei Instanzen gegen die Bundesrepublik Deutschland auf meinem Recht beharrt, den Wehrdienst zu verweigern. Die Vorsitzenden der ersten beiden Ausschüsse waren echte Ekelpakete. Zur Einleitung sagte der eine: „Wir haben dieses Jahr 55000 Verweigerer. Das ist zu viel.“ Ein Vorentscheid. Zweimal fiel ich mit meiner locker an das Milgram-Experiment angelehnten Apologie der Gehorsamsverweigerung durch. Plus Vertrauen auf mein „gutes Gewissen“ (hier stehe ich, 20, Stolz und Unschuld). Beim dritten Mal brachte mich ein Anwalt der DFG-VK vorher auf Linie, verzweifelte dann fast (ob ich Soldaten für schlechtere Menschen hielte, wollten sie wissen. Ja, schon!), aber das Gremium sprach drei zu zwei für mich. Studium unterbrechen, Altenpflege. Heute wäre ich anstelle meiner Kinder zur Landesverteidigung bereit, wenn es denn sein müsste; sofern man mich dann lassen würde. Dass Russland die Nato angreifen könnte, erschien uns damals als von Mainstream-Medien lancierte Panikmache in dunkler militaristischer Absicht. Reale Gefahr kam nicht von Osten. The russians love their children, too.

 

Joe Biden benutzt eine bemerkenswerte Formulierung, nachdem er einen Mann in Kabul hat töten lassen und nun allen noch lebenden erklärten Feinden zu verstehen gibt, was er jederzeit überall mit ihnen zu tun gedenkt: „take them out“. Aus dem Spiel, denkt man. Was es nicht ist. Aus dem Leben. Aus der Welt. Morgens um 6:17 Uhr auf dem Balkon erscheinen und auf dem Display einer fernen Exekutiveinheit. Keine Zeit für Angst, Gebete, Reflexion. Möge derTod plötzlich kommen, den Wunsch hört man oft. Und obwohl man es normalerweise auch nicht in der Hand hat, ist das Problem am Aus-der-Welt-genommen-Werden die Fremdbestimmung. Übrigens scheint sich seit Horst Herolds Fluch „Wir kriegen sie alle!“ nicht viel geändert zu haben.

 

„Die Zeit“ stellt dem 95-jährigen Martin Walser die heikle Frage, auf was er sich nach dem Tod freue. Nur behauptet und uneingelöst bleibt die Prämisse, dass es da etwas zu freuen gibt. Und Walser beginnt mit einem so rührend juvenilen wie illusionsfrei reifen Gedanken, „Ich sähe mich gern anders, als ich bin, werde dadurch aber nicht so, wie ich mich gern sähe.“ (rs)

6. August 2022
31. Juli 2022

M. steht auf dem molenkopf und angelt. er ist maurer hat aber umgelernt auf laborant.

er erzählt uns von toxoplasma gondii, der parasit der bei mäusen dazu führt, dass sie die katzen nicht nur nicht mehr fürchten sondern sogar suchen. auch bei menschen führt taxoplasmose dazu waghalsiger, gefahrvoller zu agieren. menschen gehörten (wie jetzt mäuse für katzen), zum speiseplan der großkatzen, und in deren system will toxoplasma gondii um sich zu vermehren, weshalb der parasit die gehirne seiner zwischenwirte manipuliert.

weil wir so viel quatschen fängt M. nur krabben, die ihm die köder abfressen außerdem eine invasive art kleiner dunkler fische mit flügelartigen flossen, die in den ballasttanks der frachtschiffe aus dem kaspischen meer in die ostsee einreisen. (nor)

30. Juli 2022

"my funeral" (rp)

23. Juli 2022

Von der Großausstellung zurückgekommen und im Tanztheater gewesen. Kaum jemand hatte mehr Maske auf. Sobald die Maske optional ist, wird sie von der Kulturelite sofort weggelassen.

Eine von uns hatte zwar «was im Hals», aber sich die letzten Tage negativ getestet. Heute ist sie positiv. Ich flipp’ aus! Ich will zu meinen Eltern, sonst wäre es mir egal. Frage mich, wo der Unterschied zur Mailänder Disko ist und habe ein schlechtes Gewissen. Habe nach dem Theater gleich mega scharf gegessen und mache eine ganz spezielle Suppe, die hoffentlich alles weg brennt. Zum Sport gehe ich aber! Muss auf dem Weg dorthin noch ein Kissen im Möbelladen besorgen, damit ich den gehäkelten Bezug für meine Mutter fertigstellen kann. Bei der letzten Infektion habe ich gehäkelt – das wird doch kein Zeichen sein?

Versuche, nicht gestresst zu sein.

Klappt so mäßig.

Ich schaue nach, wie lange es letztes Mal gedauert hat, bis die ersten Symptome da waren und rechne aus, wann das dieses Mal wäre. Freitag. Nein Donnerstag. Vielleicht dauert es ein bisschen länger, Samstag fahre ich eh zurück. Nein, nein, nein! Natürlich gar nicht! Ich teste mich bei meinen Eltern öfter mal, die alten Tests aus der Schweiz müssen eh weg.

Lese dort von der Verfolgungsjagd einer Transperson am Rande der Großausstellung. Sie hatte eine Location besucht, wartete an der Bushaltestelle und wurde von Typen aus dem Auto heraus angemacht und verfolgt. Sie flüchtete in einen Baumarkt. Wir waren dort! Am genannten Datum liefen wir gerade zur Tram. Wir hörten jemanden vom Obi her schreien: «Help! Help!! Help!!!» und ich ging in die Richtung, um mehr zu sehen. Meine Begleitungen meinten, aber es sind doch Leute dort. «Das heißt nicht, dass die auch helfen!» Die Schreie hörten auf und wir gingen weiter. In der Zeitung stand, die Verfolger riefen vor Ort weitere Typen an und die Polizei glaubte denen zuerst und nahm die Verfolgten fest. Es ist zum Heulen.

Darüber vergesse ich Willi anzurufen und penne elf Stunden. Kommt mir komisch vor und ich mache wieder einen Schnelltest. Negativ.
Das Kissen häkele ich fertig und nähe es auf. Mega! Etwas überdimensioniert. Meine Mutter vernäht die letzten Fäden zum Glück selber. Ich kann nicht mehr. Fange mit Topflappen an.
Im Zug häkele ich weiter. Bei der Hinfahrt waren andere 1. Klasse-Abteile sehr viel leerer als meine und deshalb gehe ich bei der Rückfahrt erstmal alle durch, ob ich vielleicht im vollsten sitze. Ich sehe eine Frau, bei der ich auf den ersten Blick sehe, dass sie Krebs hat. Beim Aussteigen sind die Topflappen fast fertig. Am Bahnhof funktioniert die Rolltreppe nicht und genau diese Frau steht mit einem großen Koffer neben mir. Ich frage sie, ob ich den Koffer nehmen soll. Sie sagt, gerne, ich habe Krebs und ich bin schon froh, wenn ich die Treppe hoch komme. Ich sage, ich kenne das, ich hatte auch Krebs. Ich schleppe den schweren Koffer hoch. Oben sage ich ihr, Sie werden es schaffen, ich habe es auch geschafft. Hinterher ärgere ich mich, dass ich den Koffer nicht noch bis zum Aufzug gerollt habe.
Der Bahnhof ist voller Loveparade-Fuzzis, an jeder Fressbude eine Mega-Schlange. Ich erwische den falschen Ausgang und muss nochmal an allen vorbei.
Das letzte Stück von Pollesch fürs Deutsche Theater steht an. Ich freue mich!
Ein Newsletter vermeldet «etwas Optimismus in der Multikrise».
Ich gehe zum Konzert von Brezel Göring, bei dem er den Tod von Françoise Cactus verarbeitet. Als ich nach Hause komme, wird der Tod von Fulya Erdemci gemeldet. Ich konnte 2013 in Berlin ein Interview mit ihr machen. Sie hatte bei René Block eine Ausstellung als Vorpräsentation der von ihr kuratierten Istanbul-Biennale. Es hat fast niemanden außer mir interessiert, deswegen bekam ich meine Chance. Eine Woche später ging es mit den Protesten im Gezi-Park richtig los. Ich versuchte hinterher mit ihr zu mailen oder zu telefonieren, um Antworten auf weitere Fragen zu bekommen, aber das das Interview verschwand in der Versenkung. Erst letztes Jahr wurde bei ihr Krebs diagnostiziert, wie ich aus den Meldungen erfahre.
Mein Verleger ruft mich an. Ich verpasse den Anruf, weil ich auf meiner neuen Shakti-Matte liege, die mich massieren soll.

Am nächsten Tag wollen wir Zelten. Das Wetter ist schlecht in Berlin. Drei Tage und zwei Nächte sind wir unterwegs, das Wetter wird immer besser. Zurück geht es mit dem Zug. Ich wollte vor der Hitzewelle zurück sein und es hat geklappt. Jetzt hat es über 30 Grad, in meiner Nordseitewohnung sind es 24. Mal sehen, wie lange noch. Die Fenster bleiben zu! Ich häkele erstmal ein paar Runden am Baumwoll-Mohair-Pullover. Der nächste Winter kommt. Ich habe mein Standard-Gas gekündigt und bin auch mit Gas zu meinem Ökostromanbieter gewechselt. Seitdem beobachte ich die Preise für Gas-Neukunden. Meiner liegt trotz Biogas 5 Cent unter dem Durchschnittspreis. Ich freue mich!
Heute hatte ich meine Outdoor-Häkelpremiere im Schwimmbad. Ich bin nicht aufgestanden, um auf die Uhr zu schauen, sondern habe weiter gehäkelt und eine ältere Dame gefragt, die für mich ihr Handy geholt hat, um mir die Uhrzeit und das Foto ihrer Enkel als Hintergrundbild zu zeigen. (pp)

23. Juli 2022

Berlin (wt). Der lateinische Buchstabe Z gilt seit dem 24. 2. 2022 als Erkennungszeichen der Unterstützer des russischen Feldzugs gegen die Ukraine: "Za/Sa pobedu" ("Für den Sieg")

20. Juli 2022

Arken (Kopenhagen)
der hafen ishoj südilich von kopenhagen wurde anfang der 80 jahre als künstliches archipel geplant und ist vermutlich immer an wochenenden voller menschen die in den entfert stehenden hochhäusern leben und sich die woche über krumm arbeiten – dies ist nicht der reiche teil kopenhagens.

in kurzer entfernung zum hafen ragt asymmetrisch und hermetisch das museum arken, 1996 wurde es eröffnet, die gründungsdirektorin anna castberg verschwand mit dem ankaufsetat. aus irgendwelchen gründen wurde außerdem versäumt bäume auf dem grundstück anzupflanzen, das kann nicht mit dem verschwundenen ankaufsetat erklärt werden. womöglich kann man aber die qualität der ausgestellten sammlung mit dem fehlenden geld erklären, denn die zusammenstellung ist fahrig und unkonzentriert.

geradezu klassisch sind die typischen fehleinkäufe der 2000er, damien hirst und anselm reyle (die findet man auch in anderen museen und im fall von hirst handelt es sich hier auch noch um eine wertsteigernde schenkung an das museum), ... egal, von beiden gibts jeweils ein saal voll, bei hirst lasse ich die plakate mit den medikamentenverpackungen gelten, bei reyle leider sofort netzhautablösung. (nor)

19. Juli 2022

Frankreich, 14. Juli.
Alle Deutschen sind im Sommer in Frankreich. Ich bin auch eine dieser Deutschen. Jeden Sommerurlaub muss ich in Frankreich verbringen und doch kenne ich kaum die Sprache und noch weniger die Menschen. „Merci“, sage ich, wenn mir der Kellner Champagner einschenkt. Ich nicke höflich, wenn er mir etwas erzählt.

Der französische 14. Juli. Die Revolution, Bastille, irgendsowas war an dem Tag. Verdammt lang her denke ich – Weihnachten mag nur unwesentlich älter sein. Das ist aber was Anderes.

Die Feier beginnt erst um 22 Uhr. Die rechtschaffene Deutsche schläft um die Zeit, aber gut, lasse sie sich auf anderer Kulturen Bräuche ein. Feuerwerk. Hübsch. Dann unter die Leute. Sie sind ausgelassen. Wirklich ausgelassen. Eine lachende Familie kommt mir entgegen: zwei eiskremlöffelnde Mädchen, die jüngere hält die Hand ihrer Mutter, die wiederum der Vater festhält. Überhaupt machen die Eisverkäuferinnen heute den Umsatz des Jahres: Die Schlangen versperren ganze Gässchen. Ältere Ehepaare haben die Arme umeinander gelegt und amüsieren sich über die jungen Leute; Ein kleiner Junge mit Verband um den Arm, der seine Eltern um Eis anbettelt. Ein winziges Mädchen, das um seine Mutter herumtanzt (längst wird auf allen Plätzen Live-Musik gespielt, wo sich immer mehr Feiernde sammeln und gesellig im Takt schwingen). Junge Frauen in kurzen, engen schwarzen oder neonfarbenen Kleidchen. Pärchen in Anzügen und langen Sommerkleidern.

Alles lacht und lächelt.

Ich stehe dazwischen. Das nennt man wohl einen Kulturschock. Ich schüttle den Kopf und gehe. (nwz)

 

19. Juli 2022

Berlin (wt)

7. Juli 2022

Im Traum halte ich einen Vortrag über die Ursprünge der Redewendung "am langen Tische ausgeraubt". Wach stelle ich fest, dass es diese Redewendung gar nicht gibt. Hat bestimmt was mit Putin zu tun. (dl)

 

28. Juni 2022

(Berlin)

Herr Lindner ist gegen das 9€-Ticket, da es zu unnötigen Fahrten einlade. Meine Nachbarin z.B., schmale Rente, gehbehindert und blöderweise nicht wie Herr Lindner in Besitz eines Porsches. Sie fährt jetzt, wo es das einladende Ticket gibt, manchmal quer durch Berlin, einfach so, um mal rauszukommen, mal etwas zu sehen, mal unter Leuten zu sein. Um nicht irre zu werden. Komplett unnötige Fahrten. (dl)

27. Juni 2022

(Berlin)
Es ist wieder mega heiß. Ich verabrede mich zum Essen. Die Freundin meines Dates, mit der ich auch schon ein paar Mal feiern war, hat Rückenmarkkrebs, und ich werde ausgefragt. Ich hab nicht so richtig Bock darüber zu reden und ich hatte ja zum Glück keinen Krebs, mit dem ich sofort für sechs Wochen ins Krankenhaus kam. «Na, jetzt rede doch mal. Dir muss man ja alles aus der Nase ziehen! Hast du überhaupt was zu erzählen?» Ich helfe ihr trotzdem nach dem Essen, ihren Krempel in Beuteln vom Auto in ihre weit entfernte Wohnung im vierten Stock zu schleppen.
Morgens im Schwimmbad als wir auf den Stufen zwischen Umkleide und Eingangsdusche sitzen, zeigt sie auf einen Typ und sagt zu mir: «Unter der Dusche steht Erlend Øye.» Ich: «Echt?». Sie: «Glaub’s oder glaub’s nicht.» Ja, könnte gut sein. «Neben mir ist diese Woche Maxim Biller geschwommen.» «Ja, das ist mir auch schon ein paar Mal passiert.» Wir sprechen über besondere Berlin-Momente, die immer weniger werden.
Das Café war zuerst offen und später aus «gesundheitlichen Gründen» geschlossen. Alle raunen: «Bestimmt ein positiver Coronatest!» Könnte es nicht nur ein simpler Durchfall gewesen sein? Bei der Hitze! Die «Pommeshalle» ist ebenso zu. Wir finden das Wort lustig.
Am Beckenrand wird zuerst «Rauchen, Essen und Trinken» per Durchsage verboten. Ich trinke trotzdem meinen mitgebrachten Kaffee aus meiner Minithermoskanne weiter. Es war einfach zu viel Arbeit, den vorher mit der beschissenen Handkaffeemühle zu machen. Im anderen Bad darf man nicht mal seine Taschen mit in den Badebereich nehmen. Es hat mittags 30 Grad. Später lautet die Durchsage nur «Rauchen und Essen». Doch eingeknickt!
Ich will mir einen Wassersprudler kaufen, weil ich in der Nacht davor einen Test auf Spiegel Online gelesen habe. Außerdem brauche ich mal was Spritziges. Die Potsdamer Platz Arkaden werden gepimpt und sind geschlossen. Da wird Michelle Obama aber staunen, wenn sie bei ihrem nächsten Berlinbesuch dort aufkreuzt, bestimmt wird sie sie überhaupt nicht mehr wiedererkennen und sich wundern. Im anderen Laden in einer Mall bei mir um die Ecke ist nur ein Sprudler-Modell verfügbar, aber genau das, was ich wollte. Allerdings nur die Ausstellungsstücke und die sind, obwohl schon reduziert, zehn Euro teurer als im Internet. Ich frage, ob da noch was geht und bekomme eine Abfuhr. Mich beschleicht das Gefühl, dass alles knapp wird und man alles mitnehmen muss, was geht und so wie es eben kommt.
Was isst man bei der Hitze? Ich mache mir eine Suppe. Naturreis soll 40 – in Worten: vierzig – Minuten kochen! Ich flippe aus: Wer soll das bezahlen? Ich greife zur Goldhirse. Zehn Minuten kochen und zehn Minuten quellen. Brav. Letzte Woche gab es im Restaurant Chiliessig in die Pho. Ich schütte also Chiliflocken und Balsamico rein. Schmeckt sehr nach Chips – herrlich erfrischend!

 Gestern habe ich im Restaurant was vom Billigsten bestellt für 12,90 Euro. Burrata. Extra nochmal gegoogelt, was das genau ist. Ich dachte mir: Da werden schon Nudeln dabei sein. Aber es kam nur ein Klops Mozzarella mit ein paar aufgeschnittenen Mini-Tomaten. Ich fühlte mich beschissen und dumm. (pp)

 

23. Juni 2022

(Berlin)
Samstag wird es zum ersten Mal dieses Jahr heiß. Ich habe nichts vor und fahre deshalb einfach mit Willi zu seinen Freunden in ein Mitte-Café.
Mein Verleger schickt eine SMS: «Bin in Berlin, würde jetzt mal was essen und trinken gehen.» Ich ghoste ihn.
Für das Stadtschwimmbad steht eine sehr lange Schlange an. Obwohl wir mit den Sommerbadkarten sofort rein könnten, gehen wir nicht. Es wummert ekelhafte Musik aus dem Bad.

Ich setze mich bei Willi auf den Balkon und lese «Appartamento». Nehme mir vor, ab jetzt jeden Tag ein Interview zu lesen, egal wo publiziert und mit wem, um auf neue Ideen zu kommen.
Ich soll von jetzt auf gleich einen Text zu einer Ausstellung schreiben, von der es kein Bild, keinen Titel, ja nicht mal eine Idee gibt. Nur ein paar heraus gewürgte Wortbrocken vom Kurator. Ich mixe alles kräftig durch und schicke das Wortragout zurück. Für den heißen Künstler würde ich alles tun. Er ist äußerst flirtiv, schon seit Jahren treffe ich ihn zufällig immer mal wieder. Leider musste ich neulich erfahren, dass er ein heterosexueller Daddy ist. Ich konnte es kaum glauben. Der Kurator meldet sich per Telefon. Ich ghoste wieder. Ich werde schließlich nicht bezahlt, weder für den Text noch für zusätzliche Telefonate. Take it or leave it! Außerdem müsste ich ihm dann sagen, dass sein Geschreibsel leider Mist war.
Wir fahren zu Willis Eltern zum Kaffee trinken. Seine Mutter will partout nicht, dass wir was mitbringen, weder selbst Gebackenes, noch selbst Gekauftes. Es gibt dann – ta-ta: einen aufgetauten Bienenstich, der nicht ganz aufgetaut ist. Und Streit darüber, warum man den überhaupt essen muss, wo man Besseres hätte haben können.
Ich erzähle von meinen einen Nachbarn, die ständig streiten und von den anderen, die zur keifenden Frau, Ex-Frau oder Freundin des Nachbarn über den Hinterhof zurück brüllen: «Halt’s Maul!». Ich erzähle weiter: «Dann kommt natürlich ein Schimpfwort hinterher.» Willis Vater ergänzt mit lachendem Gesicht: «…du F****!» Ich habe keine Lust, weiter darauf rumzureiten, indem ich sage, dass es das genau nicht ist, aber was Ähnliches. Vorher hatte er schon Zotiges über seine Tochter und seinen Schwiegersohn gesagt; es scheint ihm Spaß zu machen. Nach zwei Schlaganfällen am Stammhirn bleibt wohl nicht mehr so viel, was überhaupt Spaß macht. Willi und mich fragte er, wer bei uns wem das Eis ableckt. Ob das sexuell gemeint war, à la France Gall? Falls ja, waren wir jedenfalls so naiv wie sie und sind nicht darauf eingegangen, obwohl Sonntagfrüh im Radio was dazu kam.
Wir gehen seit Anfang Mai wieder zum Sport. Montags Pilates und dienstags Functional Training. Hinterher essen wir meistens Falafel. Beim Essen erzählt mir Willi, dass dem Künstler mein Text gut gefallen und er sich darin wiedergefunden hat. Ich war nicht überrascht. (pp)

 

23. Juni 2022

(Berlin)

Die Kita-Gruppe am Trinkwasserspender: Ein Schauspiel menschlicher Natur - Die Schüchterne, die alle vorlässt und nur einen Schluck erhascht hat, als die Erzieher sie endlich rufen. - Der Macker, der den Kopf des anderen wegschiebt, um schneller an den Strahl zu kommen. - Der Clown, der endlos trinkt oder zu trinken vorgibt, damit kein anderer eine Chance hat. - Die Hektische, bei der das Wasser auf dem Shirt und nicht im Mund landet. - Die Freundinnen, die einander die Haare hochhalten. Ach, ich könnte stundenlang zuschauen. (dl)

22. Juni 2022

Der Tauschschrank vor textem: Ein Ort des regen Tausches und regen Austausches. Ab und zu drängeln sich die Interessierten geradezu vor den abgelegten Kleidern, Büchern, CDs, Platten und nicht selten sogar großen Möbelstücken. Fast jede*r Passant*in dreht zumindest den Kopf nach dem Schrank, von dem alle hoffen, dass dort irgendwann ein Schatz liegt, obwohl für diese Hoffnung wirklich kein Anlass besteht. Trotzdem bedienen sich viele an den Sachen. Vieles ist ja durchaus noch gut. Bestandsaufnahme 16:04 Uhr: Eine Weihnachtsmannmütze für Kinder, drei Jacken, davon eine für Dreijährige mit einer Schwäche für trompetespielende Katzen-Kaninchen ohne Ohren, eine Schrankschublade, drei CDs eines gewissen Finn Ritter, ein Rucksack, zwei Reiseführer für Kuba und die Dominikanische Republik, ein abgetragenes Paar schwarze Seniorenschuhe und ein Buch mit dem Titel „plötzlich blond 3 – Superbeauty in Gefahr“. Mal sehen, was passiert, wenn die Generation, die das vorgelesen gekriegt hat, erwachsen wird und unsere Welt lenkt und steuert. Ich werfe einen Blick aus dem Fenster: Eine etwa fünfzigjährige Dame mit schulterlangem, brünettem und gewelltem Haar läuft zielstrebig auf den Tauschschrank zu. Die ist extra dafür aus dem Haus gegangen. Sie trägt knalligen Lippenstift und hat sich einen weißen Pullover über die Schultern gelegt. Zügig, aber nicht gehetzt wühlt sie sich einmal durch den Schrank, bevor sie mit langen Schritten die Straße hinuntergeht. Tauschende kommen und gehen. Die 20-Jährige mit den karminrot gefärbten Dreadlocks und den teuren Apple-Kopfhörern. Die Mittvierzigerin mit der unordentlichen Hochsteckfrisur und dem Holzfällerhemd und einer kleinen Tochter in Latzhosen. Die Kleinfamilie mit den zwei kleinen Mädchen. Die ältere Frau mit himmelblauem Kopftuch und Rucksack. Der bärtige Mann in kurzen, fleckigen Hosen. Die asiatisch aussehende Mutter, die mit ihrem Sohn über die Auswahl eines Kuscheltiers aus dem Schrank diskutiert. Und wieder die mittelalte Frau mit dem Pullover über den Schultern, die den kleinen Jungen und seine Mutter kritisch beäugt und versucht mit möglichst viel Abstand zu den beiden dennoch an die begehrte Ware zu kommen. Bestandsaufnahme 17:06 Uhr: Eine der Jacken ist weg, dafür sind eine neue Jacke, eine Hose und neun T-Shirts dazugekommen, drei Stofftiere, eine Handvoll fein säuberlich zusammengelegter rosafarbener Kindersocken, Meyers Taschenlexikon in 24 Bänden, die Kinderjacke mit den hässlichen Trompetenspielern und die schwarzen Seniorenschuhe. (nwz)

21. Juni 2022

(Fehmarn)

Der Kinderbagger im glasüberdachten Aufenthaltsbereich des Hotelkomplexes, drei riesige Türme, die Richtung Süden aufs Meer schauen, jedenfalls dieser Bagger, dessen Kabelverbindung durch ein vernachlässigtes Blumenbeet mit verlausten Rosensträuchern geführt ist, baggert in einem Geviert von 1,5 x 1 Meter weiß-graue Schraubverschlüsse, hunderte davon ... – sind es die Schraubverschlüsse der Putzmittelflaschen und -kanister, die in den drei Hoteltürmen täglich anfallen? (nor)

21. Juni 2022

Bitte nicht wieder einen Sommer wie letztes und vorletztes Jahr. In dem ich mich in Arbeit flüchte und die Abwesenheiten meiner Kolleginnen mit «Familienkindern», wie es die DB ausdrückt, ausgleiche. Damit ich im Winter noch mehr zu Hause sitze. Es reicht. Nein. Nein! NEIN!!! Ich bin trotzdem froh, dass ich die Fahrt zu meinen Eltern Anfang Juli in der 1. Klasse gebucht habe, wo die Zahlen wieder steigen. Letzte Woche fand ich das noch ein bisschen übertrieben, aber die Sommerwelle kommt. Kein Wunder, wenn man an Pfingsten alle mit 9-Euro-Tickets in die Regionalbahnen scheucht.

Ich wollte mit Ella unbedingt noch vor den Schulferien einen Tag an die Ostsee. Mal sehen, ob es klappt. Oder ob wir Wandern gehen. Oder zuhause bleiben, weil sie doch arbeiten muss. Wir fahren! Nicht an die Ostsee, sondern nur bis Waren an der Müritz, weil der Hund hustet. Auf der Hinfahrt sitzen wir auf den Boden und ich betrachte stachelige Teenagerbeine. Eine halbe Schulklasse hat sich um uns herum gruppiert, sie machen einen Ausflug an die Ostsee mit dem 9-Euro-Ticket. Sie haben Schnaps in der Eisteeflasche dabei und einer bekommt Nasenbluten. Waren ist ganz schön groß: Es dauert, bis man am See ist. Ich habe mich um nichts gekümmert, überlasse alles Ella und nehme es wie’s kommt. Ihr selbst passt leider nichts. Der Weg um den großen See ist zu gemacht, der Wald zu waldig. Mir gefällt’s so wie es ist, sie will zurück ins Städtchen. Ich sage: Ich warte nicht zwei Stunden auf den Zug, wenn wir den jetzt nicht erwischen. Sie sagt: Vielleicht ist es besser, wir trennen uns. Am Ende laufen wir am kleinen See entlang und finden ein Café zwischen Wohnhäusern, das direkt zur Wiese rausgeht. Im Zug zurück endlich die Themen, die icherwartet hatte: Beziehungen, Ängste, Zukunft. Wir steigen aus und beschließen, das nächste Mal den Zug um sieben zu nehmen und nicht erst den um neun.

Heute gehe ich mit Willi zu Björk in die Waldbühne. Ich habe sie noch nie live gesehen und war noch nie in der Waldbühne. Ich war diese Woche in der Bibliothek, um 90er Jahre Shibuya-kei-CDs zu holen und da habe ich auch ein paar von ihr mitgenommen, um mich vorzubereiten. Bei mir wurde Björk immer (wie auch von Willis Mutter) unter «Friedhofsmusik» abgeheftet und nach dem ersten Album so gut wie nicht mehr gehört. Eines der späteren passte gut zur Chemotherapie und dem Blick aus dem 20. Stockwerk der Charité. CDs auszuleihen und zu rippen ist eines meiner neusten Hobbys. Ich weise gerne darauf hin, dass der Spotify-Gründer eine Milliarde in deutsche Firmen für Kriegssoftware gesteckt hat. Mein Abo hatte ich allerdings schon davor gekündigt. Ich höre eh immer abschnittsweise dasselbe, Streaming macht deswegen nicht wirklich Sinn. Außerdem möchte ich auch offline Musik hören können. Was ich hören will, müssen sie in der Bibliothek oft aus dem Archiv holen. Manches kann man sich nur in den Lesesaal liefern lassen – absurd. Zu den Klängen von »Enjoy« von Björk habe ich heute die Spitze der Affenpalme als Ableger abgeschnitten. (pp)

10. Juni 2022

(Berlin)
Angst bekam ich das erste Mal wieder vor ungefähr einer Woche. Wie, wo, wann genau habe ich vergessen. Ich wusste nur, dass ich das dieses Gefühl irgendwie kannte und überlegte, von woher eigentlich, weil ich es schon fast vergessen hatte.
Diese Woche begegneten wir einer Freundin, die uns umarmte und sagte: «Lass’ uns mal treffen, solange es geht. Ich habe gehört, dass eine Welle der neuen Variante aus Frankfurt und München gerade nach Berlin rein schwappt.» Ich gruselte mich – nicht schon wieder!
Und heute eine Nachricht: «Kollege hier ist positiv. Was tun?» Same procedure?!
Obwohl Sommer ist, ich 4x geimpft bin und 1x genesen? Das hatte ich noch nicht erzählt.
Ende März fuhren wir nach Mailand zu einer Ausstellungseröffnung. Mit anschließendem Dinner für 100 Leute und einer Party in einer legendären Disco. Zwei Tage nachdem wir in der Schweiz angekommen waren, wurde ich tagsüber müde und meine Nase fing an zu triefen. Ich dachte mir nichts dabei, denn die Gästewohnung, in der wir untergebracht waren, war sehr kalt und ich reagiere empfindlich. Ich war vor der Abreise zur 4. Impfung und ich war immer mit den gleichen Leuten zusammen – ich fühlte mich sehr sicher. In Mailand hatten wir Action, natürlich war ich in der Schweiz müde.
Wir waren den ganzen Sonntag mit den Gastgebern im Auto unterwegs und abends bei ihnen zum Essen. Als wir danach in der Gästewohnung ankamen, sagte Willi zu mir: «So, mach mal einen Test.» Zum Glück hatte ich Schnelltests eingepackt. Der war sofort positiv. Danach folgte die Meldung an die Gastgeber. Die waren im Januar infiziert gewesen, also machte ich mir nicht so viele Sorgen, sie blieben negativ.
Die nächsten beiden Tage verbrachte ich mit Schnupfen auf einem rosa Sofa. Blick auf die Berge und vom Balkon aus hinab ins Tal. Ich häkelte Topflappen. Die Gastgeber in Mailand und der Schweiz wünschten sich welche und ich hatte in Mailand die Wolle dafür gekauft. Ich fühlte mich großartig! Weil ich es immerhin geschafft hatte, mir das Virus nicht in der Berliner U-Bahn einzufangen, sondern in der Disco. Und weil irgendwas damit endlich vorbei war. Zwei Tage später testete sich Willi positiv. Ob er es sich auch in der Disco oder erst bei mir geholt hat? Er wollte definitiv nicht, dass ich in der Wohnung eine Maske aufsetze. Er wäre sofort abgereist. Es gab ein schönes Geschrei deswegen in der Küche und ich liess es bleiben. Ich war nach sechs Tagen wieder negativ, bei ihm dauerte das ganze länger. Wir mussten deswegen eine Woche länger bleiben, mit vielen Turbulenzen, die ewig her erscheinen. Ich hatte einen Monat Covid, dann war’s vorbei. Zwischendurch war ich mir nicht sicher, ob der Discobesuch das ganze wirklich wert war.
Willi meinte ein paar Wochen später, dass ohne Corona der Urlaub für uns viel anstrengender und nervenaufreibender geworden wäre.
Eine Freundin meinte: «If you go to the club, you’ll sure be sick afterwards. But well, what can you do – you gotta live life.» (pp)

8. Juni 2022

(Hamburg)
Corona war ein Jungbrunnen; einerseits. Mit Pandemiebeginn wurden bei mir im Job – ich habe im Blog dazu geschrieben – neue Kommunikationswege beschritten, die vormals komplizierte Abläufe wegfegten, allein weil diese gar nicht mehr zu realisieren waren. Wir saßen daheim, jede und jeder vor einem Rechner, und waren doch im Büro. Microsoft Teams ließ uns in beliebig konfigurierten Konstellationen kommunizieren. Agiles Arbeiten, wie es ja aus betriebswirtschaftlichen Gründen schon seit Längerem beliebt ist, aus hierarchienostalgischen Gründen wiederum gar nicht und deshalb aufgespart für später: In jedem Fingermuskel, den ich beim Bedienen von Tastatur oder beim Zurechtrücken der Webcam anspannte, spürte ich, endlich in die Zukunft entlassen, wie sich zeitgemäßes Arbeiten anfühlt. Ich war dabei, Protagonist und Teil eines fluiden Schwarms. Die plötzliche Umstellung ließ uns schlafwandlerisch Arbeitsprozesse straffen, alles zog nach vorn. Zur Pausenzeit packten wir einander Chat-Einladungen in den Terminkalender, begutachteten bei einer Tasse Kaffee Sofagarnitur, Küchenvorhänge und Vintageregal der anderen. Modernes Arbeiten und Chillen. Nebenbei das Einüben des Finetunings beim wohlgetimten An- und Ausschalten der Webcam, dem Modulieren der ein- und ausgehenden Lautstärke. Als navigierten wir in einem Game einen Avatar durch den virtuellen Raum, wurde das Steuern der eigenen Präsenz im sozialen Raum erlernt. Auch im Freundeskreis war das im ersten Lockdown nicht so viel anders, wir arbeiteten uns durch Zoom und Skype über Whereby zu Jitsi und Co. Lustige Screenshots, virtuelle Abendessen, Verkleidungspartys. Die Pandemie korrigierte massenhaft Geburtsurkunden und schien Boomer zu Digital Natives zu deklarieren. Die Erfahrung, an internationalen Zoomkonferenzen oder Filmscreenings teilzunehmen, die grenzenlose Vernetzung – all das schuf ein neues Gefühl von ewig währender Jetztzeit.

 

Andererseits. Ich bin mir inzwischen immer sicherer, dass es auf einem virtuellen Speicher ein Bild von mir und wohl allen anderen gibt, und in diesem Bild gibt es Pixelstörungen, Ausfälle, Blurs und Glitches, immer mehr davon – das jpg des Dorian Grey. Entgegen der beschriebenen Verjüngung passiert nämlich zugleich das exakte Gegenteil. Vermutlich, weil zwei Realitäten aufeinandertreffen, die avatarmäßige und eine andere, sodass es momentan noch gar nicht auszumachen ist, was wirklich ist und was so scheint. Denn die Perspektiven in den vergangenen beiden Jahren haben sich verschoben und somit die Referenzpunkte. Außerdem: Manches funktioniert nicht mehr; defekt. Wie bei einem Fertighaus, das voll verschalt und inklusive allem geliefert wurde, und plötzlich flackern hier die Lampen, dort ist eine Leitung verstopft, ein paar Balken quietschen, als wären sie morsch. Man kommt aber nicht ran. Whatsapp-Verbindungen werden morsch. Plötzlich fällt auf, dass jemand nicht geantwortet hat, wochenlang: Oh, da ist gar kein blauer Haken. Ist die Person weitergezogen? Zu Telegram? Threema? Hatten wir das ausgemacht? Wo haben wir das ausgemacht? Die zuvor so fluiden Kanäle scheinen hinter Mauern verschwunden zu sein, vergraben, zumindest nicht mehr so selbstverständlich verfügbar.

Es fühlt sich alles nicht mehr so virtuos an. Anderen scheint es vielleicht auch so zu gehen, ich werde aus Versehen Teil einer Kommunikation – hätte ich die Gruppe verlassen sollen, worum ging es hier gleich? Morsch und brüchig gewordenen Leitungen. Als wäre in der Zwischenzeit, in der ich mich an den so essenziell geworden zu scheinenden Partizipationsformaten erfreute, anderswo, nachts, ein ganz neuer Kontinent aus dem Meer aufgestiegen. Alle wissen von ihm, waren dort schon im Urlaub, nur ich nicht. (smo) 

3. Juni 2022

Berlin (wt)

3. Juni 2022

(Hamburg)
e. trägt neben mir auf dem sofa sitzend eine maske. sie dient aber mehr zur heimlichen verproviantierung mit haribo, als zur eindämmung etwaiger ansteckungsgefahr, da sich hinter der maske rund 6 gummistücke verbergen lassen. bei genauerem hinsehen hat die maske allerdings doch verdächtige beulen und man hört das schmatzen. (nor)

24. Mai 2022

(Berlin) Unter einem Fenster des Gästeraums des ehemaligen Studentencafés "Kleine Mensa" liegen Teile des Mobiliars und die Buchbestände der Kaffeehaus-Bibliothek verstreut; das Café wird gegenwärtig zu einer Sushi-Bar umgebaut. (wt)

24. Mai 2022

Ein bisschen ist das Demenz-Pflegeheim der Schwester eine Hitparade der 50er und 60er. Die Leute singen wahnsinnig viel vor sich hin. Der alte Herr, der die Worte für Brot und Wasser nicht mehr kennt, singt den ganzen Morgen über fehlerfrei „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“ und „Kleine Annabell, darfst nicht traurig sein“. Der Neurologe hat mir erklärt, dass Sprache und Musik in verschiedenen Arealen des Gehirns abgespeichert würden. Den Bereich für die Musik krallt die Demenz sich zuletzt. Deshalb würden die Menschen, die längst nicht mehr sprechen können, oft bis zum Ende über die Lieder der Kindheit und Jugend verfügen. (dl)

 

16. Mai 2022

heute radelte ich hinter einer frau her die ein shirt mit der aufschrift "yale" trug. ich glaubte für einige lange minuten, das wort im selbstgespräch auf der zunge jalend, es sei  wohl das neue "yolo", nur das akronym sei mir nicht geläufig. (nor)

10. Mai 2022

Berlin-Mitte (Wedding), Fenster des Biologiesaals der Erika-Mann-Grundschule (wt)

9. Mai 2022
4. Mai 2022

Seltsam, wenn eine Deadline es mit sich bringt, ausgerechnet in dieser Zeit wieder Bataille zu lesen, um Jahnns sadianische Phantasien zu erläutern. Und es plötzlich glasklar ist, wie recht Bataille damit hat, dass (homogene) Gewalt nichts gemein hat mit (heterogener) Gewalt. Die homogene Gewalt, so Nancy, "entstellt, was sie vergewaltigt, sie entreißt dem Ding seine Form und macht daraus nichts als ein Zeichen ihrer eigenen Wut. Die Gewalt ist zutiefst dumm." Die heterogene, erotische Gewalt Batailles hat mit ihr und dieser Dummheit nichts zu tun. Deshalb konnte Jahnn zugleich Pazifist sein und Szenen heftigster violenter Erotik erfinden. "- Ich möchte hinauslaufen und mich an irgend etwas wegwerfen. - An den Tod, wenn nur eine kleine Lust dabei wäre." Keine Wut, nur das Begehren, sich genussvoll zu verschwenden. (dl)

22. April 2022
- Haste Lust, mit mir am Wochenende The Northman anzusehen?
- Ähh, ist Skarsgård nackt zu sehen?
- Was ist das denn für eine Frage?
- Eine, die weit weniger überraschend ist als die Frage, ob ich einen Film über Wikinger-Massaker ansehen möchte.
- Also nicht.
- Eher nicht. Allerdings, wie gesagt, sollte Skarsgård dort...
- Ja ja, ich melde mich.
(dl)

 

17. April 2022
14. April 2022

Überall wo es weit und schön wird, liegt ein Kaiser begraben, wurde eine schreckliche Schlacht geschlagen oder lagern Wandergruppen. Am Nachmittag dann am schattigen Hang, wo in aller Ruhe ein Schrein verwittert und verfällt. Ich klatsche zum Gebet in die Hände und eine Katze huscht die Felsen hinauf. Der kleine Berg ist benannt nach dem ehrenvollen Gras, das hier einst für das Pferd des Shoguns wuchs. (ast)

 

6. April 2022

ein bekannter mit massiver pollenallergie kaufte sich vor zwei jahren einen luftfilter (wegen der pollen nicht wegen corona), seither ist er geheilt - keinerlei allergische reaktionen. letzte woche wollte er den filter im gerät wechseln und musste feststellen dass der filter seit zwei jahren original verschweißt, also unbenutzt, im jede nacht freundlich brummenden gerät liegt.
(nor)

30. März 2022

unten rechts ist noch raum für sehr geehrte kunden ... (fdb)

29. März 2022
Übrigens ist der Botanische Garten eine wunderbare Inspiration für Beschimpfungen, ihr Sichelmöhren! (dl)

 

29. März 2022

wann? (fdb)

28. März 2022

(Berlin)
Ostender Straße Ecke Müllerstrasze: Auf dem Schaufenster eines leerstehenden Geschäfts ist der religiöse Weckruf "my russkie s nami Bog" ("Gott ist mit uns Russen") mit der Kampfparole "slawa ukraïni" ("Ruhm der Ukraine") in gelber und blauer Lackfarbe übersprayt worden. (wt)

23. März 2022

... ich habe es erst kürzlich begriffen, als bürokollege s. es auf den punkt brachte: diese millennials finden uns cool, sie lieben und bewundern uns, egal wie alt und peinlich wir sind. einfach weil wir die generation x sind, die anscheinend irgendetwas an sich hat, was den nachfolgenden schmerzlich abgeht (und den vorigen auch, "boomer" mag eh keiner). was das genau ist weiß ich auch nicht, aber es ist real und reicht völlig aus als qualität, es bedarf keinerlei anstrengung, keines abschnappens. (ow)

23. März 2022

(Hamburg)
menschen von etwa 30 jahren sind mir immer die wichtigsten entscheidungshelfer für wirklich erstaunlich viele verschiedene bereiche, vor allem aber natürlich publizistische unternehmungen betreffend. das liegt an der alterstypischen arroganz, welche 30 jährige zu absolut griffigen und sehr schnellen urteilen kommen lässt, außerdem sind die beruflichen wege solcher menschen noch nicht ausgetreten, so dass sie mit wirklichem interesse auf fragen reagieren. eine solche vorliebe für eine bestimmte altersgruppe wird natürlich jahr für jahr problematischer, da man aus dieser gruppe herauswächst und seit geraumer zeit nur noch in der rolle einer schrillen else kontakt dahin aufnehmen kann. meine antizipatorischen fähigkeiten erreichten schon vor der pandemie die dort verhandelten themen regelmäßig nicht mehr. noch nicht mal lifestyle shaming kam in frage, weil mir überhaupt nicht geläufig war und ist, was gerade seit wann an- oder besser abgesagt ist.
wenn dann kontaktbeschränkungen die informationsbeschaffung nahezu vollständig unterbrechen, muss ich nach 2 jahren feststellen, dass es vorbei ist und ich ernsthaft überlegen sollte worin meine qualitäten ab jetzt liegen könnten. das tollkühne abschnappen und neuabmischen von informationen verschiedenster alterskohorten, mit betonung der 30 jährigen, funktioniert nicht mehr. (nor)

22. März 2022

Berlin-Mitte (Wedding) (wt)

22. März 2022

Man könnte die Fähre über den Fluss nehmen. Am anderen Ufer die gleiche Elbauenlandschaft mit ein paar Reetdächern und Störchen, aber es gäbe eine neue Perspektive, mit dem Fluss im Gegenlicht. Außerdem war dort die DDR, ein alter Wachturm ist zu sehen. G. ist sehr dafür, möchte aber nicht alleine fahren. Ihn interessiert vorallem die Fähre selbst, die seit Jahrzehnten von einer Kapitänin gesteuert wird. Das wäre doch mal ein Erlebnis, für nur einen Euro pro Person, zumal schon das Stintessen ausfällt. Die Kinder reagieren verhalten, sie sind mit den Möglichkeiten des Herumstreunens hier ganz zufrieden und bald nicht mehr zu sehen. Wir anderen sind unschlüssig. Es ist nicht mehr so kalt, lange sitzen wir vor dem Imbiss in der Sonne und schauen über den Fluss nach drüben. (ow)

21. März 2022

Berlin
«In Berlin fallen ab 1. April fast alle coronabedingten Einschränkungen weg.» Früher hätte mir das panische Angst gemacht, jetzt ist es nur eine von vielen Bekanntmachungen, die einfach völlig verrückt und durchgedreht sind. So wie die in Stellung gebrachten Atomwaffen, dass die grüne Regierung Benzin subventionieren will oder von Lockdown geschrieben wurde und wird, wo es nur Einschränkungen gab.
Gut, dass ich Ende März nach Italien fahre und erst wieder Mitte März in Berlin bin. Hoffentlich! Anita, die seit zwei Jahren nirgends mehr war, außer während niedriger Inzidenzen bei ihrer Familie in Franken, auch wohl bei keinen Veranstaltungen, außer einmal mit uns im Theater im Herbst, hat es jetzt abbekommen. Sie schreibt «Ct-Wert 20». Ich habe davon noch nie gehört und muss das googeln. Einen PCR-Test habe ich bisher nicht machen lassen müssen. Allerdings sind gerade in Franken – wo ich über Ostern auf der Rückreise hin will – die Inzidenzen über die 3000er Marke geklettert. Ich traue mich gerade gar nicht bei meiner Mutter anzurufen. Wenn es schlechte Nachrichten gibt, werden sie sich melden.
Ich las von einer Kollegin auf Twitter, die so alt ist wie ich und sich die zweite Booster-Impfung geholt hat. Überlege, das auch zu tun, habe aber keine Lust auf Gerenne, Nebenwirkungen und überhaupt schon wieder Impfung, denn nach einer Impfung ging ja bei mir der Krebs los. Auch wenn beides nicht zusammen hing, stressen mich Impfungen seitdem. Nächste Woche habe ich wieder einen Check.
Mittwoch kam Willi von seiner Reise zurück. Ich hatte für ihn eine Buttercremetorte gebacken, von deren Zutaten sich eine Flüchtlingsfamilie tagelang ernähren könnte. Drei Päckchen Butter, dazu Zucker im Teig, Sirup dazwischen, Mascarpone, Schmand und zwei Päckchen Puderzucker im Guss – eigentlich sogar drei! Während der Teig im Ofen ist, schreibt eine Geflüchtete, dass sie auf einem Foto ihre Mutter erkannt hat, die sie auf der Flucht verloren hat, und fragt, wo das aufgenommen wurde. Mir kommen zwar die Tränen, aber die Torte muss trotzdem fertig werden, der Geburtstag ist nun mal jetzt.
Ich fahre abends zu Willi, hole Dumplings auf dem Weg, die kalt sind bis ich bei ihm bin, und wir essen vor dem Geburtstagsstrauß. Von der Torte, die ich mit Mini-Marshmallows garniert habe, wird ihm nach weniger als einem Stück schlecht, ich schaffe mehr davon. Wir schauen auf Netflix einen italienischen Film über eine schwule «Patchwork»-Familie. Alleine zuhause schaue ich gerade die Serie ZERV mit Fabian Hinrichs, über Wirtschaftsverbrechen während der Wiedervereinigung. Wie niedlich!
Sobald von Atomwaffen die Rede ist, bekomme ich Schnappatmung und wenn ich abends darüber lese schlafe ich schlecht. Ob ich mir FFP3-Masken bestelle, die atomare Partikel abhalten? Die Masken wären sicherlich auch gut für den Flug und vielleicht ab sofort wichtiger, wenn jeder noch mehr als jetzt schon auf sich allein gestellt ist. (pp)

14. März 2022

Berliner Hochschule fuer Technik (BHT). #bhtimpft. Wegen der
Semesterferien ist die Impfaktion voruebergehend eingestellt. (wt)

14. März 2022

Im Gemeinschaftsraum des Pflegeheims laufen die Nachrichten mit den Bildern des Kriegs. Meine demente Schwester, die kaum noch ein Wort spricht, starrt auf den Bildschirm, weint plötzlich leise und sagt: - Kaputt.
(dl)

 

13. März 2022

(Berlin)
Ich habe heute Willi verabschiedet. Er fährt dienstlich in den fränkisch geprägten Nordosten Baden-Württembergs. Ob ich bis zu seiner Rückkehr den gewünschten Mohair-Pullunder fertig bekomme? Gestern waren wir Pizza essen an der Kirche. Bei der Impfpasskontrolle war die App noch auf «Status» gestellt statt auf «Zertifikate» und zeigte eine rote Meldung vom Frauentag an. Das war mir etwas peinlich. Trotzdem bekamen wir eine Pizza geschenkt, weil auf der Tagespizza undeklarierterweise Schinken war, was jedoch ich der Kellnerin nur nebenbei sagte, denn wir aßen sie natürlich trotzdem auch mit Fleisch. Dem Geburtstagskind – es war 30 geworden – schenkte ich die neue Ausgabe des BUTT-Magazins, das jahrelang nicht mehr als Printausgabe erschienen war. Aber genau gestern wurde im Hipsterzeitschriftenladen die neue Ausgabe angeliefert: Die 30. Bingo! Wir kamen auf signierte Bücher zu sprechen und ich erzählte meine Miranda July-Geschichte: Bei der Lesung zu «The First Bad Man» – übrigens das erste und letzte Buch, das ich besprochen hatte, ohne es zu lesen, was noch viel anstrengender ist als ein Buch zu lesen – kam ich mit meiner gebundenen Ausgabe von «Zehn Wahrheiten» an. Der Originaltitel ist «No One Belongs Here More Than You» und in jeder anderen Sprache wurde es so übersetzt, nur nicht im Deutschen und Französischen, da heißt es irgendwas mit «Liebe». Als es nach der Lesung zur Signierstunde überging, wurden wir Fans aufgefordert, unseren Namen zur schnelleren Abwicklung auf ein Post-It zu schreiben, damit Miranda July ihn nur abschreiben musste. Ich hatte keine Lust, einfach so vor ihr zu stehen und sie anzuschmachten, deshalb schrieb ich meinen Namen einmal, strich ihn durch, darunter das zweite mal, strich ihn wieder durch, und ein drittes Mal auf den hellgelben Zettel. Als ich endlich an der Reihe war und vor ihr stand blickte sie mit ihren Rehaugen zu mir hoch und sagte: «Well, that was tough!» Die Pizzeria war klein und zugig, wir gingen nach fünf Pizzen heim und schauten ein «heiteres Roadmovie» auf arte: «Verliebt in scharfe Kurven» mit Jean-Louis Trintignant. Spoiler: Am Ende stürzt er als Beifahrer im Auto die Klippen hinunter. Ich dachte, dass er doch noch rausgekraxelt kommt, aber nein. Ich schenkte Willi ebenfalls ein BUTT-Magazine, damit er beschäftigt ist, wenn er auf Reisen geht. Er freute sich sehr. Ursprünglich wollte ich noch ein kleines Sex-Toy dazu schenken, aber das erschien mir später zu übergriffig und ich ließ es sein. Ich klicke mich durch Bandcamp und stoße auf «Maze of sounds» von Janko Nilovic & The Soul Surfers – das Cover zieht mich magisch an. Auf der Suche nach den richtigen Buchtiteln von Miranda July stoße ich auf «The Body Keeps the Score: Brain, Mind, and Body in the Healing of Trauma» und lese kurz in die Vorschau rein. Gleich darauf sehe ich bei der Arbeit eine Großaufnahme eines Gehängten in Saudi-Arabien. (pp)

8. März 2022

(Berlin)
Ich treffe Ella und wir machen unseren Standardspaziergang zur Abwechslung mal in die Gegenrichtung. Ihre genesene Impfverweigerin ist Putin-Freundin und AfD-affin. Ihr Freund Harry ist doch nicht nach Italien ausgewandert. Sie hat sich FFP3-Masken und einen Ganzkörperanzug gegen radioaktiv verseuchte Partikel, die bei einem atomaren Schlag frei werden, bestellt. Ich überlege, das ebenfalls zu tun.
Während der Arbeit rippe ich nebenbei CDs. Gerade von Pavement, Stephen Malkmus und The Jicks. Meine neueste Kampagne: «Stop streaming music – das fickt die Waffenindustrie und spart Strom.» Ich habe selber neulich erst erfahren, das der Spotify-Gründer 100 Millionen in ein deutsches Start-Up für Militärausrüstung gesteckt hat. Seitdem versuche ich Leute darüber aufzuklären und sie zum Kündigen zu bewegen.
Eine Freundin von Willi, die sich beim Abbau als «Pazifistin» darstellte, antwortet: «Uhhh … das fällt mir sehr schwer!!» «Also wenn dir das schon schwer fällt ... ?¬タヘ♂️» «Na, die 2€ fürn Liter Sprit ertrage ich besser» «Teurer wird Streaming ja eh, weil der Strom teurer wird. Auf ein bisschen was muss man schon verzichten können, wenn man Frieden will ...» «Ja voll! Ich denke drüber nach! Es klingt vernünftig!» Mir ist außerdem einfach der Streaming-Sound zu schlecht. Jetzt umso mehr, da ich mir eine reduzierte Bluetooth-Box einer Berliner High-End-Firma bestellt habe. Solange man überhaupt noch was bekommt für Geld. Was könnte ich mir anschaffen?
Gestern Abbau von Willis Ausstellung im Umland. In Berlin: Feiertag – Internationaler Frauentag –, dort: nicht. Die S-Bahn voller Rentner und Studenten, die zum Shopping fuhren. Streit mit Willi, woher ich das wisse? Meine Antwort: Das sind keine Arbeitnehmer:innen und die letzten Sonntage waren die Bahnen dorthin ziemlich leer. Der Park, in dem der Ausstellungspavillon ist, war außerdem nicht voller als sonst. Wie’s im Schloßpark aussah konnte ich nicht sagen, dafür hatten wir ja natürlich keine Zeit.
Hinterher waren wir chinesisch Essen. Ich habe zwei chinesische Biere getrunken. Und eine Selbstgedrehte geraucht. Sie wirkte nicht mehr ganz so stark. Ich muss mit diesen Dummheiten dringend wieder aufhören.
Bei meinen Eltern sinkt die Inzidenz überhaupt nicht und ich frage mich, woran das liegt. Dabei arbeiten dort ja die Gesundheitsämter besser als in Berlin, wo teilweise nur zwei oder drei überhaupt Zahlen melden. So kriegt man die Inzidenz natürlich auch runter. Ich glaube den Berliner Zahlen aber schon lange nicht mehr.
Meine Arbeitgeberin hat heute für alle Kolleginnen, die ins Büro kommen, einen Strauß vorbereitet. Mehr Papier als Blumen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bereite mich auf mein nächstes Leben als Reddit-Troll vor. (pp)

7. März 2022

BESUCH BEIM ÄLTEREN STAATSMANN

BESUCH BEIM ÄLTEREN STAATSMANN Seine Gesundheit
Ist angegriffen der Wodka nur für die Gäste
Beim Tee seine Hände Der zögernde Griff
Nach dem Teeglas Es könnte voll Blut sein Er kennt
Die Verbrechen des Jahrhunderts Hin und her
Zwischen den geheimen Mächten 30 000
Haben die Briten in Griechenland ...
Die Amerikaner wollten de Gaulle ...
Churchill bezog ein Salair von ... Der Folterer Barbie
War der Erfinder der Barbiepuppe Die Helden des 20. Juli
Sind Märtyrer geworden weil der ...
Seine Hand aus der Operation zog Und sein Geld
Als Stauffenberg Linkshänder wurde Die Balten
Haben den Deutschen viel Arbeit erspart mit den ...
Ich habe Angst vor meinem eignen Schatten
Sagte Stalin zu Shukow 1946
Als Hitler der Treibstoff ausging begann der Golfkrieg
Und welches Volk in Europa wäre nicht glücklich
Heute mit fröhlicher Mehrheit unter dem Hakenkreuz
Der letzten Utopie des Kapitals
Wie das deutsche Volk glücklich war erstmalig
In seiner grauen Geschichte voll geografischen Unheils
In der Freiheit von Juden Zigeunern Perversen
Kommunisten Asylantenpack
Die Wälder intakt und die Wiesen Bis die Rechnung kam
Was wußte Hegel der Stümper von Politik
Aus der Geschichte lernen heißt das Nichts lernen
Politik ist DAS MACHBARE Ein Männertraum
Aus dem kein Kind schreit In allen Sprachen
Heißt die Zukunft Tod Die Hände des älteren Staatsmanns
Manchmal sieht er sie an und bewegt sie im Schweigen
Wie beim Gespräch Sein Monolog ist stumm
Mit dem Blick auf seine Hand zögernd am Teeglas
Das Vergessen macht den erfolgreichen Staatsmann
Ihre Gefühle Hatten Sie Gefühle Welche wenn ja
Bei der Vertreibung aus Ihrem letzten Büro
Gefühle Nichts fühlte ich nichts nichts nichts nur die bittere Leere
Beim Zuhören hinter Gerüchten Mythen Legenden
Tauchen die Nachrichten auf wird mein Blick
Auf seine Hände zum Spiegelblick Seine Trauer gerinnt
Zu meinem kälteren Text Was geht mich die Welt an Ich
Esse ihre Bilder Die Wahrheit WAHRHEIT
Ist kein Gegenstand Die Farben der Lüge sind
Mein Bier Ich verlasse den älteren Staatsmann
Seine Gestalt in der Tür gebeugt von HERRSCHAFTSWISSEN
Seinen doppelten Händedruck Mit dem erhabnen Gefühl
Daß die Welt an uns vorbeigeht und es macht nichts


(Heiner Müller 21.12.1992)

7. März 2022

atom corporation

7. März 2022

Vor genau fünf Jahren war ich das erste mal in der Faust-Inszenierung von Castorf. Ich bin erschüttert, dass es schon so lange her ist. FÜNF JAHRE!!! Wo ist die Zeit hin?! Danach war ich noch einmal regulär in der Volksbühne bei Faust und einmal beim Theatertreffen. Oder zweimal? Es verschwimmt alles. Jedenfalls war ich auch nach der letzten Aufführung in der Bar «Kleine Philharmonie» gegenüber vom Haus der Berliner Festspiele, wo die Schauspieler feierten. Und im selben Sommer mit Anita bei den Salzburger Festspielen zur «inoffiziellen letzten Inszenierung der alten Volksbühne» mit «allen» Schauspielern zusammen. Huihuihui. Diese Saison habe ich mich um die Inszenierung von Castorf am Berliner Ensemble herum laviert, weil ich ahne, dass es voller Maskenverweigerer sein würde, so wie er herumgepoltert hat. Die Zeiten ändern sich.

Gestern war ich bei einer Gruppenausstellung, wo ich zwei Leute getroffen habe, die vor über zehn Jahren mit mir in China waren. Sie wohnt jetzt in einem Haus Richtung Hamburg an der Elbe und er bei Spandau. Tagsüber hatte sie Bäume beschnitten. Er erzählte mir, wie er bei 4 Grad Plein-Air-Aquarelle erstellte und welche Schwierigkeiten es dabei gibt.

Der Star der Ausstellung ist ein gutaussehender, erfolgreicher Künstler, der Schauspieler fotografiert hatte, die beim Schlafen bemalt und bearbeitet worden waren. Er war anwesend und mehrere Künstlerinnen mittleren Alters, die er kurz während des Ausstellungsaufbaus kennen gelernt hatte, kamen auf ihn zu, zogen ihre Masken herunter und fragten ihn: «Na, kennst du mich noch?!» Was Verzweiflung nicht alles aus Menschen herausholt. 7000 Euro inklusive Rahmen kostet eines seiner Fotografien und bei einem Tatortkommisar könnte ich schwach werden, aber ich verkneife es mir.

Gestern wären wir zu einem 30. Geburtstag in einer Bar eingeladen gewesen. Es war der Abend, an dem die Clubs in Berlin wieder öffneten. Wir hatten entschieden, dort nicht hinzugehen, weil das Risiko einer Infektion einfach zu hoch ist und Willi gerade keine Zeit hat, sich ins Bett zu legen. Ich habe mit dem Geburtstagskind eh kaum was zu tun und war zusätzlich froh, dass ich kein Geschenk besorgen musste. Die Zeche hätte es vermutlich eh nicht bezahlt. Heute morgen war Willi natürlich doch genervt, dass er wohl als einziger seiner Freunde nicht dort war und stattdessen bei der «langweiligen» Ausstellungseröffnung. Mir reichte die schon, ich hatte dort zwei kleine Gläser Wein getrunken und zwei Selbstgedrehte geraucht. Die erste davon wehte mich richtig weg und ich musste mich auf die Fensterbank setzen. Dafür konnte ich richtig gut schlafen.

Abends fragte Ella per SMS: «Kennst auch schon welche, die Berlin verlassen?» Ich: «Wohin denn? Es kommen doch jetzt alle erst» «Nee, Berliner» «Harry geht nach Italien, auf unbestimmte Zeit, eine Freundin geht nach Australien, flieht mit ihrer Tochter» Am liebsten hätte ich geantwortet, dass ich Ende März nach Italien fliege, zu einer Ausstellungseröffnung und Party! Das traute ich mich jedoch nicht und so antwortete ich nur «Echt?» und die Konversation war zu Ende. (pp)

 

4. März 2022

(Berlin)
Wohin schlägt man sich, wenn man sich schon auf den Daumen gehauen hat? Ich wache viel zu früh auf, normalerweise stehe ich fünf Minuten bevor der Dienst beginnt erst auf. Kaffee kann ich während der Konferenz trinken. Ich mache meine neue Bluetooth-Boombox an, die ich spontan bestellt habe. Keine Lust mehr auf schlechten Sound zuhause und woanders hört man ja keine Musik mehr. Das integrierte Digitalradio dudelt mich mit Disco zu. Ich springe zu Bayern 2. Auf Knopfdruck Bayrischer Rundfunk – einfach genial! Es kommt eine Kultursendung, puh.

Konferenz. Es geht mal wieder um Ablenkungsstrategien. Eine sagt, dass sie das von ihr erfundene Damengedeck – Kräutertee und ein Glas Rotwein dazu – ja nicht schon am morgen trinken könne. Ich frage mich, warum eigentlich nicht? Leider kann ich zu dieser Diskussion nichts beitragen, denn meine Strategie ist nicht jugendfrei.

Erst nach der Konferenz schaue ich mal die Nachrichten an. AKW beschossen. Na bravo. Stell’ dir vor du hast den Krebs erstmal überlebt, zwei Jahre rumgeeiert, um die neueste Virusinfektion nicht zu bekommen und dann lässt ein Irrer ein AKW hochgehen.

Meine seit jeher absolute Impfverweigerinnen-Cousine hat sich neulich impfen lassen, damit sie auf die Seychellen fliegen kann, weil die Einrichtung ihrer neuen Doppelhaushälfte so anstrengend war. Ich schaue nach, wo die sind – ich bin ja auch geimpft! Ich schaue nach Schmuck und endlich, endlich, endlich will ich den Plastik-Pop-Schmuck aus London kaufen, er liegt schon im Warenkorb, als mir einfällt, dass ich ja neulich ein Drittel des Kaufpreises an den Postboten als Zoll abgedrückt habe, weil die Brexit-Schonfrist jetzt vorbei ist. Da ich zusätzlich noch richtige Kettchenen brauche und nicht den Billig-Mist, den die standardmäßig dran machen, wird es mir zu teuer und ich bestelle nicht.

Gestern habe ich während der Arbeit angefangen, die Serie mit dem ukrainischen Präsidenten zu schauen. Ich fand den schon immer ganz süß. Jetzt ist die Serie Hintergrundwissen – ich muss schließlich wissen, wie er ausschaut, wenn er im Unterhemd auf der Schüssel sitzt – und habe absolut kein schlechtes Gewissen. Da es sie nur mit Untertiteln gibt, muss man sich richtig davor setzen. Die Serie ist lustig, heißer Tipp!

Mein Dienstplan ändert sich ständig, und ich hab eine extra Schicht für nächsten Sonntag übernommen. Willi fährt eh dienstlich weg. Wir sind jetzt manchmal so überbesetzt, dass es gar nicht immer was zu tun gibt und ich dachte nur an den Zuschlag. Ob das so gut war? Die Freundin meiner Mutter schickt mir ein Meme. Papst zu Putin: «Glaube mir, in deinem Fall ist Selbstmord keine Sünde.» Ein paar Tage vorher war es ein Spruch von Henry Miller zum Krieg und Frieden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie weiß, was der sonst an Porno-Kram geschrieben hat. Willi kannte ihn gar nicht, würde aber «Im Wendekreis des Krebses» lesen, wenn ich es umsonst auf der Straße finde. Gestern habe ich für Ende April Karten bestellt für das neue Stück von René Pollesch mit Fabian Hinrichs in der Volksbühne. Titel: «Geht es dir gut?» (pp)

3. März 2022

Berlin
Tut dir das Knie weh? Hau dir mit dem Hammer auf den Daumen, dann tut dir das Knie nicht mehr weh. Scheint bei vielen zu funktionieren mit Krieg und Corona. Letzte Woche telefonierte ich mit meiner Mutter. Ihr Top-Thema: Der Krieg. Willi und ich können und sollen zu ihr aufs Land kommen, wenn es hier los geht. Beim Telefonat schrie sie irgendwann besorgt: «Heiliger Gott, na!» Und ich denke, jetzt sieht sie im Fernsehen eine Bombe einschlagen und frage sie los was ist und sie: „1:0 für Dortmund!“ So schnell wird man abgelenkt.
Für Ende März habe ich den ersten Flug seit Jahren gebucht. Ich dachte, die Preise würden explodieren, weil Italien alle Maßnahmen Ende März aufheben will und von der deutschen Risikogebietsliste gestrichen wurde, aber es geht noch. 1. Welle: Bitte nicht daran sterben! 2. Welle: Bitte nicht auf die Intensivstation! 3. Welle: Bitte nicht ins Krankenhaus! 4. Welle: Bitte kein Long-Covid! 5. Welle: Bitte nicht im Auslandsurlaub angesteckt werden! Der Bruder eines Freundes von Ella ist mit Frau und Kindern, Sack und Pack nach Italien gefahren, erstmal open end, weil er glaubt dass dort die Putin Bomben nicht einschlagen werden.
Heute wollte ich mit Ella früh spazieren gehen, aber sie ist in die Datsche gefahren, das macht sie sonst nie unter der Woche. Würde sie am liebsten fragen, wann der Bunker fertig ist und Willi und ich kommen dürfen? Lasse das aber lieber mal, das würde sie gerade bestimmt falsch verstehen. Ihre Teenie-Tochter sagt, dass das mit Merkel nicht passiert wäre und wünscht sich Merkel zurück. Letzten Sonntag hatte Willi Sonderöffnungszeiten seiner Ausstellung außerhalb der Stadt. Während scheinbar alle anderen gegen den Krieg demonstrieren gingen, saßen wir im Glaspavillon, schauten auf die Gärten ringsum und ließen uns von der Sonne bescheinen.
Er bekam sogar Geld für den Aufsichtsdienst, weil die eigentliche Aufsicht keine Zeit hatte, das wir im Anschluss komplett verfressen haben. Im Restaurant. Tatsächlich. Sogar ich brauche manchmal etwas Abwechslung. Außerdem schrie mich Willi neulich an: «Stell’ dich nicht so an, wenn überhaupt was passiert, legst du dich halt mal zwei Wochen ins Bett und dann ist das Ganze vorbei. Du bist ja schließlich fest angestellt!» So kann man es auch sehen.
Am Sonntag davor waren wir bei Thea zum Geburtstag. Schon ihre Einladungsmail war coronafrei – «Wenn es draußen stürmt, machen wir es uns drinnen gemütlich» – und ihre größte Sorge schien zu sein, dass wegen der kurzfristigen Einladung niemand kommen würde. Mir stellten sich die Zehennägel auf und ich meldete uns für zwei Stunden nach dem offiziellen Beginn an, um unsere Aufenthaltszeit zu reduzieren. Sechs Personen hatten zugesagt, «alle geboostert und ganz vorsichtig!». Das Ende vom Lied: Zwei Tage danach der erste Coronafall und einen weiteren Tag später vermeldete die Gastgeberin ihren Positivstatus. Diese Woche wurde ein weiterer Fall bei der Gastgeberin gemeldet, die ihre Erkrankung am liebsten ebenfalls auf den Kaffeeklatsch zurückführen wollte. (pp)

3. März 2022

toxische drucksachen, "Wehrmacht-Sprachführer Deutsch-Russisch" (um 1940)

28. Februar 2022

(rp)

28. Februar 2022

Bis in die späten 80er flog man über Alaska nach Japan, es war nicht möglich, über die Sowjetunion zu fliegen.
Nach ca. zehn Stunden Flug hatte man einen Zwischenstopp in Anchorage, um danach weitere zehn Stunden bis zum Ziel zu fliegen. Der Flughafen war hoch, rund und karg, draußen die weite vereiste Landschaft. Die Reisenden waren ausschließlich Japaner, das Flughafenpersonal Inuit. Es gab ein paar Duty-free-Shops und einen Nudelsuppenladen.
Die Durchsagen waren auf Englisch und Japanisch, beides mit starkem Akzent. Das Japanisch klang eigenartig, da es besonders langsam, gleichmäßig und überdeutlich ausgesprochen wurde, so dass sich der Zusammenhang der einzelnen Silben jederzeit aufzulösen drohte. Selbst innerhalb einer dreistelligen Flugnummer wurde nach jeder Ziffer reichlich Zeit gelassen, so dass diese Ziffern nur noch als einstellige, einzelne Zahlen ankamen. Benebelt vom Zahlenmantra, drehte ich meistens meine Runden auf dem Flughafen, sah immer wieder keine Kunden am Nudelsuppenladen. Irgendwo zwischen den Gates und Duty-free-Shops tut sich ein besonders leerer Bereich auf. Dort, auf einem Podest, ragt ein 5 Meter hoher Glasschaukasten, in dem ein großer, ausgestopfter Eisbär auf den Hinterbeinen steht. Ich sehe zu ihm hinauf. Der Blick des Bärs hängt in der Luft zwischen Glaskasten und Fensterfront. (take)

25. Februar 2022

mein resilientes sein verschafft mir, in der nacht nach dem angriff auf die ukraine, völlig neue, noch nie dagewesene erlebnisse: ich träume dass ich laut und haltlos albern lache, so lange bis ich davon aufwache, und wirklich sehr gut gelaunt bin. der traum selbst hat keinen witz, ist nicht besonders komisch eher genervt erheitert: ein kaffeehausbesitzer zeigt mir, dass seine nagelneue kaffeemaschine nicht funktioniert und hält zur demonstration der fehlfunktion einen becher unter den siebträger, der sprudelnd ein gemisch aus kaffeepulver und wasser abgibt - ich lache und lache. (nor)

24. Februar 2022

Berlin-Mitte (Wedding), Ostender Straße Ecke Müllerstraße. Auf dem Schaufenster eines leerstehenden Ladens steht seit längerem der religiöse Weckruf "my russkie s nami Bog" (zu deutsch: "Gott ist mit uns Russen") (wt)

 

24. Februar 2022

(fdb), Hamburg

24. Februar 2022

Letztes Jahr entdeckten jene unter meinen Bekannten, die plötzlich schwer zu schwurbeln begannen, zu meiner Überraschung ihre Sympathien für Trump. Ich war etwas weniger überrascht, dass eben diese Bekannten jetzt auch Putin irgendwie knorke finden und es schaffen, diese Identifikation an ihr Selbstverständnis als Linke oder Schwule anzustricken. Für sie bin ich Atlantiker, obwohl ich für die Nato wenig bis nix übrig habe. Ich bin nicht für die Nato, nicht einmal besonders für die Politik der Ukraine, sondern gegen Putins Regime wegen seiner brutalen Verachtung für das Selbstbestimmungsrecht von Gruppen und Individuen. Und wegen der mit ihr verknüpften Hingabe an Gott, Vaterland und die ewige Ordnung der botoxkonservierten Männlichkeit. Vertreter ewiger Ordnungen sind sowieso ständig beleidigt. (dl)

21. Februar 2022

Die römisch-katholische Kirche St. Erich im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort (gu)

21. Februar 2022

Belte und Sund :
Westliche Winde 7 bis 8, später Nordwest 5, anfangs
strichweise schwere Schauerböen, See 2 Meter.
Westliche Ostsee :
Südwest bis West 7 bis 8, abnehmend 5, anfangs
orkanartige Böen, strichweise Gewitter, See 2 Meter.
Südliche Ostsee :
Südwest um 8, später west- bis nordwestdrehend, etwas
abnehmend, anfangs Orkanböen, strichweise Gewitter, See
zunehmend 5 bis 6 Meter.

21. Februar 2022

Avendorf, Elbmarsch
ein storch steht in der wiese. ist er mit den drei sturmtiefs hier angekommen? (nor)

15. Februar 2022

Berlin

Fahrkartenkontrolle auf dem Bahnsteig Stadtmitte: Ein Kontrolleur erklärt vier schwarzen Männern (britische Touristen), die als einzige von ihm angehalten wurden, dass er selbstverständlich kein Rassist sei. Die britischen Touristen erklären ihm, dass auch in London die Kontrolleure, die sich immer schwarze Menschen herauspicken, selbstverständlich nie Rassisten sind. Es ist der reine Zufall, der die einen und die anderen immer wieder zueinander führt. (dl)

14. Februar 2022

Schweiz
Ich besitze gut 14 Kisten Bücher und träume seit Jahren davon sie alle versammelt in einem Bücherregal vor mir zu sehen, und jederzeit griffbereit zu haben, aber so viel Sesshaftigkeit hab ich mir bisher nicht gegönnt. Der Anblick einiger erinnert mich an langdauernde Vorfreude, sie irgendwann dann endlich mal zu lesen. Wegen Mieterhöhung mein Lager am ausmisten, und es ist praktisch wenn schlecht platzierte Keramiken, aufbewahrte Skulptur-Skizzen aus der Verpackung fallen und sich von allein erübrigen.

Ich träume davon, ein solches Lager nicht haben zu müssen, auch wenn mich manches was ich da finde entzückt, konfrontiert mit 45 Jahren am Leben sein. Es müsste Bibliotheken mit Dingen geben, Overalls, Werkzeug etc. Wie meine Mutter richtig einwandte, würde das dann nicht Bibliothek heissen. Aber internet of things. You will own nothing and be happy. Wofür ich ja sogar bin. Dafür könnte dann als allererstes die blödsinnige Überproduktion an Autos, Kleidung etc. aufhören und endlich wieder an der Herstellung langlebiger Produkte gearbeitet werden, die nicht 7 mal um die Welt geflogen werden, oder nur von vereinzelten Konzernen überhaupt verwaltet werden, und ich sage schon lange, wie viele andere, hört endlich auf zu produzieren, das Perfide ist, ich schaff es selber nicht. Es gibt einfach zu viel Stuff und wenn ich meine alten CDs seh, ärger ich mich jedesmal über dieses unsägliche Format, was sich nur so kurz gehalten hat. (nn)

14. Februar 2022

Suche Floristin zum nächstmöglichen Termin, gern auch älter ... (wt)

7. Februar 2022

Ich meine immer, ich habe einen IQ von exakt 164, vor allem beim Lesen und Schlechtfinden fremder Texte. Beim Selberschreiben sinkt er drastisch, hinein in die Ekelspähre solider Hochschullehrer-Intelligenz, die Oil-of-Olaz-Schönheit des Denkens gewissermaßen, um schließlich einzutauchen in den verzweifelt doofen Dämmer der Imbezillität, wo mich jede Füllfederspitze tagelang nur anschimpft: Du saudumme Sau, du armseliger Blödel, du eine Hirnzelle. Bis mir wieder einfällt, was ich immer wieder vergesse und was die Rettung ist: Nicht meine Intelligenz ist meine Stärke, sondern meine Schamlosigkeit und mein Mut. (Rainald Goetz über Jörg Schröder : ›Mammut‹)

7. Februar 2022

Berlin-Mitte (Wedding), Vorhang, gefütterte Jacke und zwei FFP2-Schutzmasken (wt)

7. Februar 2022

Corona-Taxonomie

Für alle, die zwischen den Stühlen sitzen

 

Zu welcher Gruppe gehöre ich? (Mehrfachnennungen möglich)

 

 

MENSCHEN IN DER PANDEMIE

 

1a Die Verängstigten, die aus Angst jeglichen Kontakt vermeiden – auch zu geliebten Menschen

1b … die sich sichtlich entspannt haben, als sie endlich geimpft waren

1c … die wieder Angst bekamen, als sich abzeichnete, dass manche Menschen sich nicht impfen lassen wollen

 

2a Die Besorgten, die sich in sämtliche Statistiken und Hochrechnungen eingearbeitet haben

2b die sich aufopferungsvoll in jede Debatte werfen, um den Ernst der Lage zu erklären

2c die, nachdem sie das Virus zur Genüge analysiert hatten, zu Sportreportern politischer Entscheidungen wurden

 

3a Die Engagierten, die sich für jede Maßnahme stark machen, da jede Maßnahme hilft

3b … die sich auf Vergleiche verlegt haben: Wie kann es sein, dass x noch auf hat, wenn y dicht ist

3c … die diverse Maßnahmen einführen wollen „um Lockerungen zu ermöglichen“

 

4a Die Optimisten (Optimierer), deren erklärtes Ziel es (immer noch) ist, das Virus vollständig zu bezwingen

4b … die alle Hoffnung auf Technik setzen: auf Impfstoffe, Luftfilteranlagen, High-Tech-Masken („Team Wissenschaft“)

4c … die denken, die Pandemie hat auch ihr Gutes: Home Office zum Beispiel

 

5a Die Idealisten, die jede Maßnahme begrüßen – nicht aus Angst um sich, sondern aus Prinzip, nämlich aus Solidarität

5b … die den Kontakt abbrechen zu Menschen, nicht aus Angst vor Ansteckung, sondern aus Entrüstung

5c … die gegen eine Impfpflicht sind, weil Menschen aus freien Stücken vernünftig sein sollten

 

6a Die Streitlustigen, die in diesen Diskussionen ihren Moment gekommen sehen und Menschen um sich scharen

6b … die sagen, es gibt keine Spaltung der Gesellschaft – das sei alles nur Debatte

6c … die sagen, eine Spaltung der Gesellschaft ist doch gar nicht schlecht: Jetzt zeigt jeder sein wahres Gesicht.

 

7a Die Harmoniebedürftigen, die nachts weinen, weil sie sich so alleine fühlen und die Spaltungen durch ihren engsten Kreis verlaufen

7b … weil sie voller Abscheu sind für die emotionalisierten Äußerungen von allen Seiten

7c … die in Erwägung ziehen, sich entgegen ihrer Art für eine Allgem. Impfpflicht auszusprechen, weil das vielleicht wieder etwas kitten könnte oder zumindest Klarheit schaffen

 

8a Die Verwirrten, die bei der Änderung der Regelungen nicht mehr hinterherkommen und sämtliche Fauxpas begehen

8b … die sich aus Taktgefühl und Höflichkeit an Maßnahmen halten, die ihnen nicht einleuchten

8c … die einfach überhaupt nicht mehr über dieses Thema sprechen möchten, schluss ende aus

 

9a Die Bedrängten, deren Sorgen um ihre Existenz immer schon größer waren als die um ihre Gesundheit & das Gesundheitssystem

9b … und die deshalb in der ganzen Sache gar nicht vorkommen, gar nicht tangiert sind

9c … oder im Gegenteil ihr Leben vollkommen neu aufstellen müssen und damit beschäftigt sind

 

10a Die Bedenkenträger, die darauf pochen, dass Maßnahmen verhältnismäßig zu sein haben

10b … die denken, dass überall, wo viel mit Zahlen jongliert wird, das große Ganze aus dem Blick gerät

10c … die befürchten, dass die eigentlichen Herausforderungen unserer Zeit ganz andere sind und gerade vollkommen auf der Strecke bleiben – und die Pandemie vielleicht sogar eine dankbare Ablenkung von unserem Versagen ist

 

11a Die Furchtlosen, die eine Angst vor Krankheit und Tod schlicht nicht nachvollziehen können und sich über die Gesellschaft wundern, in der sie leben

11b … die auch in einem temporären Zusammenbruch des Gesundheitssystems und der Müllabfuhr keinen Weltuntergang sehen

11c … die Pandemien und Massensterben für ein wiederkehrendes, unvermeidliches Moment in der Geschichte der Menschheit halten

 

12a Die Unbeeindruckten, die (immer noch) der Meinung sind, es gibt gar kein Virus und keine Pandemie

12b … oder das Virus als individuelles Schicksal begreifen: Wer sich schützen will, der soll das tun

12c … die sich aus Gründen, die nur sie selbst kennen, gar nicht äußern wollen

 

13a Die Beängstigenden, die mit jeder Maßnahme ihre Freiheit bedroht sehen und gewillt sind, sich zur Wehr zu setzen. Sie mögen selbst von Angst getrieben sein, doch dass sie selber Angst verbreiten, nehmen sie in Kauf

13b … die solidarische Netzwerke und Strukturen mit Gleichgesinnten aufbauen und Euphorie erleben, weil zwischen einem Millionär und seinem Angestellten auf einmal eine Allianz besteht

13c … die über Themen wie die Impfung auch zu geliebten Menschen entrüstet den Kontakt abbrechen

 

 

Anmerkung: Aufgrund der Parallelen könnte man denken, die Hauptfront verlaufe zwischen den Verängstigten und den Beängstigenden. Tatsächlich besteht zwischen ihnen wohl auch das Verhältnis der Feindschaft nach Schmitt: Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Sie sind sich viel ähnlicher als sie denken. Aber es ist ein Kurzschluss zu denken, Feindschaft sei immer deckungsgleich mit Frontverlauf.

 

Die Gräben verlaufen auch zwischen a) dem „technology solutionism“ der Optimisten (im Schulterschluss mit Idealisten, Engagierten), dem ein Glaube an Fortschritt und Machbarkeit zugrunde liegt, und b) dem Skeptizismus der Bedenkenträger, Furchtlosen und Unbeeindruckten, die Technologie, zumal wenn auf nur eine einzige gesetzt wird, für überschätzt halten: Sie löst Probleme nicht in Luft auf oder bringt stets neue mit sich. Was machbar ist, ist längst nicht sollsam.

 

Manche Gräben sind eher Abgründe als Fronten: Die Harmoniebedürftigen, Verwirrten und Bedrängten (und zum Teil auch die Unbeeindruckten) bilden keine Front, da sie entweder versuchen, sich der Auseinandersetzung zu entziehen oder es nicht schaffen, sich an ihr zu beteiligen. Sie sind daher umkämpftes Terrain: bevorzugte Zielgruppe von Appellen, Maßnahmen und Maßregelungen.

 

Diese Taxonomie beabsichtigt nicht, eine Wertung vorzunehmen: Verängstigt zu sein mag zwar gemeinhin ethisch höher bewertet werden als beängstigend zu wirken. (Der Verängstigte ruft Mitgefühl hervor und ihm wird der benefit of the doubt gegönnt, dass seine Angst schon ihre Gründe haben wird (Vorerkrankungen). Es wird angenommen, wer Angst hat, fügt immerhin niemandem einen Schaden zu – anders als der, der ein beängstigendes Betragen an den Tag legt (Wut). Dieser ruft mit seiner Wut kaum je Mitleid hervor und Sympathie nur bei jenen, die sich in seiner Wut wiederfinden – bei Unbeteiligten eher nicht. Unbeteiligte werden auch stets anzweifeln, ob beängstigendes Betragen gerechtfertigt ist (wir tun Wut kaum je mit den Worten ab „der wird schon seine Gründe haben“).

Hier sollen beide Positionen in vorläufiger Gleichwertigkeit betrachtet sein. Nicht, weil ich denken würde, es sei in Ordnung, beängstigend aufzutreten – sondern weil ich denke, dass es unter gewissen Umständen nicht in Ordnung ist, verängstigt zu sein oder „Angst“ als Argument einfach durchzuwinken.

 

Anmerkung dazu: Je nach persönlicher Situation kann jede Position „rational“ sein. Todesangst ist meistens irrational, im Angesicht des Todes ist sie rational. Dass eine Sichtweise rational ist, heißt noch lange nicht, dass sie gut oder erstrebenswert oder ein Ausdruck von Weisheit wäre – es heißt bloß, dass sie logisch nachvollziehbar ist. Im Angesicht des Todes Todesangst zu haben ist rational, aber nicht besonders gut oder erstrebenswert oder ein Ausdruck von Weisheit.

 

Einordnung in bestehende Terminologie

 

Corona-Leugner“:

Die Unbeeindruckten:12a und 12b

 

Querdenker und Montagsspaziergänger“:

Keineswegs nur 13 Die Beängstigenden (wenn auch oft von diesen organisiert oder für eigene Zwecke genutzt). Sondern auch teilweise: 6 Die Streitlustigen 8 Die Verwirrten 9 Die Bedrängten10 Die Bedenkenträger 11 Die Furchtlosen12 Die Unbeeindruckten

 

Impfgegner“:

Kommen in allen diesen genannten Gruppen vor. Außerdem noch bei 7 Die Harmoniebedürftigen, die ungern auf die Straße gehen. Hervorzuheben sind die 11 Die Furchtlosen, die nicht grundsätzlich „gegen“ die Pandemie oder „gegen“ jegliche Pandemie-Maßnahmen sind und keineswegs zwangsläufig politisch rechts sind. Sie mögen häufig einen religiösen oder spirituellen Hintergrund haben, oder ein sehr ausgeprägtes Körpergefühl, das sie vor der Impfung als medizinischen Eingriff zurückschrecken lässt.

Einen Sonderfall bilden 12 Die Besorgten, die sich vorrangig mit den Gefahren durch das Virus auseinandersetzen, die gleiche Energie aber auch auf die Impfung aufwenden können (Folgeschäden etc.)

 

Interessant sind fernerhin die Schulterschlüsse im Lager der Maßnahmenbefürworter (da sie die Mehrheit bilden, wurde für sie bislang kein Begriff geprägt): Die 1 Die Verängstigten und die 5 Die Idealisten würden ohne die 2 Die Besorgten, 3 Die Engagierten und die 4 Die Optimisten wohl recht wenig zustande bringen. Im Gegenzug versorgen die Idealisten diese „Macher“ mit Sinn – denn sie brauchen etwas, an dem sie herumknobeln und herumbasteln können und würden im allgemeinen Stillstand und temporären Lockdowns sonst allzu schnell einen Lagerkoller kriegen. Ohne die Idealisten könnten die Engagierten schnell in das Lager derer überwechseln, die sich gegen die Maßnahmen engagieren.

 

Richtig spannend wird es, wenn die Pandemie vorbei ist, und all diese Überlegungen, alle Debatten und vieles von dem, für oder gegen das man sich monatelang eingesetzt hat, keinen Sinn mehr ergeben. 7 Die Harmoniebedürftigen hoffen, dass es im Gegenteil überhaupt nicht spannend wird und diese Sache einfach im Sande verläuft, Kontakte wieder hergestellt werden und sich alle wieder grüßen als wäre nichts geschehen. Doch die zwölf anderen sehen das vielleicht anders. Alle liegen falsch.

 

BM

4. Februar 2022

(Kyoto)

K. will heute mit mir zum Entsuji, was mich schwer wundert, für meine Begriffe seit Ewigkeiten geht sie nicht mehr raus und jetzt plötzlich mit dem Fahrrad acht Kilometer den Berg hoch zu dem alten Tempel ... Aber ich freue mich doch und komme natürlich mit. Wir haben extra jeweils ein zweites Paar Socken mitgenommen, weil die Holzdielen, der Tatamiboden doch furchtbar kalt sein werden. Wäre aber gar nicht nötig gewesen, weil im Raum mit herrlichem Blick auf den Berg Hiei zwei grell-türkisblaue elektrische Heizteppiche ausgebreitet sind. Die tiefe Stimme eines Mönchs, auf Kassette gesprochen, erzählt von Kaiser Go-Mizunoo, der seine Untergebenen ausschickte, um den Ort zu finden, von dem aus der Berg Hiei am schönsten zur Geltung kommt, um hier dann seine Residenz anzulegen. Die tiefe Stimme springt dann in die nähere Gegenwart und spricht vom fortwährenden Kampf, der nötig war und ist, damit die geliehene Landschaft hinter dem aus Steinen und Moos angelegten Residenzgarten nicht verschandelt, zerstört wird, - wie es in so vielen anderen Tempeln Kyotos geschehen sei. Nachdem das Kassettenband mit einem Ruck verstummt, fühle ich mich allem enthoben. Wir haben die ganze Anlage auch eine gute halbe Stunde für uns allein, dann kommt eine weitere Besucherin, und noch eine, wir setzen unsere Masken wieder auf, das Kassettenband spielt wieder von vorne los, wir machen uns auf den Nachhauseweg. Später erzählt mir K. bei heißem Bancha auf kaltem Boden, dass ein Virologe von der Kyoto-Universität, den sie sehr bewundert, in einem seiner Tweets geschrieben hätte, dass er erschöpft von all den vielen Diskussionen Ruhe und neue Ausgeglichenheit im Entsuji gefunden hätte. "Daher also", sage ich, "dieser Virologe hat uns heute diesen Ausflug beschert." Sie nickt und ich bin gespannt, wohin uns seine Empfehlungen noch überall führen werden. (ast)

 

2. Februar 2022

(Berlin)

Es war nur eine Frage der Zeit: Das erste Coronavirus-Tattoo gesichtet. (dl)

2. Februar 2022

(Berlin) (tk)

1. Februar 2022

noch ein reiter aus rom (ast)
"In einer alten Handschrift sah ich ein schön mit glänzenden Farben gemaltes Bild, den Tod als Fledermausmännchen auf einem dicken, grauen Pferde, wie er, den Pfeil auf der angespannten Bogensehne und die Sense vom Gürtel herunterhängend, einen Menschen verfolgt. Auf einem sonnigen Wege, vor einem leuchtend grünen Lorbeer- und Palmenwäldchen, floh der Mann vor dem Reiter her, aber man sah schon, es war kein Entrinnen, ein Pfeil steckte ihm bereits im Halse, gleich würde der nächste die Sehne verlassen. Das war eindrucksvoll, eine vergebliche Anstrengung, leben zu bleiben, sich zu retten vor der kleinen, düsteren Mißgeburt, die sich so übel ausnahm vor der paradiesischen Natur."

Marie Luise Kaschnitz, Engelsbrücke, Nihil Umbra

 

31. Januar 2022

(Kyoto)
Am Abend mehrmals gesagt, dass ich jetzt eigentlich am Flughafen hätte ankommen sollen, dass ich jetzt eigentlich den Flieger hätte besteigen, dass ich jetzt eigentlich hätte losfliegen sollen. Mir das Fliegen vorgestellt. Um fünf in der Frühe aufgewacht, weil es über uns polterte, ich habe mich aufgeregt. Vielleicht aber auch einfach nur aufgewacht, weil ich auf Toilette musste. Die Hausportierin hat mir erzählt, dass die Frau, die über uns wohnt und so oft in Herrgottssfrühe irgendwohin aufbricht, ihren Koffer beim Betreten des Hauseingangs stets anhebt und betont, dass sie ihn niemals in ihrer Wohnung herumbewegt oder -schiebt. Wieder auf dem Futon sind meine Gedanken zu Paulus von Tarsus geschweift, seine nimmermüden Reisen, seine Überzeugung, dass die Welt untergeht, die Toten auferstehen und das letzte Gericht ansteht. Nicht in weiter Ferne, sondern baldigst, vielleicht gleich morgen oder gar heute. Selbst irgendwie in Aufregung verfallen, als sei ich im Schlaf von ihm missioniert worden und würde nun im Morgengrauen warten. Paulus bekam bald Probleme mit seinen Gemeinden, weil sich dieses gewaltige Weltendeereignis eben doch nicht einstellen wollte. Danach an meinen Freund C. gedacht, der heute Geburtstag hat, unsere gemeinsame Zeit in der Ministrantengruppe St.Paulus. Im Kindergarten waren unsere Gruppen nach Tieren benannt und bei den Ministranten dann nach Heiligen. Warum nicht jetzt gleich die Geburtstagsmail schreiben? Allerdings um halb sechs in der Früh, da hat er ja in der Mitte von Europa noch gar nicht Geburtstag, das brächte vielleicht auch Unglück. Lieber noch liegen bleiben. Ich erinnere mich, wie wir in der Messe aus den Briefen des Heiligen Apostels Paulus lasen. An Kolosser, an Thessalonicher, an Galater, an Philipper. Diese Namen allein fand ich schon spannend genug. Und je nachdem wer sie von uns Ministranten auf der Kanzel am Mikrofon mit welch unterschiedlich starker Dialektfärbung vortrug, verwandelten sie sich noch mehr, wurden noch exotischer, oder kamen auch ganz nah und hätten ein Nachbardorf in der Kurpfalz sein können. Nach dem Frühstück dann an C. losgeschrieben, dass ich ihn eigentlich heute hätte überraschen wollen, unerwartet an seine Tür hätte klopfen wollen. Ich werde überschwänglich, schreibe von den Geschenken, die ich nicht nur für ihn, sondern auch für seine Frau und seine Kinder hatte mitbringen wollen, schreibe mich in ein inniges und herzliches Geburtstags- und Wiedersehensfest hinein. Euphorisch mich zu einem Spaziergang aufgemacht. Auf dem Weg zum Park in der Mitte der Straße Hundekacke, die fällt mir weit weniger deshalb auf, weil sie so mittig platziert ist, sondern weil ich eigentlich fast nie Hundekacke sehe. Ich sehe immer nur Leute am Boden etwas sorgfältig, gewissenhaft und schnell in kleine Tüten packen, während die Hunde schon wieder an der Leine ziehen und weiter wollen. Durch den Park und dann zum Fluss. Beim Warten an der Ampel fällt mir die Lauchstange auf, die aus dem vollen Fahrradkorb zum Himmel ragt. Und als die Ampel auf Grün umschaltet, sehe ich noch lange die Lauchstange wohl mit dem Fahrrad zusammen manchmal schwanken, dann doch aber immer wieder wie ein Kirchturm gerade zum Himmel hinauf weisen. Anderthalb Stunden später, auf dem Weg zurück, liegt da die Kacke noch immer völlig unversehrt. Singend komme ich zu Hause an, ich habe gute Laune wie ich sie an meinem eigenen Geburtstag niemals habe und freue mich, als stände gleich die Überraschungs-, die Wiedersehensparty an. Wenn alles nach Plan verlaufen wäre, würde ich mich nun allmählich Frankfurt nähern. (ast)

31. Januar 2022

(Venedig) (rp)

30. Januar 2022

(Berlin)

Archaische Nacht: Sturm haben wir ja ab und zu mal, aber dieser kam aus der ganz falschen Richtung und wirkte direkt auf die Fassade, die zu ächzen begann. Der Nachbarin wurden morgens um drei zwei Scheiben aus dem Fensterrahmen gedrückt. Dann wehte es bei ihr ums Mobiliar. Glaser heute nicht zu bekommen, also zog sie jetzt ins Hotel und hofft, dass es nicht regnet. - Mir hat es nur den Nachtviolentopf zerschlagen. (dl)

28. Januar 2022

(Hamburg)

Letzte Woche hustete der Mann nachts, jammerte ein bisschen, morgens drehte er sich rüber: „Du, ich habs“ (hust). Raketengleiches Aufstehen. Die 10 Tage danach waren dann letztlich unerquicklich, seltsam, aber auszuhalten. Seltsam ist eher, wie reibungslos etwas zum neuen Normalzustand wird. Sein Gefühl stimmte, er war positiv, und bei ein bisschen Husten blieb es, zum Glück – danke, frischer Booster. Ich testete negativ, auch am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag usw. Der Ablauf der Tage: Einkaufen, testen, arbeiten, einkaufen, testen, arbeiten, einkaufen, testen, arbeiten. Die Reihenfolge ist wichtig.

 

Man sollte übrigens ein gesundes Maß Preppertum nicht verspotten. Ich war damals nicht der Einzige, der nicht in erster Linie Klopapier, sondern auch Konserven, Batterien und einen Wassercontainer kaufte – batteriebetriebenes Radio gab's ja schon im Haushalt. Aber jetzt: kaum mehr was da. V. machte sich (selbstverständlich) über mein Ranschaffen lustig: Wieso, man kann doch bei Rewe alles online kaufen. Aber will ich hustend-fiebrig von irgendeinem Rewe-Angebot abhängig sein? Nein. Außerdem bei Edeka Tiefkühl-Angebote. Es ist wieder das Gefühl von Frühjahr 2020 – jetzt geht was los, Erlerntes und von der Kriegsgeneration Ererbtes sind gefragt und blind abrufbar.

Eine Woche später: Bei V. genau dasselbe, der Partner positiv, er allerdings seit heute auch. Also Rewe online. Bei ihnen – wie bei uns bis heute: Wohnung geteilt. Bei uns ging das so: Zweimal klingeln heißt Achtung, ich komme – etwas Zeit lassen. Dann betrat ich Flur, dann Küche oder Gästezimmer. Flur, Küche, Bad können im Gegensatz zur restlichen Wohnung nicht aufgeteilt werden, das Betreten dort also mit Maske, Lüften. Einer kocht, nimmt sich was und ruft im Gehen den andern.

Es sind Routinen, die vom ersten Tag an funktionieren. Das Aufteilen der Wohnung in Terrains – vollkommen selbstverständlich, man kennt das (irgendwoher): sichere und unsichere Zonen. Das Sprechen durch den Türschlitz: stresst schon ein bisschen, es bringt die Ordnung durcheinander, ein Zwischenbereich tut sich auf – Telefonieren ist einfacher. Am entspanntesten von allen ist nun er, denn für ihn ist es rum. Wie ich heute Abend in der Redaktion gelernt habe: Laut WHO werden 50% der Europäer es in den nächsten paar Wochen bekommen. Aber, Hauptsache, einer kauft ein. (smo)

 

27. Januar 2022

(Hamburg)
sind eigentlich mehr männer als frauen von einem dachschaden in folge der pandemie befallen oder ist es bei männern nur auffälliger?

l. ist vereinsamt, neurotisch und passiv aggressiv bis zur selbstaufgabe.

f. hat seinem preppersyndrom seit beginn der pandemie die zügel schießen lassen, wie alle prepper hat er lagerprobleme.

s. sitzt jeden abend den der herr werden lässt bis um 21 uhr mindestens am bett seines kindes während sein lebensmensch am bett des anderen kindes sitzt. schlafen die kinder nicht bis um 21 uhr sitzen sie (in getrennten zimmern) auch bis 22 uhr dort.

m. ist neurotisch, panisch, unkonzentriert und außerstande soziale kontakte aufrechtzuerhalten.

k. ist immer schon depressiv und hat nun die plausibelsten seuchen-ausreden für das nicht zustande kommen von verabredungen, ob mit kindern, frauen oder männern ist egal.

h. ist vereinsamt und braucht langsam wirklich professionelle hilfe bei der organisation seines coming outs.

vermutlich ist es so, dass die vorliebe für projekte, über die man (tatsächlich vor allem männer) auch gerne und ausführlich sprach, die derzeit aber überhaupt keine konjunktur haben, nun im privaten bereich dazu führt, dass ein alltäglicher vorgang wie das zu bett bringen nun zu einem projekt ausgebaut wird. (das preppen hat ja auch in erster linie projektenergie, es geht um den plan nicht um den ernstfall, denn zum einsatz kommen die angestauten dinge zuverlässig nicht.)

neurotische auffälligkeiten wären mit entspanntem herumhängen in freundesgruppen sehr bald durch die gefällige darbietung und vergleich der unterschiedlichen macken auf gute weise relativiert und entschärft. vielleicht ist das überhaupt eine neue sorte selbsthilfegruppe: mackenschau. (nor)

 

DAZU: Karl Philipp Moritz, Anton Reiser
»Der junge Neries hatte wirklich ein gefühlvolles Herz, er ließ sich aber auch durch den Strom hinreißen und spielte bei jeder Gelegenheit den Empfindsamen, ohne es selbst zu wissen; denn er eiferte sehr oft mit Reisern gegen das Lächerliche einer affektierten Empfindsamkeit – weil er aber nicht bloß vor andern empfindsam zu scheinen, sondern es für sich selber wirklich zu sein suchte, so deuchte ihm das keine Affektation mehr, sondern er trieb dies nun als eine ganz ernsthafte Sache, die keinen Spott auf sich leidet, und zog Reisern allmählich mit in diesen Wirbel hinüber, der die Seele so lange hinaufschraubt, bis sie in den abgeschmacktesten Zustand gerät, den man sich denken kann.«

24. Januar 2022

(Hamburg)
Oft hören wir den Fernseher des Nachbarn, wenn er Champions League oder DFB-Pokal schaut und alles lauthals kommentiert, daran haben wir uns gewöhnt. Aber heute ist es anders: Eiskalt hallen die Stimmen von Heydrich und Eichmann durch unseren dunklen Flur, es ist der blanke Horror. Er zieht sich "Die Wannseekonferenz" im ZDF in Stadionlautstärke rein. (ow)

21. Januar 2022

(Hamburg)
den zerrütteten zustand der sozialen kontakte zeigt diese pflanze. vor der seuche war ich etwa einmal im monat zu gast in der wohnung dieser pflanze. ich kam stets gerade noch rechtzeitig um das granulat in dem die pflanze immer schon mehr vegetiert als wächst zu wässern. nun sind diese besuche viel seltener und die pflanze ist tod. das scheußliche granulat firmiert unter dem namen seramis, was mich in seiner plumpen anspielung auf die hängenden gärten der semiramis schon immer fürchterlich aufregt. der technische ausdruck für das granulat, was in büros und anderen eher pflanzenfernen orten in pflanztöpfen zum einsatz kommt, lautet: blähton. gerade erfahre ich, dass die pflanze einging, weil sie eine zeitlang auf dem winterlichen balkon stand. was mich an die geschichte der ökotrophologin erinnert, die mich fragte warum ihre basilikumpflanzen immer eingehen, auf meine frage wo diese stehen, entgegnete sie erstaunt, na wo wohl im kühlschrank, bei den anderen frischen lebensmitteln. (nor)

 

(gm)

19. Januar 2022

(Berlin)

Die Inzidenz hier liegt jetzt über 1000 – nur dank Marzahn-Hellersdorf, ein Berliner Bezirk der wegen technischer Probleme keine Daten mehr übermittelt, sonst wäre sie höher. Vor zwei Tagen schickte E. einen Screenshot von der roten Kachel der Warn-App und fragte: «Was muss ich jetzt tun?» und gestern hatte ich meine erste rote Warnung. Ich habe nichts gemacht, außer meinen regelmäßigen Gang zum Testzeltchen. Mittlerweile finde ich es hat was Sexuelles. Man weiß nie so genau, wer da ist, um einen das Stäbchen einzuführen und wie tief es reingesteckt wird. Wenn es mir nicht reicht, beuge ich mich einfach weiter nach vorn.

Meine Boosterimpfung ist drei Monate her und damit nicht mehr viel wert. Die Ärztin sagte mir, dass der Impfschutz, der komplett schützt und in der Rachenschleimhaut aufgebaut wird, nach zwei Monaten weg ist. Danach geht es nur noch darum, wie schlimm die Infektion verläuft. Das gleiche Phänomen haben ja zeitgleich viele andere.

Mein Bruder schenkt mir immer zu Weihnachten einen Gutschein vom MediaMarkt. Letztes Jahr habe ich den für FFP2-Masken ausgegeben – 10 Stück für knapp unter 30 Euro, im Winter 2021 ein Schäppchen! – und dieses Jahr für einen Pulsoximeter.

E. schreibt abends: «Ich langweile mich.» «Bestell’ dir doch was im Internet! 😉 Weißt du noch, wie du vor zehn Jahren Veganerin werden wolltest mit dem Buch von Attila Hildmann?»

Ich backe einen Clementinenkuchen. Sehr orange und sommerlich schaut er aus. Soll ich mir neue Handtücher in Gelb, Orange und Rot bestellen oder nicht? Ich wärme die Linsen-Tomaten-Kokos-Suppe nach Ottolenghi auf. Ein Tag, an dem alles egal erscheint. Willkommen zuhause! Ich greife zur Häkelnadel und mache den nächsten Versuch eines Mohair-Pullunders.

Theatervorstellungen werden reihenweise wegen Krankheit in den Ensembles abgesagt und Premieren verschoben. «So billige Träume. Und so gut» von René Pollesch kommt statt Januar erst im Juni. Vorgeschickt wird als Ersatz oft Sophie Rois mit dem Einpersonenstück «Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater» – ihr erinnert euch?

Der Häkelschal ist noch nicht übergeben, die zu Beschenkende stand unter Coronaverdacht. Heute ihre Nachricht: «Ich bin genesen. Wollen wir uns heute treffen?» Ich fahre aber aus der Stadt raus, um mit W. seine Ausstellung weiter aufzubauen. Ich werde zum Coronabeauftragten ernannt, der die gültigen Veranstaltungsbedingungen recherchieren soll.

E. schreibt: «Die Impfgegnerin lässt sich jetzt absichtlich anstecken.» «Die würde ich endlich mal entfreunden ... dümmer geht’s nimmer.»

Die Affenpalme wächst prächtig. Der «Blue Monday» kommt und geht. Das bestellte Pulsoximeter ist gekommen. Die Ausstellung steht. Der Mohairpullunder wird größer. Erstmals mehr als 100.000 Neuinfektionen. Das Warten auf die «vierte Impfung» beginnt. (pp)

 

19. Januar 2022

(Südeuropa / Schweiz)
Die Ausstellung bei M. war schon wild. Viel Besäufnis. Unterkünfte eigentlich über Niveau, wir waren alle über Airbnb in echt schicken Unterkünften untergebracht, die meisten mit Pool. Also M. hat sich finanziell glaube ich etwas übernommen, weil verkauft wurde leider fast nix. Dann gab es noch so Leute, die das Ganze digital aufgenommen haben und so VR Brillen dabei hatten. Ich mag dieses VR nicht so, eins geht da einfach durch Gebäude durch, ohne davon irgendwas zu merken. Alles sehr unreal, aber dafür wiederum zu wenig aufregend. Die Ausstellung im Hotel ist ganz schön geworden, der Aufbau war aber stressig, bisschen chaotisch und M. hat halt fast jeden mal angeschrien. Am Ende hat M. aus Versehen leider auch noch sein Auto in 'ne Wand gefahren. Insgesamt wenig ruhige Zeit mit M., daher schwer zu sagen, wie es ihm eigentlich geht. Er hat uns in unserem Haus 2,5 Autostunden nördlich von ihm bisher noch nicht besucht, er habe immer so viel zu tun, sagt er. Hat glaub' ich sehr viel Besuch. Sein Haus ist schön gelegen und hat einen grossen Garten, geheizten Pool und Sicht aufs Meer. Und ich glaube das Meer ist für ihn sehr wichtig.

Nun fällt mir Gaston Bachelard ein, dessen "Violent Water" in "Water and Dreams" ich grad lese. Der Ozean, das Wasser was salzig und gewaltig ist. Mir selber sind die Flüsse am liebsten. Der Fluss auch hier in dieser stark kalkhaltigen Landschaft wo ich herkomme, hat jetzt im Winter das allerklarste Wasser. Allein dafür mag ich den Winter genauso wie den Sommer, die Kälte macht die Dinge klar und lässt viel besser in die Tiefe blicken. (nn)

18. Januar 2022

das patenkind textet auf der suche nach einen praktikumsplatz: "... am besten nichts mit kunst sondern eher mit macht und geld" (sr)

18. Januar 2022 »Bist du der Staat?« – Herbert Achternbuschs Film Bierkampf

Als ich zur Grundschule ging, in der zweiten oder dritten Klasse, kam mal der Verkehrskasper zu uns in die Schule. Der Verkehrskasper war der Hauptdarsteller in einem aufwendigen Marionettentheater, das mehrere Polizisten erst umständlich in der Turnhalle aufbauten, um dann hinter den Kulissen zu verschwinden und von dort aus den Kasper und die anderen Figuren zu steuern und zu sprechen. In dem Stück ging es hauptsächlich um die korrekte Einhaltung von Verkehrsvorschriften und das, was droht, wenn man diese nicht beachtet. Das Ganze kulminierte zuletzt aber in einem furiosen Finale mit einer Verfolgungsjagd durch die naturalistisch gestaltete Großstadtkulisse. Ich kann mich noch erinnern, dass ich es damals zugleich beeindruckend und unangemessen fand, dass da echte Polizisten in ihren echten Uniformen hinter die Bühne stiegen und Marionettentheater für uns spielten. Es hatte für mich etwas Komisches, das die Autorität der Beamten zersetzte.

 

Der Film Bierkampf von Herbert Achternbusch, entstanden 1976, greift, oberflächlich betrachtet, das bekannte »Hauptmann von Köpenick«-Motiv auf: Wie in der Urversion findet auch in Achternbuschs Film die Hauptfigur »Herbert«, gespielt von Herbert Achternbusch selbst, durch irgendwelche Umstände eine Uniform und zieht sie sich an, um mit den Effekten, die dieses Zeichen einer offiziellen Rolle bei Anderen erzielt, zu spielen. Ein wesentlicher Unterschied und ein Grund, warum Achternbuschs Film wohl nie als pädagogisch wertvolles Werk im Deutschunterricht behandelt werden wird, liegt dabei aber im jeweiligen Umgang mit den gefundenen Rollen: PDF kostenlos weiter lesen

 

 

17. Januar 2022

(Kyoto)
Ich lese die Besprechung eines Debütromans, in dem die Großmutter die Geschichte von einer Tigerin erzählt, die gern erdnussgroße Kinderfußzehen ablutscht. Die erschrockene Enkelin fürchtet sich noch mehr, als sie bemerkt, dass auch der eigenen Mutter drei Fußzehen fehlen. Mein Großvater verlor in der Eiseskälte des Russlandkrieges die große Zehe, ich erinnere mich nicht, ob die rechte oder die linke, ob ihm weitere Zehen fehlten. Dabei war es nicht so, dass er seine nackten Füße vor mir verbarg. Im Konversationsraum erzählt M. zum neuen Jahr von Hitlers Tigern, dass er als 14jähriger einen in Papier nachgebaut hat. Sogleich hält er das Modell vor die Kamera. Als Laie erscheint mir das Kanonenrohr etwas lang, es hängt auch durch. Ich frage mich, ob er diesen Papierpanzer seit sechs Jahren auf seinem Schreibtisch stehen hat. M. erzählt vom Einsatz der Tiger, der Furcht, die sie entfachten und den Berichten der gegnerischen Armeen, die sich brüsteten, Tiger in so großer Zahl abgeschossen zu haben wie sie doch niemals überhaupt produziert worden waren. Ich denke wieder an Großvater, an eine militärische Auszeichnung, weil er mit zwei Kameraden und einer Panzerfaust einen russischen Panzer außer Gefecht setzte. Auch an vergilbtes Papier, einen Bericht und ein Foto eines Panzers im Schnee, aus dem es qualmt. Später stoße ich bei Theaterstücken auf „Der Entenstörer“, stelle mir einen Mann vor, der schnatternde, gründelnde und sich das Gefieder putzende Entenpaare aufscheucht und jagt. (ast)

17. Januar 2022

(Berlin)
Am Altpapier fragt mich die vor kurzem verwitwete Dame aus Nr. 14, ob ich vielleicht Interesse habe "an den, na Sie wissen schon, erotischen Filmen" des Verblichenen. Sie würde die offenbar umfangreiche Sammlung günstig abgeben.

(Die Witwe meines ehemaligen Chefs war verzweifelt, weil sie mangels Passwort nicht an das in der Cloud versammelte anrüchige Material herankam, bevor der Computer als Gelehrten-Nachlass nach Marbach ging.) (dl)

15. Januar 2022

(Hamburg)
"klopapier nur für geimpfte" heißt es auf einem plakat der demo "Solidarität und Aufklärung statt Verschwörungsideologien"
wir sind über 3000 menschen. die sogenannten "schwurbler" gegen die demonstriert wird, haben sich allerdings in ähnlicher personenstärke andernorts in der stadt versammelt. (nor)

13. Januar 2022

(Berlin) Ich bekomme weitere Dankes-Nachrichten: «Today I feel bit pain and the influence of the jab, but I’m ok. I did it thanks to you and being unfriendly to me I realise I must do it.» Und «I’m ok. I know it’s very important to get vaccinated. Thanks to you I did it. I feel very good energies for a very new year for us all ❤️❤️❤️💋💋💋»
Ich fange den nächsten Schal an, es gibt immer jemanden zu beschenken. Mit extra dicker Print-Wolle im Seed Stitch, schaut verhäkelt ein bisschen pixelig aus. Und nach Topflappen! Fange einen zweiten in einer anderen Technik mit Plushes an. Überzeugt mich auch nicht. Vielleicht fange ich zwischendurch mit einem Pullunder aus Schurwolle als Test für welche aus Mohair an. Squished Singles? Griddle Stitch! Tripplets? Billows! W. hat kurzfristig seine erste institutionelle Einzelausstellung bekommen, außerhalb der Stadt. Er und der Kurator kommen mit den Bildern im Transporter dort an, ich fahre mit der S-Bahn. (In der S-Bahn sehe ich zum ersten Mal jemanden, der die Haltestangen desinfiziert). Gut, dass ich hingefahren bin, ich kann den entscheidenden Hinweis geben, wie die Wände aufzustellen sind. Habe mich an den Notationen von Häkelmustern orientiert. Am nächsten Morgen stehe ich auf und checke die Liste der Coronavirus-Tests vom Paul-Ehrlich-Institut nach besonders sensitiven und wo man die herbekommt. Anscheinend ist das nicht so einfach für Endverbraucher. Werde auf die neue Liste warten, die Omikron beinhaltet.
Ich habe eine Lieblingsteststation. Es ist ein Pavillonzeltchen in dem ein junger Mensch steht und es ist selten eine Schlange davor – sehr sympathisch. Kostet nichts und schadet nicht. Ich telefoniere mit meinem Bruder – er hat Geburtstag. Schon seit vor Weihnachten möchte er abnehmen, geht deshalb jeden Tag fünf bis zehn Kilometer laufen und isst weniger und anderes. 20 bis 25 Kilo weniger sind sein Ziel, ein bis zwei Kilo pro Woche. Er weiß schon gar nicht mehr, ob Gastwirtschaften und Kneipen überhaupt offen haben. Es fällt mir schwer, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Omikron mich treffen wird. Nach zwei Jahren Generve. Hole mir den C89-Sampler. Wie sich wohl ein C19-Sampler anhören würde? (pp)

11. Januar 2022

zweierlei tiger

10. Januar 2022

(Hamburg, Kyoto)
ich betrachte eine postkarte aus japan die einen tiger zeigt. und (ast) erklärt.

auf der rückseite der karte gibt es kästchen in die man sorgfältig etwas eintragen könnte, wobei zwischen dem 3 und 4 kästchen eine winzige verbindung gelegt ist.

das ist eine vorgefertigte neujahrskarte für das versenden im inland, oben die kästchen sind für die postleitzahl der empfangsperson.

die kästchen wiederholen sich am unteren bildrand, hier sind sie aber nur noch mit gestrichelter linie gearbeitet und der verbindungsstrich fehlt, warum es jeweils 7 kästchen sind verstehe ich nicht.  

unten für die absendepostleitzahl, die ist hier im land sieben zahlen lang.

außerdem gibts so etwas wie eine blüte in rot.

wahrscheinlich symbolisierte pflaumenblüte.

darunter schriftzeichen und unten in grün stilisiertes blattwerk an dünnen ästchen, oder aber es ist grünes feuerwerk über berggipfeln.

wahrscheinlich japanische kiefer, auf den neujahrskarten hier meist in kombination, kiefern und pflaumenblüte.

und noch ein völlig unverständliches rotes zeichen daneben, eine art doppelkugelige flasche mit schwänzchen ... alles höchst sonderbar. 

das müsste das logo des ladens sein, da ist in dieser doppelkugeligen flasche im hiragana-silbenalphabet わしくらぶ geschrieben, das ist der name des ladens, mit kanji 和詩倶楽部, in unserem silbenalphabet schlichtweg "washiclub"

auf der vorderseite wiederholt sich das blattwerk und es gibt einen roten stempel links unterhalb erneuter schriftzeichen, vielleicht die künstler signatur.

ich meine, der rote stempel könnte das kanji für tiger, , gewesen sein. die erneuten schriftzeichen wahrscheinlich賀正、gashou, der auf neujahrskarten verwendete gruß für ein frohes neues jahr. (ast/nor)

8. Januar 2022

(Berlin)
Kreuzberg 806,6. Jetzt geht's hinaus auf hohe See. (dl)

7. Januar 2022

(Berlin) Der Sieben-Tage-Index ist bei über 500. Ich sage einer Freundin ab, dass ich doch nicht spazieren gehen will. Eine andere sagt mir ab, sie hat Menstruationsschmerzen. Wenn’s nicht rund läuft, musst du pushen. Also backe ich einen griechischen Neujahrskuchen. Er geht hoch wie eine Eins. Habe das Bedürfnis nach mehr Covid-Tests. Gehe zu dm und kaufe die Maximalanzahl pro Bürger: 5. Eine WhatsApp-Nachricht von der Freundin, die ich beim Optiker getroffen hatte: «Darling, I’m just telling you that I got vaccinated with Moderna. Just because you got that mad at me.» Der Tag ist doch nicht so ganz scheiße – ich möchte heulen und ihr spontan einen Schal häkeln! Ich antworte: «WONDERFUL! 💋💋💋 I’m proud of you! 🎉»

Ich habe ein wenig Bauchmuskelkater und verschiebe das geplante Turnen auf morgen. Ein Anruf. Er ist Kontaktperson. Was ist jetzt zu tun? Ich habe nach fast zwei Jahren immer noch keine Ahnung und ich hatte immer gehofft, dass es nicht auf einen Freitag abend fällt, wenn alle Ärzte zu haben, aber natürlich tut es das. Ich rufe eine Freundin an. Sie sagt, ruf bei der Hotline an. Die Hotline sagt, wenn kein Abstand, keine Maske und länger als 15 Minuten oder eines davon: Quarantäne. 7 Tage. «Freitesten» nach 5 Tagen mit PCR, nach 7 Tagen mit Schnelltest. Bezahlter PCR-Test nur bei Symptomen. In der Presse steht was von Quarantänebefreiung für geboosterte Kontaktpersonen. Ich schaue bei der Bezirksseite nach. Dort steht 14 Tage Quarantäne für Varianten-Kontaktpersonen und für Geboosterte keine Ausnahme. Später am Abend kommen die neuen Richtlinien raus. Hauptrichtlinie: Keine Quarantäne für geboosterte Kontaktpersonen – vielleicht aber nach Bundesland unterschiedlich. Die Lokale Tageszeitung sagt: Keine Quarantäne für geboosterte Kontaktpersonen. Multiple Choice. (pp)

6. Januar 2022

(Berlin)
Nichts geht mehr unkompliziert. Wenn ich turne, muss ich vorher saugen und wischen und danach duschen und fönen – schon sind zwei Stunden weg. Wenigstens überhaupt mal wieder geturnt. Und dabei die türkise hautenge Plastikhose angehabt, die ich bei meiner Mutter aus einem Beutel gezogen habe. Fühlte sich sehr gut an.

 

Es ist der 6. Januar und die Weihnachtszeit ist vorbei, auch wenn ich heute Lebkuchen von meiner Mutter im Küchenschrank gefunden habe. Heute ist bei meinen Eltern Feiertag und es wird eine Messe für unsere Familie gelesen, wie mir meine Mutter erzählte.

Dem extra nicht bei Amazon, sondern bei Wordery bestellten Häkelmusterbuch muss ich nach fünf Wochen hinterher mailen. Dafür habe ich es gestern abend nach zwei Tagen endlich geschafft, das Häkelmuster mit Wellen und Plushes so zu modifizieren, dass das Schal eine gute Breite hat. Eine Freundin sagt, ich könnte meine Schals bei Etsy verkaufen. Ich bezweifle das.

Vorgestern habe ich die «C»-Sampler vom NME und weitere davon inspirierte Sampler entdeckt; der «C90»-Sampler bringt gute Laune. Zwei hab ich noch nicht und in zwei Wochen erscheint der 91-er. Eine Freundin weist mich auf Sarah Records hin, die ich bisher nicht kannte.

 

Meine Arbeitgeberin bezieht ab Oktober ein neues Büro. Mindestens so lange habe ich Home Office und wenn sich Corona so lange hinzieht oder wieder oder was ähnliches aufflammt darüber hinaus. In der Videokonferenz gibt es nichts zu besprechen, deshalb dauert sie umso länger. Ich hasse Zoom, weil man zwei Clicks braucht, um die Konferenz zu verlassen und nicht nur einen, wie bei Starleaf. Irgendjemand hat meinen Trash mit über 50.000 ungelesenen Mails aus über 10 Jahren gelöscht.

 

Die Inzidenz in Berlin liegt aktuell bei 460 mit einem Wochentrend von +64%. Ich bin froh, dass ich bei meinen Eltern war. Ohne W. hätte ich die Tickets nie gebucht und wäre glatt in Berlin geblieben. Im Dezember hätte ich fast einen Flug nach Mallorca gebucht, als die Zahlen dort bei 90 lagen und Spanien als Musterländle galt. Ich schmeiße die schwarze Stoffmaske weg, die mir mein schwuler Sportverein letztes Jahr geschickt hat und die ich nur einmal zur Beerdigung von W.s Oma vor einem Jahr getragen habe.

 

Die Sonne scheint als Reflexion vom Aufzug gegenüber in meine Wohnung. Ich esse noch einen Lebkuchen, mache die Tageslichtlampe an und drehe die Musik lauter.

Ich bin genervt. Auch davon, dass ich genervt bin. Dabei fühle ich mich gesund, bin 3-fach geimpft und habe kein Corona! Zumindest hat mich die Angst noch nicht wieder ganz im Griff, ich bin z.B. im Supermarkt recht entspannt. Der «Blue Monday» kann also kommen. (pp)

5. Januar 2022

(Berlin)
Welche Viren sind eigentlich noch unterwegs? Ein FB-Bekannter, den ich persönlich nie kennenlernte, übermittelt mir ungefragt seine Einwände gegen die Corona-Politik und gibt mir zwei Stunden Zeit, sie zu beantworten. Andernfalls werde er mich blockieren. Die beste Weise, mit mir ins Gespräch zu kommen. (dl)

4. Januar 2022

"It's official. Masks are the new normal. If you are a health care worker, safety or city employee, or working in any other industry requiring staff to wear masks during an entire shift, then you understand why an ear saver may become your new favorite crocheted accessory."

Text und Foto: Tia Davis

4. Januar 2022

(Berlin)
Zum ersten Mal entwickle ich selber ein Häkelmuster, eine Freundin wünscht sich ein Schal mit Wellenmuster. Ich hatte ihr gesagt: Möglichst dicke Wolle, damit es schnell geht, aber nicht bedacht, dass ich für Wellen eine gewisse Breite brauche. Noch nie habe ich so viel aufgetrennt: Zu breit, zu wenig wellig, zu dicke Plushs. Ich hoffe auf den Durchbruch heute. Damit es im Zweifelsfall etwas breiter werden kann, habe ich heute morgen ein weiteres Knäuel besorgt.

 

Auf dem Weg zum Wollladen verlaufe ich mich und die ehemalige Mitbewohnerin meines ersten Freundes in Hessen kommt mir entgegen. Wow. Ich schaue sie lange an, aber sie erkennt mich nicht und ich spreche sie ebenfalls nicht an. An Neujahr hatte ich den überraschenden Gedanken, meinen Ex zu kontaktieren. Obwohl ich ihn eigentlich nie wieder sehen und auf keinen Fall etwas mit ihm zu tun haben möchte. Er wohnt jetzt in Humgrab und eine Freundin richtete mir vorletztes Jahr aus, dass ich ihn ruhig mal kontaktieren könnte. Ich reagierte nicht darauf. Ich werde mich auch jetzt zusammenreißen und ihn nicht googlen.

 

Als ich zurück komme, kaufe ich mir den Sampler «C87». Wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich ihn schon 1987 gehört hätte? Und nicht Pet Shop Boys, Madonna und George Michael? Wie hätte ich in meinem 40-Seelendorf überhaupt von diesem legendären Kassettensampler des New Musical Express erfahren können? Das war in etwa die Zeit, in der mein Großvater mit Krebs im Krankenhaus der nächsten größeren Stadt lag und wir deshalb sehr viel öfter als sonst dorthin fuhren. Damals entdeckte ich dort für mich die «Smash Hits» mit ihrem mega bunten Layout, das bereits sämtliche Photoshop-Register zog. Aber der NME zog an mir vorbei. Was wenn der Zufall anders entschieden hätte? Falls es den dort überhaupt gab. Wo ich die Hefte genau gekauft habe, weiß ich leider nicht mehr. Zweiwöchentlich erscheinende Magazine fand ich überhaupt exotisch – für mich als Dorfkind in Deutschland gab es nur wöchentlich oder monatlich und nichts anderes. Den kleinen Stapel «Smash Hits» habe ich noch mit Sisalschnur zusammengebunden unter dem Kleiderschrank bei meinen Eltern liegen; auf einem der Cover sind Bros («When will I be famous?») und auf einem anderen Tiffany («I think we’re alone now»). Beides Bands, die garantiert nicht auf diesem Sampler zu finden sind.

 

Daneben liegen noch ein paar alte Schulbücher, wie die Englischbücher, weil mir die Illustrationen so gut gefallen haben. Die waren alle in zwei kontrastierenden Druckfarben entworfen, orange und türkis zum Beispiel. Die waren damals schon überholt ­ die Kinder hören Tonbänder. Davon hatte ich noch nie gehört und auch bis heute nicht, dass jemand jemals so etwas hatte. Wie sollte ich diese Welt darin ernst nehmen können und ernsthaft glauben, dass es eine Automarke mit dem Namen «Mini» tatsächlich gibt? (pp)

 

3. Januar 2022

(Hamburg)
h., der als kunstlehrer an einer hamburger schule arbeitet, hat für die zeit der morgendlichen testung seiner schüler schon lange vor weihnachten eine playlist erstellt. beim gemeinsamen rühren in der nase, hören die schüler stücke die sämtlich mit dem weltraum zu tun haben. mir gefällt die vorstellung beim stochern zwischen den popeln an die weiten des weltraums und unbekannte planeten zu denken. (testet ein kind positiv, muss es auf den »roten platz«, ein rot gepflastertes stück schulhof, dann wird ein weiterer test gemacht, und ist dieser wieder positiv müssen die eltern das kind abholen.) (nor)

 

3. Januar 2022

Schaufenster eines Getränkeladens, Sprengelstrasze 13, Berlin (wt)

2. Januar 2022

(Berlin)
Unerwartet beschwingt starte ich ins neue Jahr: Hörte sich für mich der Indie-Pop Ende des Jahres deprimierend an, so macht er mir jetzt gute Laune.

Silvester haben wir in Neukölln verbracht, bei einem Essen mit acht Leuten aus fünf Haushalten, 2G Plus. Einer der Gäste entpuppte sich als nicht gesellschaftsfähig in betrunkenen Zustand und wollte alle Anwesenden ständig umarmen und knuddeln, und obwohl die das nur bedingt wollten, konnte er nur schwer gebändigt werden. Mich sprang er schließlich von hinten an und der Gastgeberin zog er dermaßen an den Ohren, dass sie ihr noch Tage später schmerzen. Sie rief an Neujahr jeden an, um mitzuteilen, dass das für ihn Konsequenzen haben wird. Ich sagte ihr, dass ich ihm auf jeden Fall das nächste Mal eine scheuere, egal wann und wo ich ihn wiedersehe.

Bei meinen Eltern habe ich einen Schal aus Alpaca- und Baumwolle aus dem Gebrauchtkaufhaus gehäkelt, wir waren oft zum Essen eingeladen und viel Spazieren. Zu den gerippten Filmen kamen wir gar nicht groß, denn obwohl es am zweiten Abend schon langweilig zu werden schien, war irgendwie immer was zu tun und wir ab dem nächsten Tag viel unterwegs.

Meine Cousine meldete sich. Sie hörte sich nicht so übergriffig an, wie es bei meiner Mutter rübergekommen war, und ich sagte ihr ohne weitere Begründung, dass wir uns nicht treffen und telefonierte einfach ein bisschen mit ihr – Corona war kein Thema.

An Heiligabend waren wir in der Christmette. Es wurde schon tagsüber viel im Dorf herum telefoniert, weil die alten Leute die 3G-Regeln nicht ganz verstanden hatten und dachten, sie müssten sich testen lassen, obwohl sie geimpft sind. Letztendlich blieben die meisten zu Hause und die Kirche war sehr leer.

Am letzten Abend haben wir zusammen «Das Traumschiff» geschaut. Ich glaube, meine Mutter war ein bisschen genervt, dass sie deshalb nur den Schluss der Weihnachtssendung mit Andy Borg und dem tattrigen Tony Marshall schauen konnte. Am letzten Vormittag waren wir im Laden der Hosenfabrik bei uns am Ort und machten Schnäppchen.

Wir bekamen viel zu Essen mit nach Hause und an Neujahr gab es Reh. Dazu machte ich zum ersten Mal Serviettklöße. Ich häkelte wieder einen Schal für eine Freundin und noch einen mit ganz viel Knubbeln für mich. Am Sonntag ein Streit: Ich wollte nicht mit W. und seinen Freunden ins Café, sondern nur einen Spaziergang machen. Nicht ausschließlich wegen Corona, sondern weil ich wirklich genug Kaffee und Kuchen intus und zu Hause hatte. Wir liefen im Nieselregen durch den Tiergarten und spontan wurde gruppendynamisch entschieden, ins Museum und das dortige Café zu gehen. Immerhin 2G und es wird kontrolliert, dachte ich mir. In der Schlange davor stellte sich heraus, dass W. seinen Personalausweis nicht dabei hatte, weil ihm sein Geldbeutel zu schwer war, er seine Taschen nicht ausbeulen wollte und er davon ausgegangen war, dass wir ja nirgends rein gehen würden. Er war total genervt, auch von mir, aber was kann ich bitteschön dafür, dass ich vorbereitet war und er nicht? Also gingen wir von dort nach Hause, wo wir einfach zum zweiten Mal an diesem Tag Sex hatten. (pp)

 

22. Dezember 2021

ich spiele mit dem gedanken im nächsten lockdown kamelinden zu züchten (nor)

21. Dezember 2021

(Hamburg) warten auf ergebnisse von pcr-tests – nervöses unbehagen. ich erinnere mich an das eher hysterisch nervöse warten auf die bescherung am weihnachtsabend: wir kinder wurden zwecks auslüftung und nervenberuhigung (nicht nur bei uns) zu einem längeren spaziergang mit vater fortgeschickt. der bruder wirft sich nach kurzer wegstrecke, mit erkennendem entsetzen, verzweifelt zu boden und brüllt: „wir gehen ja immer weiter weg von der bescherung!“ schöne raum/zeit problematik (nor)

 

21. Dezember 2021

(Berlin) Morgen reisen wir ab. Meine Freude hält sich in Grenzen. Ich fange langsam an zu packen, u.a. Geschenke, die ich nicht gleich dorthin habe schicken lassen. Rippe DVDs, weil dort der Empfang für Streaming nicht so gut ist. Ob ich Häkelsachen mitnehme, überlege ich mir noch. Erledige Papierkram.
Packe ein Buch für eine ungeimpfte Freundin – oder wohl eher mittlerweile Bekannte? – ein, dass ich heute noch wegbringen will. Frankiert ist es online, also gibt es kein Zurück mehr. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen, das letzte Mal im Frühjahr. Damals wollte sie nach Israel fliegen, um sich impfen zu lassen und hat mich gedrängt, meine Hausärztin zu fragen. Sobald es problemlos möglich war, hatte sie dann aber 1000 Ausreden. Gemeldet hat sie sich von sich aus nicht mehr. Ich auch nicht, bis vor ihrem Geburtstag Anfang Dezember. Ich schickte ich schon Tage vorher ein Buch, dabei wohnt sie nur ein paar Straßen weiter.
Als ich diese Woche beim Optiker war, stand sie da und war vor mir dran. Ich war überhaupt nicht überrascht, schließlich ist dafür nicht 2G oder 3G nötig. Sie sagte dem Personal, dass wir befreundet sind – oder seien? –, damit ich schon früher in den Laden konnte. Mir war es peinlich und unangenehm, ich wollte gar nicht mit ihr zusammen im Laden sein, aber natürlich wollte ich nichts dagegen sagen, obwohl ich es gar nicht eilig hatte. Drinnen war ich kurz davor, dem Angestellten zuzuflüstern: «Sie ist nicht geimpft!» Sie sind dort sehr vorsichtig, man kann die Kunden an einer Hand abzählen, und sobald es mehr werden, schreit jemand zum Einlasser: «Es wird zu voll!»
Hinterher sagte ich ihr, dass ich es nicht verstehe, dass sie jetzt diese Impfung nicht machen will, wo sie sich jahrelang alles eingeworfen hat. Es gab verschiedene Antworten: Allergisch auf Impfung gewesen; Impfung schon angefragt, aber erst im Februar möglich; Hausärztin umgezogen und ich kann mich nicht von wildfremden Leuten irgendwo impfen lassen; ich isoliere mich ja; ich habe auch mit 2G keine Lust auf Restaurant; mein Körper …, etc. pp.
Fand das ganze Treffen sehr schräg und schade, was aus unserer Beziehung geworden ist, insbesondere da ich einen Pullover, den sie mir vor Ewigkeiten mal geschenkt und ich nie getragen hatte, jetzt erst für mich entdeckt und total oft an habe. Also, weil ich es eh schon überlegt hatte, schicke ich ihr jetzt auch etwas zu Weihnachten.
Meine Mutter teilte mir mit, dass meine ungeimpfte Cousine bei ihr war, sie hatte sich angemeldet. Ihre Eltern sind geimpft bzw. geboostert, das ist ja schon mal was. Als sie ging, sagte sie, dass sie nächste Woche nochmal vorbei kommt, wenn ich da bin. NEIN, NEIN, NEIN!!! Was soll das bringen?! Jeder macht dem anderen Vorwürfe und weiß es besser als der andere. Meine Mutter meinte, sie könne sich ja bei mir melden und was ausmachen. Hoffentlich schaffe ich es, ihr zu sagen, was ich von einem Treffen halte.
Vermutlich werde ich ghosten, und sie wird mich so lange anschreiben bis sie einfach nur ankündigt, wann sie kommt und erst dann werde ich reagieren. Ich habe gerade ein Déja-Vu, weiß aber nicht mehr, wann genau das schonmal so war.
Vielleicht habe ich einfach Glück und es gibt neue Kontaktbeschränkungen. Meine Laune steigt. Ich höre den Sampler «The Sun Shines Here – The Roots Of Indie-Pop 1980-84». (pp)

20. Dezember 2021

(Berlin) Letzten Freitag nachts wurde das rote Mohair-Tuch für W. fertig, ich habe sogar alle Fädchen selber vernäht. Am Samstag war die Übergabe, ich wollte nicht mehr bis Weihnachten warten. Es war die reinste aller Freuden, die mir von W. entgegenschlug – dafür hat sich die ganze Arbeit auf jeden Fall gelohnt. Es ist sehr voluminös und ich habe keine Lust, es mit zu meinen Eltern zu schleppen. Gestern haben wir einen Freund von W. getroffen, der bald bei PRADA anfängt. Ich habe ihm gesagt, sie sollen mich anrufen, wenn sie was gehäkelt brauchen.

Meinem Vater ging es ganz gut im Krankenhaus. Sie machten allerhand Checks mit ihm und konnten nichts Neues oder Auffälliges feststellen. In der Nähe des Krankenhauses gibt es eine JVA und für deren Insassen ein extra Zimmer im Krankenhaus, in dem ein Kämmerchen für einen Wachpolizisten integriert ist. In diesem Zimmer war er gelandet. Er sagte, wenn er raus geht, kann er in das Rondell schauen und es ist niemand unterwegs wie die letzten Male als er dort war und es fühlt sich komisch an. Gestern kam er wieder raus und liest Zeitung auf dem Sofa.

Die ersten bestellten Weihnachtsgeschenke trudeln ein. Ich bestelle sie online und lasse sie direkt zu meiner Mutter schicken, das erspart mir viel Arbeit. Das mache ich schon lange so.

Am Montag fahren wir. Wenn doch Kontaktbeschränkungen kommen, sind wir schon dort. Und wenn die nächste Welle kommt, sind wir hoffentlich zurück. Heil. Gesund. Munter.

Manchmal möchte ich unangemeldet bei einer Engtanzparty von ungetesteten Ungeimpften auftauchen, damit ich das Ganze schnell hinter mich bringe – es heißt ja mittlerweile, dass sich jede*r damit infizieren wird und die Frage nur ist: Wann? Ich weiß natürlich, dass eine Impfung als eine kontrollierte Infektion zählt, aber wie oft werden wir noch rennen und nachrechnen, wie lange der Schutz hält?

Gestern waren wir bei einem Weihnachtskonzert – ganz, ganz großartig. Mit Orgel, Gesangsquartett und einem gemischter Chor. Zum Schluß kam der Andachtsjodler, begleitet von einer Leier. Es wurde anfangs gebeten, hinterher nicht zu klatschen, sondern das Konzert in Stille ausklingen zu lassen. Nach dem Jodler klatschte die Hälfte der Gäste – umso kräftiger, als die andere Hälfte still blieb. Vielleicht hätte man die Ansage auch auf Englisch machen sollen? Ich fühlte mich jedenfalls wie in den Alpen. Ich habe danach sogar Glögg mit Wodka drin getrunken.

Ich hatte vergessen, meinen Wecker zu stellen und bin heute zum Glück ziemlich pünktlich zur Arbeit wieder aufgewacht und habe mich sofort zum ZOOM-Meeting eingeloggt. Nebenbei rippe ich seit Tagen «Peter Steiners Theaterstadl» für meine Eltern ein, damit sie es per Stick an ihrem Fernseher sehen können. Schon ein bisschen gruselig. Ich rede mir ein, dass es ja eine «Volksbühne», also in irgendeiner Hinsicht auch der in Berlin ähnlich, ist.

Ich bin auf das Gratis-Streaming-Angebot der Öffentlichen Bibliotheken gestoßen. Und dort auf den Sampler: «Scared to Get happy: A Story of Indie-Pop 1980-89». Als ich google, kommen der Fachbegriff «Cherophobia» ganz oben als Treffer und «Too scared to get covid-test» als Suchvorschlag. (pp)

 

20. Dezember 2021

(Berlin (wt))

20. Dezember 2021

(Hamburg) die warnapp leuchtet festlich dunkelrot. (nor)

15. Dezember 2021

(Berlin) Wieder ein Jahr ohne eine offizielle große Präsenzweihnachtsfeier. Was mir egal ist, bringt andere erst so richtig in Fahrt: Es wird Eisstockschießen am See im großen Park nur für die Abteilung daraus. Am Morgen ist alles verschneit. Ich habe keine Lust auf die Feier, aber total Bock auf Schneewanderung. Also schubse ich mich aus dem Haus, drängle mich in die Bahn, in die Gegend wo man mich erwartet – trotz der neuen Virusvariante. Ich steige schon früher aus, damit ich möglichst lange durch den verschneiten Park laufen kann, das macht auch im Dunkeln noch Spaß. Ich komme pünktlich zum Eisstockschießen an, loose aber voll ab. In der Kur war ich der King der Kugeln beim Boccia, aber das Ding hier ist eine andere Nummer, meine Eisstöcke kommen gerade mal bis zur Mitte der Bahn. Es ist mir egal und ich weiß, dass man es mir anmerkt. Ich trinke nur den Kinderpunsch und es wird einfach nicht lustig. Die Chefin hat für jeden Tütchen gemacht und selber Schoko-Makronen gebacken, das finde ich süß; zwei Kolleg:innen umarmen sie spontan. Bäh! Zuerst will ich keine Wurst essen, dann esse ich doch eine. Man steht um brennende Holzscheite in einem Gitterverschlag. Nach zwei Stunden schaffe ich endlich den Absprung.

Ich schaue «Breaking Bad», häkele das rote Mohairtuch für W. fertig und vernähe alle Fädchen selber, anstatt es ihm zu überlassen. Ich esse alle Schoko-Makronen auf und falle todmüde ins Bett.

Um 9:17 ruft mich mein Bruder an, um mir zu sagen, dass mein Vater zusammengeklappt ist. Er saß auf dem Sofa und war einige Zeit lang nicht ansprechbar. Eine Stunde später erzählt mir meine Mutter die ganze Geschichte. Er hatte am Tag zuvor Schnee geschaufelt und abends ein bisschen Temperatur. Natürlich wollte er trotzdem ein bisschen rausgehen, hat sich aber an das Verbot meiner Mutter gehalten. Heute fühlte er sich morgens schon nicht gut und nahm nochmal eine Paracetamol. Irgendwann hat er nicht mehr reagiert. Meine Mutter und mein Bruder zerrten an ihm herum und er kam wieder zu sich. Er wusste alles und bevor er in den Krankenwagen stieg ist er selbständig auf die Toilette. Meine Mutter bringt ihm später Sachen. Sie sagt, ich brauche erstmal nicht früher kommen, denn man darf sowieso nicht ins Krankenhaus zu ihm. Außer … Ich heule ein bisschen am Telefon. Ich esse den supersüßen Kuchen von vor zwei Tagen auf, den ich eigentlich wegschmeißen wollte, und weiteren Schokokram, der so rumliegt. «Die Nerven müssen in Fett gebettet sein!» sagte meine Großmutter immer.

Ich buche einen Badetermin für folgenden Dienstag, in der Hoffnung, dass ich nicht vorzeitig abreisen muss.

Ich schreibe einen Minibeitrag über das, was mich beim Blick auf 2022 zuversichtlich stimmt, zu Ende.

Ich fange an, die Aufzeichnung der ins Netz verlegten großen Weihnachtsfeier zu glotzen. «Wer nicht genug bekommen kann, kann sich die Aufzeichnung in Dauerschleife anschauen, die ganzen Feiertage durch.» (pp)

13. Dezember 2021

(Berlin) Lounge-Tag. Wannenbad, Jahnn-Lektüre, mich von Klingbeil nerven lassen, beschwingt zu Le Grand Kallé dem Staubsauger hinterher gelaufen (Miele, der Wahnsinn), Rosenkohl gezupft und Kartoffeln geschält. Und bei einem West-Telefonat wieder mal ganz kurz erklärt, dass hier in Berlin bislang wirklich keine Räterepublik existiert, der Müll zuverlässig entsorgt wird (sogar der wilde) und man auf den Straßen weiterhin viel Deutsch spricht (ok, in Mitte nicht so, da eher englisch). Und dass ich zwar die Linke wähle, gleichwohl aber nächtens keine Autos entzünde. Ich bin also besuchbar. (dl)

12. Dezember 2021

(sn)

8. Dezember 2021

Zwei Wochen lang heftige Reaktion auf den Booster. Jetzt ist es besser. - Gott, könnte ich Kohle machen als Märtyrer der Schwurbel-Bewegung.

Übrigens: Sich steigernde Affektausbrüche auf jener Seite der Barrikade legitimieren nicht die Steigerung der Affektausbrüche auf dieser Seite der Barrikade. (dl)
2. Dezember 2021

Oha, heute auf Zeit online: Immer mehr Deutsche verlieren Anschluss an Mittelschicht. Lustige Überschrift. Lustige Welt.

Ergänzen möchte ich noch diese Neuigkeit von Spiegel online: Plan der Ampelkoalition: Familien sollen 2000 Euro Zuschuss für Haushalthilfe erhalten

Arbeitsminister Hubertus Heil hat finanzielle Unterstützung für Familien angekündigt, die Haushalts- und Alltagshelfer beschäftigen. Ein Gutscheinsystem soll zugleich Schwarzarbeit unterbinden.

Alles sehr deutsch. Das Streben nach Mittelschicht und dann noch diese Idee, Familien 2000€ Zuschuss für Haushaltshilfe durch Gutscheine zu ermöglichen. Hauptsache die Gardinen sind gewaschen, die Fenster geputzt und der Boden gewienert. "Nach Heils Modell teilen sich Staat und Familie die Kosten für die Alltagshelfer: »40 Prozent werden durch den Zuschuss bezahlt, 60 Prozent von den Bürgern selbst.« Die Abrechnung soll mittels einer App geregelt werden, über die zertifizierte Firmen ihre Dienstleistungen anbieten können.“ Hubertus Heil checkt einfach GAR NICHTS. Menschen, die sich bisher keine Haushaltshilfe leisten konnten, werden es auch dann nicht können. Abrechnung per App – für manche nicht verständlich.

Was wirklich hilft – 2000 Euro direkt aufs Konto. Und nicht „Bedürftige Familien und Familien mit kleinem Einkommen erhalten im Monat August 2021 als zusätzliche Unterstützung in der Corona-Pandemie einen einmaligen Zuschlag in Höhe von 100 Euro.“

2000€ für eine glänzende Wohnung von Menschen, die sich eine Haushaltshilfe leisten können – prima. 100€ für arme Menschen – prima. Das ist fürchterlich. Wohin mit meiner Wut jetzt? 

Ich will nichts mit der Mittelschicht zu tun haben.  Wahrscheinlich gehöre ich auch noch zur Mittelschicht. Fickt euch doch.

Übrigens, der Milkaschokokalender ist jetzt unter der Pappe noch mit Alufolie verpackt. (js)

30. November 2021

Der Nachbarlandkreis von Hornwachte, in dem meine Eltern oft unterwegs sind, klettert über die 1000er-Marke. Ich kotze. Ich rufe meine Mutter an und bitte sie, vorsichtig zu sein. Ihr Booster-Termin wurde von Mitte Januar auf Anfang Dezember vorverlegt. Sie wurde gefragt, ob sie Moderna nehmen würde und sagte ja. Sie hat dann einmal die ganze Palette durch: AstraZeneca, BioNTech und Moderna.

Letzte Woche war sie bei meiner Tante, damit sie ihr die Haare eindreht. Es kam eine Nachricht von meiner Cousine: «Wir haben es jetzt geschafft.» Meine Tante schrieb zurück: «Was habt ihr geschafft?» Na was wohl? Die Impfung! Sie, aber vor allem ihr Mann, hatten sich standhaft geweigert und die immer gleichen, dummen Gegenargumente aufgefahren. Bis meine andere Tante anfing zu schreien: «Ja, so sind sie!» Und in ironischem Ton: «Ihr wählt bestimmt grün, oder?!» Es gab eine Untersuchung ihres Mannes bei der Arbeit, meine Mutter wusste mal wieder nicht so genau was, und danach haben sie sich impfen lassen. Also gut, ist das endlich abgeräumt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr absichtlich nicht zum Geburtstag gratuliert hatte und mir dachte, dass das vielleicht kontraproduktiv war. Vielleicht war so ein bisschen ignorante Ausgrenzung aber gar nicht so schlecht. Vermutlich war ihr einfach komplett egal, ob ich gratuliere oder nicht. Das sind doch mal gute Neuigkeiten und ich bekomme gute Laune, auch wenn ihre Impfung für diese Welle nicht mehr relevant ist.
Fehlt noch die andere Cousine – ob die einknickt? Sie ist eher agitatorisch unterwegs. Wenn ich mich aufregen will, gehe ich auf ihr Facebook-Profil, das ich stumm gestellt habe. «Ich bin gesund und darf nicht benachteiligt werden!» Vor Corona war es ihr Tierrechtsaktivismus, der mir geschredderte Tierchen oder Schlachthöfe präsentierte. Danach folgte ihr Ruf nach dem starken – meist deutschen – Mann, der die – natürlich schwache – Frau egal welcher Nationalität – und ihre Kinder zu verteidigen hat und sich nicht weiterhin verweichlichen lassen soll. Unterhaltsames oder Leichtes hat sie nie zu bieten, dabei ist sie von den Eltern finanziell bestens ausgestattet und kann entspannt auf ihr Millionenerbe warten. Und nebenbei Unfug machen und Verwirrung verbreiten. Wie bekomme ich raus, ob sie mittlerweile geimpft ist? Und ob ich mich bereits jetzt für ihre negative Charakterisierung schämen muss?

Ich habe zwar keine Lust am Wochenende zuhause zu bleiben, aber ich sage trotzdem alles ab. Eine Freundin ist bei einer Theaterproduktion dabei, mit «Angst» und «Nähe» im Titel. Bitte nicht! Nicht jetzt und vermutlich auch nicht später. Fühle mich schlecht nach der Absagemail und möchte den Kopf zwischen die Beine stecken. Das ist gerade meine bevorzugte Haltung. (pp)

 

24. November 2021

(Berlin) Am Sonntag wurden die Fädchen vernäht; von W., wie angekündigt. Ich saß daneben und fing mit einem roten Mohairtuch für ihn an. Ein besonders aufwendiges Muster, von dem man wegen des flusigen Mohairs gar nicht so viel sieht. Aber es soll so sein und es macht mehr Spaß als nur Stäbchen (D), Treble Crochet (UK) bzw. Double Crochet (USA) in verschiedenen Mengen zu häkeln, bis die letzte Runde laut Anleitung über 3 Meter lang ist, wie beim Poncho. Wir schauen nebenbei «Seinfeld», aber verstehen den Humor nicht. Ich hatte mal gelesen, es sei eine «Serie über nichts». Später läuft nebenbei «Grace & Frankie», das hatte ich lustiger in Erinnerung. Immerhin lachte Willi ein paar Mal, ich habe ja die erste Staffel schon gesehen.

Zwischen der Wollextravaganza waren wir kurz im Hallenbad. Neben dem Hallenbad wurde über das Freibad eine Traglufthalle gebaut, aber leider ist die am Wochenende gar nicht offen. In der Dusche zieht sich so gut wie niemand ganz aus – langweilig. Wir gehen nach einer Stunde schon wieder.

Ab morgen gilt bei der Arbeit 3G. Wir werden von der Security der Immobilie auf unsere Impfungen geprüft. Die Ungeimpften brauchen einen Nachweis vom Coronatestzelt. Ob ich das gut finde, gerade die an solche Orte zu schicken, wo sich sich um so eher gegenseitig anstecken können? Die beiden Weihnachtsfeiern fallen aus. Es werden Alternativen gesucht. Ob ich einen Online-Häkelkurs anbiete?

Ich habe einen Ruheraum entdeckt, der nicht in der Buchungsliste steht. Ich trage mich für jeden Tag ein, ich habe jetzt also quasi ein Einzelbüro. Ich bin heute den zweiten Tag hier und merke, dass ich mich erst daran gewöhnen muss. Gut ist schon mal, dass ich für Konferenzen nicht in eine Kabine rennen muss. Heute war zum Glück das Licht an – am ersten Tag habe ich den Lichtschalter nicht gefunden und saß die ganze Zeit im Halbdunkel. Ich habe jetzt wieder ein Schließfach hier, in dem ich eine pinke Decke lagere, denn regelmäßig funktioniert die Heizung nicht richtig, aber in dem Kabuff ist es eh wärmer und die Luft schlechter.

Ich steige von Pianomusik auf Orgelmusik um. Letzte Woche war ich in einer Ausstellung, in der Crosby, Stills, Nash & Young gespielt wurde. Schön und doch deprimierend! Trotzdem werde ich mir mehr davon besorgen.

Der Asiate nebenan ist teurer geworden. A1 kostet nicht mehr 5 Euro, sondern 6,50 Euro. Stehe draußen im Nieselregen und warte auf das Essen. Gerade als ich beschließe, mal kurz zu heulen kommt ein Kollege aus dem Café nebenan. Nicht einmal das klappt!

Heute gibt es sieben Mal das Wort «Tod» auf der Nachrichtenwebsite. «Todesfälle gestern», «Bodybuilding bis zum Tod», «Sie hungerten sich fast zu Tode für dieses Gespräch», «Tod auf der Taufe». Dazu noch «Vor 30 Jahren starb Freddie Mercury» und ein paar reguläre Todesfälle. Später stoße ich woanders auf einen Artikel «Promis, die nach wie vor leben und schöner sind als je zuvor». Es geht los mit Eva Herman. (pp)

23. November 2021

Im Traum werde ich in Siegen-Weidenau aus dem Zug geholt und darüber informiert, dass ich coronabedingt bis zum Frühling in Siegen bleiben müsse. Mein Einwand, dass ich im Büro nur Wechselwäsche für eine Woche habe, wird ignoriert. (dl)

20. November 2021

Ich glaube, irgendwas/-wer will testen, was alles erträglich ist.
Der Österreicher an sich glaubte ja, nach Ibiza kann es nicht mehr schlimmer werden, da ist aber gerade der Test noch nicht abgeschlossen, was alles noch geht.
Herr Herbert Kickl (der Chef der Faschistischen Partei Österreichs, FPÖ) hatte ja empfohlen, am besten würden Vitamine, ein gesunder Körper und ein Wurmmittel gegen Corona helfen. Jetzt ist er selber an Corona erkrankt und seine Frau liegt mit einer Überdosis des Wurmmittels auf der Intensivstation.
Der Österreicher an sich wird auch gerne als »Schluchtenscheißer« und/oder »Fetzenschädel« bezeichnet.
Ich distanziere mich ausdrücklich von diesem Land (sc)

18. November 2021

Gestern abend habe ich den Poncho fertig gehäkelt. Ich ging nach der Arbeit los, um doch noch ein hellblaues Knäuel zu holen. War zwar nur für ein paar Maschen, aber es musste sein und es lohnte sich. Der Kragen ist spitze geworden. Und die erste Staffel von «Morning Story» habe ich parallel ziemlich gleichzeitig geschafft, bevor ich ins Bett gefallen bin. Mein Freund hat versprochen, die Fädchen zu vernähen – viel Spaß damit! Heute morgen rechnete ich aus, wieviel Wolle ich verhäkelt habe und kam auf 2000 Meter. 2 KILOMETER!!!

 

Seit Jahren habe ich ein Provisorium im linken oberen Backenzahn. Lange Zeit hieß es: Erstmal drin lassen, solange nichts wegbricht. Meine erst vor kurzem abgeschlossene Zahnzusatzversicherung steigert sich eh erst von Jahr zu Jahr. Diesen Sommer wurde die neue Zahnärztin etwas dringlicher und ich ließ mir einen Kostenvoranschlag geben und von meiner Zusatzversicherung absegnen. Unter dem Beton war mittlerweile Karies. 

 

So ließ ich mir nach meiner dritten Impfung zwei Termine bei ihr geben und landete heute morgen bei einer Inzidenz von über 350 und einem unaufgeforderten Schnelltest auf dem Zahnärztinnenstuhl. Als wir kurz über den mehr oder weniger passenden Zeitpunkt sprachen, zuckte sie mit den Schultern und meinte, das ist halt jetzt so und dass in der Praxis alle geimpft sind und sich regelmäßig testen. Ob ich eine Betäubung wünsche? Ich erinnerte mich kurz an eine größere Bohrung vor ein paar Jahren ohne, nach der ich Wochen später noch traumatisiert war, und entschied mich dafür. Damals dachte ich: Wenn meine Freundin den Krebs aushalten kann, kann ich wohl ohne Betäubung einen Zahn gebohrt bekommen. Was für eine schräge Logik! Auf dem Stuhl hatte ich unvermittelt eine Textzeile von ABBA im Ohr: «If I had to do the same again, I would, my friend ...» 

 

Mal sehen, was ich trotz hoher Inzidenz noch hinbekomme. Ich könnte meine Fertilität testen lassen. Vor der Chemotherapie habe ich Sperma einfrieren lassen und für die Kühlung zahle ich seit ein paar Jahren schlappe 20 Euro im Monat. Dabei weiß ich nicht, ob es genug Material ist, weil ich nur einmal dort war – es war einfach zu schrecklich und gar nicht geil. 

 

Trotz der katastrophalen Lage fühle ich mich gerade nicht so komplett still gestellt wie letztes Jahr.

 

Gestern am späten Abend habe ich geschaut, ob es nicht einen früheren Termin zur Impfauffrischung für W. als den bei meiner Hausärztin Mitte Dezember gibt. Ich ging auf die Doctolib-Seite der Impfzentren. Während ich zwischen den einzelnen Orten hin und her klickte, konnte ich sehen, wie sich minütlich die Termine für BioNTech weiter verschoben. Ende November – Mitte Dezember – Anfang Januar – keine Terminvergabe mehr möglich. Als ich später mit W. telefonierte erzählte er mir, dass er bereits eine Impfauffrischung am frühen Abend für nächste Woche gebucht hatte.


Man kann jetzt nur noch mehr als sonst hoffen, dass man nicht ins Krankenhaus muss – egal wegen was. (pp)

 

12. November 2021
(Berlin) Jahrelang nervt der Herr K. aus dem Nachbarhaus mich mit seiner Meinung, dass über Migration durch eine „Volksabstimmung“ entschieden werden müsse. Heute nervte er mich zur Abwechslung mit seiner Meinung, dass die Umfragewerte bzgl. der Corona-Maßnahmen nur eines bewiesen: Die Deutschen seien ganz schlimme Untertanen. (dl)
 
12. November 2021

ich halte eine laudatio in der schulaula einer kleinstadt in norddeutschland vor 170 leuten plus noch 40 menschen eines chors. hier werden heute vier verschiedene preise vergeben, die veranstaltung ist völlig überflüssig aber sehr würdevoll.

ich reise am gleichen tag nach berlin, um dort eine lesung anzumoderieren, kombiniert sind textpassagen aus w-weltraum, dem kapsel magazin und geospekulationen. es passt noch besser als ich bei der vorbereitung dachte, und wir sind alle ganz begeistert. wir sind 15 personen. wegen der seuche stehen wir im freien. es regnet leise und ist angemessen kalt.

noch später lausche ich kurz einer anderen lesung mit rund 50 gästen, die in wenigen sekunden so viele klischees von eitlen, affigen, selbstzufriedenen, dummen kulturarbeitern zur aufführung bringt, dass ich nach 4 minuten den laden wieder verlasse.

 

9. November 2021

Corona-Traum. Ich war in einem Kino, was gleichzeitig auch eine Bar war. Eine Frau mit schwarzen langen Haaren - die mich kannte, ich kannte sie nicht - trat an mich heran. Sie begrüßte mich freundlich und bat mich ihr Glasauge aufzubewahren. Ich stimmte zu und tat es zum Kleingeld in mein Portemonnaie. Dann setzte ich mich in einen roten Kinositz. Plötzlich erschien Frank Sinatra als Platzanweiser und sagte, dass ich auf diesem Platz nicht sitzen könne. Der Hubschrauber, der über dem Kino kreiste und den ich erst in diesem Moment sah (das Kino war oben offen) hatte mich im Scheinwerfer. Sinatra setzte mich ganz nach rechts an den Rand, wo ein Pfeiler mit Spiegel die Sicht auf die gigantische Leinwand versperrte. Ich wies Sinatra darauf hin, der mich abermals umsetzte, diesmal in die letzte Reihe. Jetzt überprüfte Sinatra noch, ob auch all die übrigen Gäste die Abstandsregeln befolgten und parallel rechtfertigte er sich, warum er als großer Star (es war übrigens der ganz junge Sinatra) hier als Corona Platzanweiser tätig war. Ich hörte ihm nicht zu, weil es mich nicht interessierte. Welcher Film lief wusste ich übrigens auch nicht, da ich zum Filmstart erwachte. (JB)

 

9. November 2021

(Berlin) Montag und Dienstag hatte ich frei und habe Krempel erledigt, ein Bild für eine Benefizauktion abgegeben, damit ich nicht anwesend sein muss. Auf dem Weg dorthin war ich am Friedhof bei der verstorbenen Freundin und diesmal wurde ich nicht gestört.

Die nächsten beiden Tage hatte ich ein Kratzen im Hals und blieb im Home Office. Dann war Freitag und ich ging zur Arbeit, denn ich hielt es zuhause nicht mehr aus. Dort ging es nachmittags mit der Schniefnase los und abends war ich total verrotzt. Samstag früh wollte ich sicherheitshalber einen Coronaschnelltest machen, aber bei Beiden, die ich noch hatte, waren die Teststreifen falsch aufgeklebt und man konnte die nicht selber reparieren. Ich ging in die Apotheke und kaufte drei für stolze fünf Euro pro Stück! Zuhause testete ich mich – Corona negativ, wie von mir erwartet nach drei Impfungen. Ich googelte nach der Verfügbarkeit in der Drogerie, aber die in der Nähe hatten keine, nur eine, die mir zu weit weg war, sollte welche haben. W. hatte ich zum Glück nicht richtig – mit was auch immer – angesteckt. Ich wollte mir noch ein paar Tests auf Vorrat zulegen, falls ich am Wochenende öfter rausgehe als erwartet oder doch jemanden treffe, aber drei Apotheken in Laufweite haben samstags schon am frühen Nachmittag zu. Wie soll so eine Pandemie aufgehalten werden?!

Ich blieb brav zuhause und häkelte vor mich hin. Je fertiger der Poncho wird, desto sinnloser kommt es mir vor. Ich glotzte «Midnight Mass» weiter. Als klar wird, dass der Pfarrer in der Höhle den Teufel traf und verjüngt wurde, schalte ich ab. So ein Schmarrn! Ich versuche es mit «Sex Education», schaffe es aber keine drei Folgen. Auf den Bildern der Auktion sind nur wenige Menschen zu sehen, niemand trägt eine Maske; 2G war angekündigt. Sehr viele leere Stühle und der Versuch, das zu vertuschen. Ich melde mich für das Probeabo bei Apple TV an, weil ich die Serie über den Angstgestörten sehen möchte. Hier breche ich nach Folge 4 und mehreren Gesangseinlagen ab. Sie haben eine Serie mit heißen Astronauten im Angebot, aber die Handlung langweilt mich. Ich möchte eine Proust-Verfilmung schauen, aber die ist Französisch mit Untertiteln – dazu kann ich nicht häkeln. Schaue «Sinn und Sinnlichkeit» auf Netflix.
Am dritten Tag gehe ich in die Drogerie, wo es Tests geben soll, aber es gibt keine. Beim voll besetzten Asiaten sitzen die Rentner*innen schwatzend eng beisammen, als ob nichts wäre. Zuhause entdecke ich die Serie «Morning Show» und die ist der Knaller, mal sehen, ob ich sie in der Probewoche ganz durch schaffe.

Heute morgen belege ich für die Arbeit zwei Pan Bagnats mit hart gekochtem Ei, Tunfisch, Kapern, Tomaten, Zwiebeln. Den Knoblauch lasse ich weg. (pp)

 

 

8. November 2021

(Hamburg) Ich hab jetzt einen Wal im Portfolio. Der recht kleine Fond aus den Niederlanden bietet seit November dieses Jahres ein Investment in Naturkapital/Biodiversität und spekuliert auf die angekündigten Regularien der UN zur nachhaltigen Kapitalisierung der Ozeane. Der junge Wal mit einem Asset von 4 Mio. US Dollar, wurde vor kurzem in der mexikanischen Baja California gechipt und schwimmt jetzt für die kommenden 4-6 Jahre sein ökologisches Kapital ein. Jedes Jahr erzeugt das Tier dann ein Multiple X für das Verteilen von Biomasse. Möglich wurde diese Art der Geldanlage vor allem durch die erweiterten Bereiche des Umweltschadenversicherers (USV) BlueWave der OIC, der im Falle eines Abschusses oder Kollisionsschadens, aber auch bei Frassschäden durch Haie o.ä. für Verluste aufkommt. (DS)

3. November 2021

(Berlin) Es ist abends und ich sitze im Großraumbüro. In der Bürohälfte vor mir sitzt niemand mehr, hinter mir eine Person. Leider. Denn wäre ich alleine, könnte ich meine Häkelsachen auspacken. So fühlt es sich an wie bei Nighthawks. Ich höre Chilly Gonzales «Solo Piano» und schaue durchs regennasse Fenster auf den dunklen Innenhof. Vorhin stand noch ein Trampolin für Kinder in einem Garten etwas weiter weg. Am Nachmittag dachte ich: «Mal sehen, ob es das heute wegfliegt.» Heute ist ein Sturm, über dessen Namen sich der Deutsche Wetterdienst nicht ganz einig war. Tatsächlich wehte das Trampolin ein paar Stunden später zur Seite weg, hinter ein Häuschen und ich musste laut kreischen. Geflogen ist es aber leider – oder zum Glück – nicht. Wegen des Wetters waren heute noch weniger im Büro als sonst und so hat mich also kaum jemand gehört. Dass ausgerechnet ich zur Arbeit erscheine, hätte ich nicht gedacht, aber ich hielt es zuhause nicht mehr aus, wollte unbedingt raus und bin mit der BVG gekommen. Ich mache jedes Mal einen Test vorher, wie es meine Arbeitgeberin wünscht. Wir sollen den Test möglichst kurz vorher machen. Heute stand ich deswegen wieder Mal auf dem Sockel einer Statue an der Kirchenfassade nebenan. Als ich neben dem Steinfuß mit den abgebrochenen Zehen den Krempel auspacke, komme ich mir vor wie ein Junkie.

Ich bin mittlerweile Häkel-Junkie. Ich sitze abends stundenlang und häkel ohne zu essen oder zu trinken, einfach immer weiter. Ich glaube, dass ich deshalb schon abgenommen habe. Dazu schaue ich «You better call Saul», weil ich mittlerweile zu Serien über Männer in der Midlife-Crisis übergegangen bin. Entweder ich will noch die Runde fertig machen oder eine Folge schauen – und schon ist es wieder Mitternacht. Ich bin danach komplett am Ende und schlief die letzten paar Wochen wie ein Stein. Ich trenne mittlerweile viel auf, aber nicht jeden Fehler, denn ich bin nicht unsterblich. Ich arbeite an einem Poncho, der so farbig und voluminös ist, dass ich bezweifle, dass ich den jemals außer Haus anziehe.

Gestern habe ich die Affenpalme umgetopft, die gerade sehr gut gedeiht. Auf der erneuten Suche nach Sand habe ich festgestellt, dass mein Schlüssel für den Garten hinter dem Querhaus nicht mehr funktioniert und bin deshalb zum Baumarkt gefahren. Sand gibt es nur in 25-Kilo-Säcken für den Sandkasten oder als Vogelsand. Auf dem Rückweg sehe ich auf dem Fahrradweg zwei riesige weiße Farbflecken vor mir und denke: Ah, da war wohl auch jemand im Baumarkt. Und als ich drüber fahre stelle ich fest, dass die Farbe nicht trocken ist und spritzt. Also habe ich nach dem Umtopfen – hoffentlich übersteht das Pälmchen es – Farbspritzer vom Rad gewaschen und noch ein paar Runden gehäkelt zum Frustabbau. (pp)

3. November 2021

(fdb), Hamburg

27. Oktober 2021

(Hamburg)
pause von den fsj-lern vorm seemannsheim. die sind anstrengend. jedes jahr das gleiche. alles muss man erklären, sogar kaffee kochen. dem schülerpraktikant, der auch noch dabei ist, wurde jetzt sogar kaffeestop erteilt. der ist eh schon so aufgeweckt mit 14, ein kaffee pro tag, mehr nicht. ein weisser kastenwagen mit frankfurter kennzeichen parkt ein. ein vollbärtiger typ steigt aus und kommt direkt, ein bein nachziehend, auf uns zu und motzt: „so ein leben will ich auch mal haben, habt ihr nichts zu tun!“ er will wissen, was das seemannsheim ist und ob die nutten mit auf's zimmer dürfen. wir weisen auf das schild über der tür, da steht: christliche seefahrt. hier kommen nur fahrende seeleute unter, keine vergnügungssüchtigen kapitäne. er war vor 20 jahren bei der marine. jaja, die marine. da lachen die seeleute von den kontainerschiffen drüber, das ist ja wie kreuzfahrt. nene, vor zwanzig jahren waren das noch dreierbetten mit 18 mann in einer kabine ... das hat gestunken in der karibik bei 50 grad. er will jetzt gleich die tauben vom hochhaus gegenüber abholen. sein job ist die im taunus wieder auszuwildern. die entfernung reicht für die stadtviecher, von dort finden die nicht zurück. (mit einer brieftaube ginge das nicht). „wollt ihr n bier?“ ist viel zu früh und er hätte mal lieber einen äppelwoi mitbringen können frotzeln wir. während der typ sich ein felsenbräu aus einem halbleeren kasten von seiner pritsche zieht, schichtet er gleichzeitig tauben von eurobehälter zu eurobehälter. schlurft wieder zu uns rüber und hält uns ein vergilbtes plastikfläschchen hin. bitte nicht so nah. von dem typ kommt bestimmt die nächste zoonose in umlauf. taube, bier, taunus, frankfurt-hamburg und wo er sonst noch rumjaucht. „ist anis, die stehen drauf, alle viecher!“ erklärt er den inhalt des fläschchens. er lockt damit die tauben in die fallen. angeblich steht auch mal ein hirsch am taubenschlag und reibt sich. auf dem weg zum Kristall Tower dreht er sich noch einmal um: „nächstes mal bringe ich euch ne flasche mit!“ (sr)

21. Oktober 2021

(fdb)

21. Oktober 2021

(fdb)

19. Oktober 2021

der räuber gab sich als kammerjäger aus und komplementierte tochter und vater auf den balkon hinaus, nur für einen halbe stunde, dann wäre das gröbste getan, es sei schließlich ungesund. nach ablauf der 30 minuten ist kein mensch mehr in der wohnung, kein räuber und kein kammerjäger, aber der tresor ist weg - warum gibt es tragbare tresore? - egal. man stelle sich nun die frustration des räubers vor, der den tresor öffnet und darin befinden sich neben einer goldenen uhr mehrere bundesverdienstkreuze. (nor)

18. Oktober 2021

(Berlin)
Ich sitze seit seit ein paar Wochen erstmals wieder im Büro. Ich kam zu spät. Deswegen habe ich erstmal auf dem am Eingang ausliegenden Selbsttest großzügig verzichtet. Allerdings blöd, dass der Personaler gleich sein Büro in der Nähe hat und meine Zögerlichkeit gesehen hat. Außerdem fühlte ich mich unwohl, obwohl in der Liste der entnommenen Tests weit weniger Namen standen als Leute anwesend sind, d. h. entweder haben sie sich außerhalb getestet oder sie sind ungetestet. In der Mittagspause war ich deshalb schnell in einem Coronaladen und es war Gottseidank nichts. Dafür ist die Wahrscheinlichkeit, es sich dort zu holen bestimmt sehr hoch. Aber egal. Bei der Arbeit steht das Buch eines Schiedsrichters bei mir in der Nähe im Regal: «Ich pfeife auf den Tod!»

Ich war bei meinen Eltern, ganze zehn Tage lang. Nach ein paar Tagen schaute ich, ob es frühere Züge gibt und überlegte, wie ich aus der Nummer raus komme, aber dieser Wunsch ließ schnell nach. Ich fand alte Wolle und fing an zu häkeln, während meine Eltern vor dem Fernseher schliefen. Oder auch mal zwischendrin zum Stressabbau. Eine Jacke wurde es oder besser: ein Fetzen in Granny Square-Technik. Ich häkele noch an den Bündchen. Das Tragen macht Spaß und ich fühle mich meiner Mutter nahe, wenn ich das Teil anhabe. Es ist fürs Büro gedacht, weil es hier gerne mal kalt ist.

Mit meinem Vater machte ich Fahrradtouren und eine zeichnete ich in der Komoot-App auf. Mit meinem Bruder schaute ich zwei Filme, einer davon war «Lang lebe Ned Devine». Danach spielte ich gleich Lotto auf dem Handy – ich habe nichts gewonnen.

Einen Film schauten wir am letzten Abend und danach häkelte ich einfach ein bisschen in meinem Zimmer weiter; ich hatte keine Lust nach unten zu gehen und meine Eltern beim Schlafen vor dem Fernseher zu beobachten. Als sie später hoch kamen meinte meine Mutter, wo ich gewesen sei, sie hätten auf mich gewartet.

Am nächsten Tag fuhren sie mich zum Bus, denn der Bahnhof, wo ich immer aussteige, war in der Gegenrichtung gesperrt und zum anderen Bahnhof will mein Vater nicht mehr fahren, weil sich an den Fahrradspuren was verändert hat und ihm das zu blöd ist. 

Als wir hinterher telefonieren, höre ich nicht wie sonst, wie schön es war, dass ich da war und dass bald wieder kommen soll. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein und sie hat es gesagt. Es war diesmal anstrengender als sonst – für alle. Es gab einiges zu erledigen, von dem meine Mutter entweder meint, dass es nicht zu erledigen sei oder sie es nicht machen will oder sie es einfach nicht mehr machen kann, weil ihr irgendwas weh tut.

Ich fing dort an, ein Buch über «Befreiung von Schuld und Scham» zu lesen, als EBook von der öffentlichen Bibliothek ausgeliehen. Heute morgen lass ich als Anzeige auf dem Handy in aller Eile: «Schuld und Scham verfällt in Kürze».  (pp)

26. September 2021

(Hamburg / Berlin) Der noroomgalerist trägt während des "Kultursommers" die "Asphalt-Fashion“ der Modekünstlerin Gloria Brillowska (txm))

24. September 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

Versicherungswerbung für die „Sterbevorsorge Komfort mit Flex-Option“
(Heute ist schlecht) (pp)

16. September 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Berlin)
Mit meiner schwer an Demenz erkrankten Schwester im Restaurant. Sie steht manchmal unvermittelt auf und läuft herum. Sie spricht schon lange nicht mehr mit mir, sondern zu einer Puppe, die offenbar aus den Tiefen der Kindheit zu ihr fand. Sie kann nicht mehr mit Messer und Gabel essen, also füttere ich sie. Sie isst gerne. Sie reagiert positiv auf Geruch und Geschmack. Und auf meine Anwesenheit, auch wenn sie nicht mehr weiß, dass ich ihr Bruder bin. Sie ist meist ganz ruhig in einer Welt, die sie maßlos überfordern muss. Eine Frau kommt zu uns an den Tisch, um mitzuteilen, dass wir ihren Hochzeitstag ruiniert haben. Auf den sie sich so gefreut habe. Sie ist ganz außer sich, dass wir nicht in unseren „privaten Räumen“ geblieben sind, wo wir niemanden durch unseren Anblick „stören“. Das müsse doch nicht sein. Wir seien doch nicht alleine auf der Welt. Ich bin müde und sage ihr, ich sei froh, dass ihr Auftritt meine Schwester nicht erreiche. Tatsächlich habe ich Angst, dass sie die vergiftete Stimmung eben doch spürt. (dl)

13. September 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Berlin)
Es ist soweit: Ich habe mir nicht nur überlegt, wieder im Büro zu arbeiten, sondern tue es tatsächlich. Letzte Woche gab es einen Umtrunk der Firma im Park, da habe ich noch allen erzählt, dass ich schon gar nicht mehr darüber nachdenke, wieder vom Büro aus zu arbeiten. Ein paar Tage später packte mich aber die seltsame Vorahnung, dass ich, wenn ich es nicht bald doch tue, es vielleicht nie wieder schaffe, sondern wenn es mal soweit ist, Panikattacken oder noch ganz andere Macken bekomme.

Bei uns muss man sich, wenn man denn kommen will, in eine Excel-Tabelle für den jeweiligen Tag für einen ganz bestimmten Tisch eintragen, so ähnlich wie bei der Sitzplatzreservierung bei der Bahn. Letzte Woche war für heute noch so viel frei, dass ich mich gar nicht entscheiden konnte, wo der beste Platz für mich ist. Gestern abend war die Liste bis auf einen Platz komplett voll und meine Entscheidung wurde mir abgenommen.

Ich habe nur so halb gut geschlafen und auch daran gedacht, ob es nötig ist, einen Test zu machen. Heute morgen habe ich mir einen Salat in eine Tupperdose geschnippelt, denn die Kantine, die wir immer benutzen konnten, hat mittlerweile dicht gemacht und wird nicht mehr aufmachen. Rechner, Mouse, Ladekabel zusammen mit einem Pullover und Jäckchen – bei uns ist es oft recht kalt – in den Rucksack gestopft und los mit dem Fahrrad.

Ich hatte der Büroassistenz am Morgen noch schnell geschrieben und sie antwortete mir, dass man nicht offiziell einen Test braucht, dass man aber einen Schnelltest am Eingang machen kann. Also eher ein Gebot, an das ich mich besser halte. Ich halte auf dem Weg an einem Covid-Pavillon auf dem Bürgersteig und mache den lieber gleich dort, denn ich habe noch nie einen Schnelltest selber gemacht. Bis ich vor dem Büro angekommen bin, ist das Ergebnis da: negativ, puh. Ein Test ist jedes Mal ein bisschen Stress für mich.

Meine Einlasskarte funktioniert nicht mehr; zum Glück nimmt mich eine Kollegin mit rein. Drinnen bekomme ich eine neue Karte. Mein Tisch ist hinter einem kleinen Regal, das glaube ich noch nicht da war, als ich das letzte Mal hier gearbeitet habe, also vor über zwei Jahren. Ich stelle meinen mitgebrachten Kram auf und das WLAN läuft sofort. Ein Monitor steht auch hier, zuhause bin ich immer zu faul, den anzuschließen. Ich überlege mir, wo ich hingehe, wenn wir Konferenz haben und entscheide mich für eine Telefonkabine. Ich frage sicherheitshalber nochmal nach und meine Entscheidung war richtig. Ich muss mich auch dafür eintragen, damit niemand anderes diese Kabine mehr benutzt. Ich hoffe, dass sie niemand mal kurz zwischendurch benutzt hat, ohne sich einzutragen. Und halte gleichzeitig diese Befürchtung für etwas übertrieben. Ich konnte die Kabine nicht richtig beobachten, weil sie hinter einer Säule liegt, aber ich denke, es war mindestens eine Stunde vorher niemand drin. Es wird ein Investitionsantrag gestellt, damit ich ein Headset bekomme, dann kann ich auch im Großraumbüro bleiben zum konferieren.

Ich gehe den Stapel Ankündigungspost durch und beschließe alles, auf dem 2020 steht, sofort wegzuschmeißen. Ich suche mir Tische für morgen und Montag aus und reserviere sie.
(pp)

2. September 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

Sprachnachricht vom 2. September 2021 um 19:00 
«Ich hasse ja Sprachnachrichten eigentlich, aber ich muss es jetzt einfach rausbrüllen. Ich bin zu Françoise gefahren. Ich gehe den Berg hoch und laufe prompt in ein Kamerateam, die natürlich am Grab von Rio Reiser rumfilmen und irgendwas über ein Pärchen im mittleren Alter machen.
«Ja und die Gebrüder Grimm, die liegen doch hier auch irgendwo?» sagt jemand von denen.
Ich denke mir: Scheiß auf die, ihr müsst Françoise filmen, sage aber nichts, gehe weiter zum Grab und beobachte sie. Dann kommen sie hoch und die Producerin sagt: «So, jetzt gehen wir hoch und links» und ich denke mir: Jaja, jetzt kommen sie zum wichtigen Teil.
Es schaut dann aber doch nicht so aus und ich rufe ihnen zu: «Hallo, hier liegt Françoise Cactus, die müsst ihr filmen!»
«Ach ja, was, Françoise?»
Die Portraitierte und der Typ kommen her und sie so: «Oh, yeah, she was a funny one.»
Ich dann nochmal zur Producerin: «Hallo, hier das Grab von Françoise!»
«Ach ja, echt, jaja, es müsste so ein halbes Jahr her sein.»
«Ja, die müsst ihr filmen.»
«Hmm, hmm …» und sie winkt ab, die blöde Kuh. Ich kotze!
Ich hab sie gefragt, was sie überhaupt filmen.
«Wir portraitieren ja diese beiden Bartender.»
«Für arte?»
«Nee, nee, für ‘ne App.»
Ich hab aber schon gemerkt, dass sie nichts erzählen will und hatte auch keinen Bock drauf. Es macht mich nur aggressiv, weil Françoise bestimmt Tausende von Euro in deren scheiß Bars versenkt hat und jetzt nichtmal in diesem blöden Feature vorkommt. Aber wer weiß, es ist vielleicht besser so. Alright, ich beende meine Rants hier. Bis später, ciao!»

Sprachnachricht vom 2. September um 19.01
«Ich stelle mir gerade vor, wie sich Françoise mit diesen beiden Trantüten vor zehn oder zwanzig Jahren in einer Bar mal angelegt hat und sie zum Teufel geschickt hat. [Lachen] Ciao!»
(pp)

30. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

Oberpräsident*in (fn)

28. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Berlin)
Nachdem ich «Hard-boiled Hard Luck», «Erinnerungen aus der Sackgasse», «Lebensgeister», «Sly»,  «Kitchen», «Eidechse», «N•P»,«Der See» und «Federkleid» gelesen hatte und gerade dabei war «Ihre Nacht» zu lesen, erschien mir Banana Yoshimoto diese Woche nun im Traum.
Ich hatte eines ihrer Merchandising-Amulette gekauft und sie sagte zu mir: «Hör auf damit – es reicht jetzt!»
Ich tat wie befohlen und werde den Rest ungelesen zurückgeben.
Ich lese jetzt «Nachsommer» von Adalbert Stifter. Das Buch wurde mir vor einiger Zeit schon als Midlife-Crisis-Roman empfohlen.
(pp)

25. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

Vielleicht sollte ich mir einen weiteren Nebenjob suchen.
Vielleicht sollte ich nicht eine Woche krank sein um kein Geld in der Kita zu verdienen.
Vielleicht sollte ich mich nicht ausruhen, weil ich meine Regel habe.
Vielleicht sollte ich nicht diesen heutigen Vormittag dazu genutzt haben um
Aufzuräumen
Zu saugen
Zu spülen obwohl M gesagt hat, mach das alles nicht, bitte
Zu merken, dass ich es manchmal aber trotzdem machen will
Zu merken, dass saugen mich verrückt macht (laut, nervig)
Zu überlegen ob das besser wäre, es M machen zu lassen
Zu überlegen ob man nicht auch einfach mal zu Hause sein darf
Zu überlegen ob es ok ist, auf keinen Fall eine Putzkraft haben zu wollen
Zu überlegen ob das ein Arbeiterklassending ist
Bei ebay Kleinanzeigen nach grünen Schnürschuhen für L zu suchen
Bei ebay Kleinanzeigen nach Herbstschuhen zu suchen
Bei ebay Kleinanzeigen nach Gummistiefeln zu suchen
Zu sitzen und einen Fencheltee zu trinken und kurz die Rückenschmerzen spüren
Wäsche zu waschen
Ls Sneakers doch wegzuschmeißen
Radio zu hören wegen Charlie Watts (Tod)
Meine Finanzen zu checken
Zu überlegen, wie ich das Festival am Wochenende fotografiere
Zu überlegen, wie ich das finde am Wochenende auf ein Festival zu fahren, weil es regnen wird
H schreiben wegen des offenen Briefes an die Bundesregierung, wegen Afghanistan
Kitakolleginnen einzuladen zu Hayatos Tisch (Planten un Bloomen, bald)
Zu überlegen, was für eine Art Nebenjob ich machen könnte neben Kunst, Schreiben, Lehrauftrag, Kitajob und Leben
L zum Balettprobetraining anmelden, wo er heute unbedingt hinwill
Ls Sachen aus der Wohnung in sein Zimmer zu bringen und das nicht aufräumen
Zu überlegen wie diese lange Reise nächstes Jahr wohl wird
Zu überlegen ob wir doch noch die Maus haben, weil Köttel gesehen
Zu überlegen, was ich esse
Zu überlegen, ob wir L nächstes Jahr einen neuen oder gebrauchten Schulranzen kaufen
Zu überlegen, was Risiko ist und was Notwendigkeit
Zu überlegen, was ich mit den Bildern von der IAA mache
Zu überlegen, ob das einfacher wäre, wenn ich Budget für diese Bilder hätte (ja)
Zu fühlen, was es für ein großes Glück ist, L jeden Tag zu sehen, zu SEHEN
Zu fragen, warum es meiner Mama so schwer fällt mich zu SEHEN
Zu überlegen, wen ich im September wähle
Zu überlegen, ob ich Aktivistin sein sollte, wegen Afghanistan und Klimawandel
Zu überlegen, ob nicht Enissa Amani die korrekte Bundeskanzlerin wäre
Zu überlegen, ob ich jetzt für die Lesung im September übe
Zu überlegen, ob ich jetzt Perecs „Träume von Räumen“ lese
Zu überlegen ob das schon jetzt meine Kunst ist
Zu überlegen ob das Biografische, das IMMER in der Kunst steckt, verdeckt werden sollte
Zu überlegen ob das die Künstler*innen schützt
Zu überlegen vor wem man sich überhaupt schützen muss
(js)

17. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Dänemark)
In Dk gibt es keine Maskenpflicht, aber alle Hunde werden hier an der Leine geführt, auch im Wasser. Die Leinen sind viele Meter lang: Frau steht mit angeleintem Hund im tiefen Wasser. Hund schwimmt richtung Land erreicht den Strand aber nicht, weil die Leine nun doch zu kurz ist. Hund schwimmt an der gespannten Leine auf der Stelle, während die Frau das Abendlicht überm Meer bewundert. (nor)

15. August 2021

Rahel Bruns, Wagentourette

11. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Zürich)
Beim Aufwachen kurze Irritation: Bunte Farben, Spielzeug, Kuscheltiere. Die kleine L. schläft bei den Eltern und hat mir freundlicherweise ihr Bett überlassen. Wir sind in Zürich, wo gestern R.s letzter Kindergeburtstag war und die Feier im Park wie üblich in ein Grillfest der Kulturschaffenden überging. Das Gespräch bei sehr dunklen Würstchen und Schaumwein ging unter Anderem um Faszination und Schrecken der Luftfahrt. Jetzt ist früher Morgen, alle schlafen noch, nur ich liege wach, etwas dehydriert und mit leichtem Druck im Kopf. Ich trinke reichlich Wasser, dusche, räume die Kuscheltiere mit ihren toten Augen beiseite und lege mich wieder hin. Nach einer Weile Dösen denke ich schade, das wird nichts mehr, ich sollte besser aufstehen. Aber dann sehe ich den Schlaf, er ist schon ganz nah. Im Sinkflug geht es in die Wolken, das Kopfweh ist weg, um mich nur noch flauschiges Weiß.
Mittags wollen die frischgebackenen Teenager (N. ist auch kürzlich 13 geworden) Muffins backen. Dazu heizen sie den Ofen auf Maximaltemperatur vor und rühren »nach Gefühl« wahllos Zutaten zu einer klumpigen, sehr flüssigen Pampe, die in Förmchen gegossen und gebacken wird, ebenfalls nach Gefühl. Das Ergebnis ist perfekt, innen wunderbar locker und außen mit einer leicht karamellisierten Kruste, in den Varianten »Schoko« und »Pizza«. N. verrät mir das Geheimnis dieses Erfolgs: Sehr wenig Mehl, dafür mehrere Päckchen Backpulver. (ow)

 

3. August 2021 Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

(Klintholm)
Der stolze Besitzer einer sehr großen Motoryacht lärmt im Hafen mit seinem Statussymbol herum. Geräuschvoll öffnet sich langsam die Heckklappe zu einer Art Garage für ein kleineres Motorboot, das nun aus dem Bauch oder besser Arsch des Mutterschiffs, auf krachenden und knarrenden Rollen, herausbefördert wird, begleitet von hochtourigem Sirren und Brummen der Elektronik. Nach 20 minütiger Ausfahrt, wird das Beiboot mit eben solchem langwierigen Getöse wieder dem großen Schiff einverleibt. Das große Schiff heißt: Sea Whisperer. (nor)

15. April 2021

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