»genau«
Gedichte, Bilder, Schautafeln, Tagebuch
1972 – 1989
Ein Album, herausgegeben von Annette Gilbert
In den letzten Jahren ist ein erneutes Interesse an einer poetischen Schreibweise zu beobachten, die sich den Praktiken des Zitierens, der Appropriation, bedient, um paradoxerweise etwas Ungesagtes, Subjektives aufscheinen zu lassen. Nicht nur, da ich in den 1970/80er Jahren innerhalb meiner heterogenen Schreib- und Genreübungen u. a. auch mit einem solchen Verfahren experimentierte, das ich – in Anlehnung an Marcel Duchamp – privatim Readymadetexte nannte, und da im Alter die Zeit des Aufräumens beginnt, habe ich mich entschlossen, mit dem hier vorgelegten Album eine zweite Kompilation meiner frühen poetischen Texte zu veranstalten. Die erste erschien 2011 unter dem Titel »und zwischen dazwischen und dazwischen und … Poetische Hefte und Zyklen 1979–1987« im Textem Verlag und versammelte meine damaligen Heftproduktionen – faksimiliert in Dieter Roth’scher Manier –, herausgegeben vom Literaturwissenschaftler und Spezialisten für Underground- und Selbstpublikationen Jan-Frederik Bandel. Für den Folgeband »genau« hat nun Annette Gilbert die Herausgeberschaft übernommen, gleichfalls Literaturwissenschaftlerin und herausragende Kennerin experimenteller Literatur und ihrer Ästhetiken, speziell der Appropriation. Gemeinsam haben wir aus einem Wust von Typoskripten und Gedrucktem eine Auswahl getroffen; denn nicht alles hat nach so langer Zeit noch Reiz und Bedeutung. Auch war der Zustand der Typoskripte oft bedenklich. Sie wurden teilweise mit Tipp-Ex bearbeitet oder handschriftlich korrigiert. Da uns trotz schwächelnder Vorlagen gerade bei den Kurzgedichten oder Text-Bild-Montagen nicht immer eine Umformatierung oder ein Neusatz angebracht erschienen, haben wir uns entschlossen, solche fragilen Textbilder in ihrem ›Naturzustand‹ zu reproduzieren, auch um den Albumcharakter der Publikation zu unterstreichen. Dieser manifestiert sich insgesamt in einem Durcheinander experimenteller Schreibweisen und ihrer jeweiligen Schriftbilder: Typoskripte, Umformatiertes, Publikationsscans, Fotokopien aus der Vor- und Frühgeschichte des Mediums etc. Ein- und Dreizeiler stehen neben längeren Prosagedichten, Text-Bild-Montagen neben Schautafeln oder ein Tagebuch aus Zitaten neben Texten zu Kunst. Um die Konfusion noch zu steigern, sind die Poesien nicht chronologisch, ästhetisch oder inhaltlich geordnet, sondern alphabetisch nach Stichworten, was die Abfolge in schönster Oulipo-Manier willkürlich erscheinen lässt. Es geht mir immer noch nicht um Endgültiges, sondern um Prozesse, die eben auch durch ein zufälliges Neben- und Nacheinander initiiert sein können.