Volker Renner +


potential sightings


Das Buch potential sightings zeigt keine Ufos, sondern Porträts von Menschen, die möglicherweise am »Sturm auf das Kapitol« am 6. 1. 2021 in Washington beteiligt waren. Ein Künstlerbuch mit Found Footage von der Website Faces of the Riot (https://facesoftheriot.com, die den Content wiederum von Plattformen wie Parler zog).
Das Buch potential sightings hat keine Seitenzahlen, dafür auf jeder Seite ein kryptisches Streifenmuster, welches in der Bindung verschwindet. Zu verstehen ist das Streifenmuster erst, wenn man das Buch wieder schließt und auf den Schnitt dicht am Buchrücken schaut – die Streifen auf jeder Seite ergeben zusammen die amerikanische Flagge.

So wie die Unschärfe eines Gemäldes beim Abstandnehmen von der Leinwand zu einem klaren Bild zusammenläuft, ist die Information der Streifen nur zu verstehen, wenn alle Streifen zusammen im Anschnitt betrachtet werden (als einzelner Streifen auf einer einzelnen Seite hätte dieser keinerlei Effekt).

Auf der grafischen Ebene wird damit das Thema dieses Buchs wiederholt: Einzelne Personen haben in aller Regel keine nennenswerte Sichtbarkeit, so wie ein einzelner Streifen auf einer einzelnen Seite im Schnitt eines Buchs von 480 Seiten nicht auffällt.
Aber 480 Seiten mit jeweils einem Streifencode zusammengebunden machen ein Bild, in diesem Fall die amerikanische Flagge oder zumindest eine Anmutung davon.
Zehntausende Anhänger Trumps, die sich am 6. 1. 2021 vor dem Kapitol in Washington zusammenrotten, von denen rund 800 marodierend in das Kongressgebäude einbrechen, machen einen Unterschied. Ein einzelner dieser Menschen wäre (fast) egal.

Täter sind ja (bekannt auch aus den Floskeln, die in der BRD im Zusammenhang mit Attentaten verwendet werden) angeblich immer nur verwirrte Einzeltäter ohne politische Motivation. Ihr Bild ist unscharf, ihre Haltung unklar ... man könnte ihnen eine schwere Kindheit, ein abgehängtes, zurückgesetztes Leben, eine psychische Krankheit andichten, um sie zu verstehen. (Mittlerweile ganz gut belegt ist allerdings, dass die Wutbürger der westlichen Welt mitnichten unterprivilegiert sind, sondern straighten Durchschnitt verkörpern.)

Der Horror, den diese Bildersammlung erzeugt, besteht nicht in der Monstrosität einzelner Taten sicherlich sehr verschiedener Menschen, sondern in ihrer massenhaften Überzeugung, das Kapitol stürmen zu müssen, aufgewiegelt vom abgewählten, aber gerade noch im Amt befindlichen Präsidenten Donald Trump.
Allein, dass sie gleichzeitig auf dem Rasen vorm Kapitol stehen, verwischt alles Individuelle, einzelne Beweggründe, biografische Details – sie sind jetzt eine unscharfe Masse, die sich für eine Weile stabil hält, von sich selbst berauscht.

In der Bild-datenbank Faces of the Riot, von der die Bilder dieses Künstlerbuchs gezogen wurden, wird diese Masse vor allem für Statistikerinnen, Soziologen, Kriminologinnen interessant, und zwar gerade als Masse, nicht als Individuen. Forscherinnen treten sozusagen von den Tausenden von Bildern zurück, um scharf erkennen zu können, was diese Masse verbindet.

Die erklärte Absicht dieser Massen-porträt-Website ist aber eine andere: Nicht die Masse ist interessant, sondern die möglicherweise erkennbaren Einzelnen, es geht darum, die Menschen wieder zu vereinzeln, als Individuen kenntlich zu machen, also scharf zu stellen. Es ist ein Online-Pranger, und Denunzianten sind aufgefordert, ihrem Impuls zur Selbstjustiz nicht nachzugeben, sondern die möglicherweise identifizierte Person dem FBI zu melden.

Anders als in der Datenbank sieht man im Buch potential sightings ausschließlich unscharfe Porträts, die aber immer noch einige Gemeinsamkeiten haben: Es sind überwiegend weiße Gesichter, und sie tragen keine Mund-Nasen-Masken, trotz der in den USA Anfang des Jahres 2021 grassierenden Covid-19-Pandemie.

Volker Renner unterläuft die Sensationsgier der Betrachter*innen mit seiner Entscheidung, den Online-Pranger zwar zu thematisieren, aber selber nur untaugliches Datenmaterial von dort zu verwenden. Die verwischten Gesichter triggern das Bedürfnis, mehr über einzelne Personen herausfinden zu wollen, befriedigen es aber nicht.
Der Effekt ist vergleichbar mit den unscharfen Fotos auf Dating-Plattformen (die scharfen Bilder sind hinter einer Bezahlschranke verborgen), welche die Idee einer Fülle möglicher Partner*innen triggern, gerade weil die Abbildungen unscharf sind.

Würde die Quelle der Abbildungen im Buch nicht genannt, könnten es Fotos von Kriegsschauplätzen, Familienfeiern oder Séancen sein. Malerische Gespensterfotografie jeder Art – um das zeitlich einzuordnen, kann man nur feststellen, dass es Aufnahmen nach der Erfindung des Farbfilms sein müssen, genauer bekommt man es nicht hin.
Diese Indifferenz der abgebildeten Menschen speist den Horror, der aber nur aufgrund der Offenlegung der Quelle entsteht: Es sind so viele – es könnte jeder sein.
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The website Faces of the Riot went online after a raging mob stormed the U.S. Capitol on January 6, 2021. It displays the faces of individuals who presumably participated in the assault. Remarkably, the photographic material comes from the alleged perpetrators themselves: it was they who uploaded the pictures to social media platforms like Parler, bragging about their acts before a like-minded audience. Far from serving as a gallery of profiles in courage, however, Faces of the Riot is a pillory. In the tradition of the Wild West’s “Most Wanted” posters, the site solicits information on suspects for the FBI.

Volker Renner, geboren 1977, lebt in Hamburg. Nach einem Studium der angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg beginnt er 2002 ein Studium der visuellen Kommunikation an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Nach seinem Abschluss mit Auszeichnung 2007 ist er zwei Jahre Meisterschüler bei Peter Piller an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seitdem ist er in Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen.

Bei Textem sind bis 2021 bereits zwei duzend Künstlerbücher von Volker Renner erschienen.

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Volker Renner

potential sightings

480 Seiten

44,00 Euro

Broschur

Design: Christoph Steinegger

Ma├če: 16 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-86485-258-9

Hamburg 2021