Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden Bd. 39
Ein Bühnenessay für sechs bis acht Arme und die unsichtbare Hand des Marktes.
In diesem Text geht es um alle: lange, kleine, große, dünne, alte Arme. Arbeitende Arme, obdachlose Arme, unsichtbare Arme. Gut gekleidete, versteckte und gebrochene Arme.
Von der Landnahme der ersten Säugetiere bis in den Alltag der Gegenwart nimmt »Arme Arme« in fünf Kapiteln und zahlreichen Episoden unermüdlich neuen Anlauf, um zu fragen und zu zeigen, was Armut ist und bedeutet, was sie begründet, beendet und aufrecht erhält.
Zwischen Kasperltheater und Prosa, szenischem Essay und lyrischen Listen begleitet der genreüberschreitende Text seine meist namenlosen Protagonisten durch die Zeit und die Welt, zu Ämtern und Gerichten, Firmen und Fernsehshows, folgt ihnen auf den Sportplatz, zur Tafel und die Tiefgarage eines Nobelhotels.
Dabei ist oft nicht ganz klar, von wem oder wovon die Rede ist, von Menschen in Armut oder von Körperteilen. Die beiden Bedeutungen des Wortes fallen ständig ineinander, überlagern sich und lösen sich wieder voneinander. So entsteht ein literarisches Vexierbild, in dem vertraute Aussagen plötzlich fremd erscheinen: Arme arbeiten. Arme hängen herum. Arme werden gebraucht. Arme werden gebrochen.
Diese permanente Verunsicherung ist nicht bloß sprachliches Spiel, sondern das zentrale Verfahren des Textes. Indem »Arme Arme« die Bedeutung seines eigenen Gegenstands unablässig verschiebt, entzieht der Text vermeintlichen Gewissheiten den Boden. Was oft selbstverständlich wirkt, wird plötzlich erklärungsbedürftig. Das vermeintlich Natürliche zeigt sich als historisch gemacht.
Die Wirklichkeit ist dabei nur Ausgangspunkt der Erzählung: In der Welt von »Arme Arme« wird die Armutsgrenze von Wachposten verteidigt. Räuber Hotzenplotz bekommt einen rechtsstaatlichen Prozess. Auf dem AMT (eine Abkürzung für »Arme müssen trainieren«) gibt es Fitnesskurse zur Stärkung der Arbeitskraft. Und die unsichtbare Hand des Marktes kann mit Hilfe einiger Packungen Mehl und eines unterbezahlten Lieferdienstfahrers wieder sichtbar gemacht werden.
Damit ist »Arme Arme« nicht zuletzt ein Text gegen den Betroffenheitsgestus. Gegen die allzu authentische, mitunter erbauliche Einzelfallerzählung, die in immer neuen Varianten Mitleid erzeugt, und dabei die Bedingungen verschleiert, unter denen Armut entsteht: Weil sie als persönliches Problem beschreibt, was eigentlich ein politisches ist.
»Arme Arme« wurde 2025 unter der Regie von Henri Hüster und Vasna Aguilar am Lichthof Theater Hamburg uraufgeführt und schaffte es auf die Shortlist des Berliner Theatertreffens 2026.